"Ich lag neben meinem Mann, unsere Kinder nebenan, und realisierte: Ich bin nicht heterosexuell"

Nikole Mitchell aus Minnesota, Mutter von drei Kindern und liebende Ehefrau eines wunderbaren Mannes, erzählt, wie es für sie war, eines Tages zu realisieren, dass sie nicht nur Männer liebt – und wie diese Erkenntnis ihr Leben verändert hat.

Nikole Mitchell ist eine junge Frau aus St. Paul in Minnesota, die 2016 ihrem Ehemann offenbarte, dass sie sich nicht länger als heterosexuell, sondern stattdessen als queer empfindet. Wie diese Erkenntnis ihr Leben und ihre Ehe verändert hat, erzählt Nikole Mitchell hier, weil sie hofft, dass ihre Geschichte, "Licht auf ein Thema wirft, das noch sehr wenig Aufmerksamkeit bekommt. Und dass sie anderen dabei hilft, ihre eigene Wahrheit herauszufinden und Wege, damit gut umzugehen."

Was tust du, wenn du eines Morgens aufwachst, neben dir liegt dein geliebter Ehemann, nebenan deine drei Kinder, und dann zum allerersten Mal realisierst – du bist nicht länger heterosexuell? Wie gehst du mit so einer Offenbarung um? Wie gehst du damit um, ohne das Gefühl zu haben, du hättest ein "schmutziges Geheimnis"?

Das war ich vor drei Jahren.

Lasst mich euch ein bisschen zum Hintergrund erzählen. 

Mein ganzes Leben lang dachte ich, ich wäre heterosexuell. In meiner Jugend war ich verrückt nach Jungs. Ich träumte von Jungs, datete Jungs, machte mit Jungs herum und träumte davon, eines Tages einen von ihnen zu heiraten. Und die Jungs waren auch nach mir verrückt. Ich habe zwei Heiratsanträge bekommen, bevor ich meinen Ehemann traf (aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal).

Als ich meinen Ehemann traf, war es ein perfekter Wirbelwind der Romantik.

Wir trafen uns im Oktober 2008, begannen im November, uns zu daten, im Dezember verlobten wir uns, und ich hätte ihn im Januar geheiratet, wenn ich nicht so viel Sorge davor gehabt hätte, dass die Leute ausflippen würden angesichts einer so schnellen Beziehung. Also warteten wir bis Juli, bis wir uns das Jawort gaben.

Wir waren beide Lehrer und arbeiteten sehr gerne zusammen an derselben Schule. Wir gingen zusammen hin und zurück, machten zusammen Mittagspause, besuchten uns in den Pausen und schickten uns gegenseitig Valentinskarten über das Schulbüro. Wir waren verrückt nacheinander und liebten es, miteinander Zeit zu verbringen.

Sehr schnell wurden wir auch schwanger (Überraschung!!) und die folgenden sechs Jahre waren ein Wirbelsturm aus drei Kindern, Jobwechseln, Umzügen und schließlich einem ruhigeren Rhythmus mit einem Mann, der Vollzeit arbeiten ging, und mir, die ich zu Hause blieb, um mich um unsere Kinder zu kümmern.

Zu der Zeit waren wir beide auch sehr aktiv in der Kirche und es war die erste Kirche, der ich je angehörte, die "Homosexualität" nicht direkt verurteilte. Die Kirche sprach nicht dafür, sie war aber recht offen gegenüber der LGBTQ-Community, und das machte mich neugierig. (Anmerkung der Redaktion: LGBTQ ist eine Abkürzung für die Begriffe Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer, also Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender und Queer. Queer bedeutet dabei, dass man jeder Gruppe von LGBT angehören könnte, manchmal aber auch nicht weiß, zu welcher man gehört oder gehören möchte, was auch völlig in Ordnung ist (Quelle: USA Today).)

Als ich aufwuchs, wurde mir zwar beigebracht, dass Homosexualität eine Sünde sei und ich war vertraut mit jenen Versen der Bibel, von denen konservative Christen annehmen, dass sie Homosexualität verurteilen. Aber ich hatte noch nie davon gehört, wie LGBT-Christen diese Verse für sich interpretieren und war neugierig darauf, mehr über ihre Gedanken dazu zu erfahren. Ich las viele Artikel und Bücher, hörte mir Interviews an, schaute Videos und nahm sogar an einem Kurs zu "Queer Theologie" teil. Im Laufe dieses Prozesses kam ich zu der Überzeugung, dass die Heilige Schrift Homosexualität nicht verurteilt und wurde ein leidenschaftlicher Verfechter. (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat Nikole Mitchell sich vom christlichen Glauben losgesagt und bezeichnet stattdessen Liebe als ihre Religion.)

