VG-Wort Pixel

Offene Ehe: Wie man mit Zweifeln umgeht

Offene Ehe: Pärchen am Strand
© Dean Drobot / Shutterstock
"Hat sie mit ihm die ganzen schönen Momente, und mir bleibt nur der Alltag?" – Diese Frage stellt sich Katjas Ehemann C., 53, manchmal. Weil seine Frau mit dem anderen ja nicht nur Spaß will, sondern auch Gefühle für ihn hat.

Als das mit meiner Affäre herauskam und wir feststellten, dass uns beiden etwas fehlte, war eine offene Beziehung nicht sofort die Folge. Wir hatten Angst davor, was Intimität mit anderen mit uns beiden machen würde. Doch ein paar Monate später verknallte sich Katja anscheinend ziemlich heftig in einen gemeinsamen Bekannten. Und weil wir inzwischen an unsere Ehrlichkeit gewöhnt waren, wusste ich von jeder noch so kleinen Gefühlsregung in ihrem Inneren. Also sagte ich: "Was soll’s. Ich hab’s auch getan, also werde ich dich nicht davon abhalten." Interessanterweise hatten wir gerade am Anfang unserer offenen Beziehung viel mehr Sex miteinander als vorher. Vermutlich machte uns die Konkurrenz spannender füreinander. Dazu kam das Bedürfnis, zu versichern: Ich bin bei dir, auch wenn ich gerade bei jemand anderem war.

Vermutlich machte uns die Konkurrenz spannender füreinander.

Als L. in Katjas Leben auftauchte, habe ich mir erst mal nichts dabei gedacht. Da waren auch vorher immer wieder Affärentypen. Witzigerweise kannte ich L. schon, bevor Katja ihn kennenlernte. Wir waren uns bei einer Jobveranstaltung über den Weg gelaufen und er war mir gleich sympathisch: netter Typ, mit dem man gut quatschen kann, der sich aber auch nicht aufdrängt. Manchmal habe ich trotzdem das Gefühl, dass er mir gegenüber ein bisschen befangen ist. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass bei den Gelegenheiten, die wir zusammen verbringen, immer viele Menschen um uns sind. Entweder sind da Kinder oder wir sind auf einer Veranstaltung oder wir haben Gäste...

Viele Menschen wundern sich auch, wie ich so gelassen bleibe, obwohl meine Frau ja nicht nur Sex mit L. hat, sondern auch noch Gefühle für ihn. Aber ich bin mir Katjas Liebe und unserer Beziehung einfach wirklich sehr, sehr sicher. Wenn wir uns eines Tages trennen sollten, dann sicher nicht wegen eines anderen Mannes — sondern weil wir unsere Beziehung vor die Wand gefahren haben. Der andere wäre dann eher ein Vehikel, um da rauszukommen und nicht der eigentliche Grund.

Ich bin mir Katjas Liebe und unserer Beziehung einfach wirklich sehr, sehr sicher.

Und warum sollte ich Katja nicht ein gutes Leben gönnen? Ich weiß, dass ich nicht all ihre Bedürfnisse befriedigen kann – niemand kann das, für niemanden. Mit L. erlebt sie ganz andere Sachen als mit mir. Wenn es eine Ausstellung gibt, die Katja sehen will, dann wird sie da eher mit L. hingehen. Während wir zusammen in der Sauna landen oder beim Parkspaziergang. Ich genieße auch gern mal einen Abend allein, mit niemandem reden zu müssen, auch mit Katja nicht. Andere Paare dürften so etwas meist noch nicht mal aussprechen!

Schwierige Situationen gibt’s trotzdem. Wenn ich mal nicht mehr der Erste bin, dem Katja ihre Breaking News erzählt. Das können banale Dinge sein wie ein Streit mit einer Freundin, aber auch größere wie ihr Buchvertrag. Da habe ich kurz Angst, dass L. ihr vielleicht wichtiger sein könnte. Aber das ist wirklich nur sekundenweise und auch irrational – wie die Angst vor einem Gewitter, obwohl man ja eigentlich weiß, dass da ein Blitzableiter ist. Am Anfang fühlte es sich auch merkwürdig an, zu wissen, dass L. Zeit mit meinen Kindern verbringt. Da war sofort der "Er nimmt meinen Platz ein"-Verdacht. Aber auch das konnte ich gut relativieren. Ich kann mir der Liebe und Zuneigung meiner Kinder ja noch sicherer sein, immerhin bin ich ihr Vater.

Zwischendurch haben Katja und ich Phasen, in denen ich merke: Wir stecken so tief in unserem Familienalltag fest, dass wir keine Zeit mehr für einander haben. Da muss ich mich vor Gedanken hüten wie: "Die schönen Momente bekommt alle L., und für mich bleibt nur der Alltag." Ich werte sie aber schnell als Indiz dafür, dass wir uns schlecht organisiert haben und gegensteuern sollten. Im Moment achten wir darum bewusst darauf, regelmäßig Dates zu haben — und wenn’s nur ein Vormittag im Café ist.

Ja, okay, manchmal bin ich schon neidisch auf das, was sie zusammen haben. Es ist aber ein sehr theoretischer Neid, weil ich eigentlich gar keine Lust auf eine zweite feste Beziehung habe. Vermutlich würde ich es sowieso weder zeitlich noch emotional hinkriegen, mich darauf einzulassen. Dafür muss man ja auch Energie übrighaben. Aber wer weiß, vielleicht habe ich die ja eines Tages. Spätestens, wenn L. bei uns eingezogen ist und dann auch mal die Kinder übernimmt.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Liebe, Beziehung&Persönlichkeit-Forum"  der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BRIGITTE als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

BRIGITTE 10/2020

Mehr zum Thema