Ich habe keine Lust mehr – soll ich ihm vorschlagen, mit anderen Sex zu haben?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Mit anderen Sex haben ...

... sollte nur vorschlagen, wer in einer offenen Beziehung leben kann. Wer es sonst vorschlägt, sollte sich fragen, ob er die Beziehung nicht schon beendet hat. Bonobos sind, neben den Schimpansen, unsere nächsten Verwandten. Und für Bonobos ist Sex ein Mittel, mit dem sie für den Zusammenhalt ihrer Horde sorgen. Bei den Bonobos sind Sex und Beziehungen untrennbar verbunden. Also so wie bei uns. Auch wenn es bei Bonobos um Gruppenbindung geht, während es sich bei uns im Allgemeinen um Liebesbeziehungen handelt. Wenn wir nur noch mit dem Geliebten schlafen und mit niemand anders mehr, dann sind wir ein Paar. Und jedes Mal, wenn wir als Paar Sex miteinander haben, bestätigen wir damit, dass wir zusammengehören.

Beziehung: Daran erkennt ihr, ob ihr an einem "Liebes-Burnout" leidet

Sex mit jemand anders ist dagegen die fundamentalste Bedrohung unserer Mikro-Gruppe. Das ist zumindest das grundsätzliche Muster, dem wir folgen. Auch wenn wie immer das Feld der Emotionen riesig ist und Ausnahmen die Regel bestätigen: Paare haben keinen Sex mehr und leben trotzdem zusammen. Andere sind Single, in offenen Beziehungen oder verbinden Freundschaften mit Sex.

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Doch am meisten um Sex gerungen wird in den festen Liebesbeziehungen. Weil einer den "Bonobo-Weg" gehen will und durch Sex alle Spannungen beseitigen möchte, während der andere erst die Spannungen aus der Welt haben will, um sich wieder auf sexuelle Intimität einlassen zu können. Und weil die Lust aufeinander nicht immer gleich ist. Mal will einer mehr, mal der andere gar nicht. Daraus können Konfliktmuster entstehen, die die Sexualität blockieren.

Jeder hat das Recht, keine Lust zu haben 

Alles, was in einer Beziehung geschieht, beeinflusst die Sexualität. Deshalb ist die grundsätzliche Frage, was geschehen ist, dass zumindest einem die Lust vergangen ist. Denn niemand hat "einfach so" keine Lust mehr, so wie niemand "einfach so" mal einen Burn-out erleidet. Jeder hat das Recht, keine Lust zu haben. Aber Sexualität in einer Partnerschaft ist kein rein individuelles Erleben. Deshalb gilt es für das Paar zu verstehen, wie es dazu gekommen ist. Welche Ereignisse, welche Gefühle dazu geführt haben.

Wer stattdessen den Partner anderweitig auf Lustsuche schickt, stellt die Beziehung an sich infrage. Denn die Freigabe der Sexualität wird vom Weggeschickten als Ablehnung erlebt. Seine oder ihre Sexualität, sein oder ihr Begehren werden entwertet, wenn es erscheint, als sei es beliebig zu befriedigen. Außerdem entsteht durch Sex mit anderen fast immer eine Intimität außerhalb der Beziehung, die in der Beziehung dann nicht mehr existiert. Der Vorschlag, die Beziehung zu erhalten, indem einer seine Sexualität mit anderen auslebt, ist deshalb paradox. Die Beziehung wird dann nur weiterleben, wenn das Paar sehr vertrauensvoll im Austausch ist. Wenn ein Paar aber so offen und intim miteinander sein kann – dann kann es auch die Blockaden seiner gemeinsamen Sexualität lösen. 

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BRIGITTE 18/2019

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