In der Folge verbrachte ich mehr und mehr Zeit bei Queer-Events. Immer spürte ich diese magnetische Anziehung und fühlte mich angezogen von den queeren Personen, was mich sehr verwirrte, denn ich dachte ja immer: Ich bin heterosexuell.

Anfangs dachte ich, dass ich eben einfach Menschen liebe.

Ich liebe es, neue Menschen kennenzulernen, mit ihnen zu sprechen. Ich fühle mich von allen möglichen Menschen angezogen, finde Menschen einfach schön.

Aber irgendetwas passierte mit mir, irgendwie machte es Klick, als ich eines Nachts bei diesem Queer-Event war. Plötzlich dachte ich: "Oh mein Gott. Ich bin nicht hetero."

Ich wünschte, ich könnte heute sagen, dass dies ein Moment voller Freude war, denn heute LIEBE ich es, queer zu sein. Doch damals, in dem Moment, wurde mir erstmal schlecht.

Denn ich fragte mich: Was bedeutet das für meine Ehe? Was bedeutet das für meine Kinder? Was bedeutet das für mich?

Plötzlich kamen mir Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend in den Sinn, meine Queerness machte auf einmal so viel Sinn. 

In der Schule zum Beispiel war ich sehr verliebt in die Band "Hanson". Ich dachte, die drei Jungs wären Mädchen, mit ihren langen Haaren. Auch als ich herausfand, dass die drei Brüder waren, blieb ich in sie verknallt. Meine zwei größten Highschool-Lieben waren Queer-Männer. Ich war sogar einmal kurz verliebt in eine Freundin am College.

Es gab viele Anzeichen für meine Queer-Identität. Ich hatte nur keinen Blick dafür, keine Worte, um zu beschreiben, was ich erlebte, und auch nicht die Freiheit auszukundschaften, was ich all die Jahre empfand.

Und da war ich: 32 Jahre alt, realisierte zum ersten Mal, dass ich nicht nur Männer liebte, verheiratet mit einem Mann und drei Kindern an meiner Seite.

Ich fühlte mich so allein.

Ich kannte niemanden, dem es ähnlich gegangen wäre. Ich kannte nur heterosexuelle Paare und schwule Paare. Wo waren die anderen Paare, die mit einem queeren Partner und einem heterosexuellen?

Ich wusste, meine neue Selbstwahrnehmung würde schmerzhafte Konsequenzen haben. Darum dachte ich für einen Moment, ich könnte einfach so tun, als hätte ich nie bemerkt, dass ich queer bin. 

Aber ich wusste, dass das nicht möglich war. Mir ist Authentizität sehr wichtig und ich liebe zu sehr, als dass ich mir das hätte antun wollen. Also, was tun?

Ich tat also, was ich zu tun weiß: ehrlich, verletzbar und tapfer sein. Ich sagte meinem Ehemann die Wahrheit. 

Wir standen in der Küche in jener Nacht und ich fühlte diesen Stich in meinem Herzen, der mir sagte, jetzt ist es soweit. Ich holte tief Luft und fragte meinen Mann: "Wüsstest du gerne etwas Interessantes von mir?" Er sagte: "Ja, Baby." 

Ich sagte: 'Ich habe etwas über mich selbst realisiert ... und das ist ... ich bin nicht heterosexuell. Ich bin queer.'

Er hörte auf abzuwaschen, drehte sich zu mir herum, und bat mich mit Zärtlichkeit in seinen Augen darum, zu erklären, was ich meinte. Ich erzählte ihm von meiner Reise, von meiner magnetischen Anziehung zu queeren Leuten und wie es schließlich klickte. Als ich endete, sagte er mit so viel Liebe in seiner sanften Stimme: "Ich denke, das ist großartig, Baby. Ich denke das ist völlig normal, gesund, und ich unterstützte dich vollkommen."

Ich brach weinend zusammen.

Mein Mann nahm mich in seine Arme, ließ mich weinen, bis ich nicht mehr weinen konnte. Als meine Tränen versiegten, sah er mich an und fragte leise: "Hast du dich gut ausgeweint?" 

Mein Herz könnte diesen Mann nicht mehr lieben. Er war und ist das Wesen der Liebe. 

Im folgenden Jahr führten mein Mann und ich viele, viele Gespräche. Er unterstützt mich in meiner Entwicklung und meinem neuen Verständnis meiner selbst. Ich lernte, dass ich pansexuell bin, was bedeutet, dass ich mich von allen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht angezogen fühle. 

Ein Jahr nach meinem Coming-Out gegenüber meinem Ehemann sagte er mir, dass er in jener Nacht erwartet hatte, dass ich ihm sagen würde, dass ich mich von ihm trennen wollen würde. Ich war erschrocken, das zu hören, denn das hatte ich nie vor.

Ich fühlte mich schlecht, weil er diese Sorge ein Jahr lang für sich behalten und allein getragen hatte, und fragte ihn, warum er mir nicht früher davon erzählt hatte. Er sagte, dass er mich nicht unter Druck hatte setzen wollen, damit ich ganz frei meine Entscheidungen würde treffen können.

Es gibt Zeiten, in denen ich schwöre, dass ich diesen Mann nicht mehr lieben kann, und dann gibt es Momente wie diesen, in denen mich die Weite seiner Liebe völlig überwältigt. 

Und so kommen die Dinge zusammen.

Die meisten Leute gehen davon aus, dass es in einer Ehe wie der unseren, entweder eines Tages zur Scheidung kommt, damit der queere Partner einen ebenfalls queeren Partner finden kann, oder aber dass man zusammen bleibt und der queere Partner völlig glücklich damit ist, in einer heterosexuellen Ehe zu leben. 

Wir leben in der Spannung dieser Realitäten.

Ich liebe meinen Mann aus tiefstem Herzen, ich kann mir kein Leben ohne ihn vorstellen und habe keine Absicht, mich scheiden zu lassen. Aber ich spüre auch ein Verlangen nach der Liebe und dem Körper einer queeren Person.

Denn weil ich meine Queerness erst nach meiner Eheschließung entdeckte, habe ich Sexualität immer nur mit Cis-Männern erlebt, also Männern, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Es gibt Tage, an denen ich mich verzehre nach den queeren Erfahrungen, die ich nicht gemacht habe, nach der Zärtlichkeit und dem Körper einer Frau, mit der ich kuscheln und meine queere Sexualität leben könnte.

Also bin ich für immer gefangen, zwischen dem Verlangen danach, meine queere Sexualität vollends anzunehmen, und zu leben und dem Verlangen, meine Ehe mit meinem Mann voll und ganz zu ehren und zu respektieren.

Und das ist die Realität, über die die meisten Menschen nicht sprechen wollen. Menschen bevorzugen klare Antworten und schwarz-weiße Realitäten. Meine Ehe und meine Identität können das nicht bieten. 

Mein Mann und ich leben in einem begrenzten Raum mit sich überschneidenden Identitäten, und wir entscheiden uns dafür dies anzunehmen, indem wir sie Tag für Tag annehmen, ohne uns ungesunde Erwartungen aufzuzwingen oder uns in irgendeine Art von Kiste zu stecken. 

Wir lieben uns aus tiefstem Herzen, respektieren uns gegenseitig sehr und navigieren zusammen durch harte und wertvolle Gespräche. Ist es nicht das, worum es geht im Leben?

Nach meinem Coming-Out gegenüber meinem Ehemann im Sommer 2016 sprach ich 2017 öffentlich in einer kleinen YouTube-Serie über mein Leben. Das tat ich aus verschiedenen Gründen.

Ich wollte, dass andere Menschen in einer solchen Situation sich nicht so alleine fühlen wie ich, als ich realisierte, dass ich queer bin.

Ich hoffte darauf, dass meine Geschichte anderen Menschen Mut und Hoffnung geben würden, so wie mir die Geschichten von anderen Menschen geholfen haben.

Ich wollte gegen Vorurteile gegenüber queeren Menschen angehen, indem ich klar mache, dass Queerness existiert, unabhängig davon, ob du es wahrnimmst oder nicht. Wir sind eure besten Freunde, Kollegen, Lehrer, Nachbarn, Töchter und Väter. Also bitte, seid die Art von Familienmitglied, denen gegenüber man sich traut, ein Coming-Out zu wagen. Ich wollte gesehen und geliebt werden, ganz so wie ich bin, nicht obwohl ich so bin, sondern weil ich so bin, wie ich bin.

Ich wollte, dass Menschen sehen, dass Queerness und Pansexualität ein Geschenk für diese Welt sind. Ich wollte den Weg weitergehen, den meine LGBTQ+-Familie für mich beschritten hat. Ich tue das für die, die nach mir kommen.

Ich wollte dabei helfen, diese Welt sicherer zu machen, schöner und inklusiver für uns alle. 

Und das ist noch immer, wofür ich bete. Alles, was ich tue, als Ehefrau, Mutter, Freund und Lebenscoach, tue ich dafür: diese Welt sicherer, schöner und liebevoller machen – für uns alle."

In diesem Video beantwortet der Ehemann von Nikole Mitchell, John Mitchell, in englischer Sprache Fragen von Followern der beiden zum Leben einer Ehe mit einem queeren Partner: 

YouTube Nikole Mitchell

Diese Geschichte von Nikole Mitchell wurde zuerst bei LoveWhatMatters.com veröffentlicht und mit freundlicher Genehmigung von Nikole Mitchell von BRIGITTE.de ins Deutsche übersetzt. Wer Nikole Mitchell auf ihrer Reise folgen möchte, findet sie hier bei Instagram, Facebook, YouTube und auf ihrer Webseite NikoleMitchell.com

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