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Paartherapeut klärt Offene Liebe – nur eine Illusion?

Offene Liebe: Rote Herzchen-Luftballons fliegen in den blauen Himmel
© josto/shutterstock
Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Kurz gesagt: 

Vermutlich ist es keine Illusion. Aber noch ist sie mir nicht begegnet, die offene Liebe. 

Jetzt mal ausführlich: 

Karin lebte ein paar Jahre ohne feste Beziehung. Sie führte Freundschaften mit Männern, mit denen sie auch Sex hatte, sich aber keine Partnerschaft vorstellen konnte. Doch dann verliebte sie sich in Jeremy, und Karin wurde unsicher. Einerseits wollte sie die aufblühende Liebe und erfüllende Sexualität mit Jeremy nicht gefährden. Andererseits konnte sie sich nicht vorstellen, von nun an niemals mehr mit einem anderen Mann Sex zu haben. Der Widerspruch zwischen einer freieren Sexualität und einer festen, vertrauensvollen Liebesbeziehung macht fast jedem Paar zu schaffen, was sich nur allzu oft in Fremdgehen und geheimen Affären zeigt, die das Vertrauen zwischen den Partnern zerstören. Swingerclubs scheinen nur für wenige eine gute Lösung zu sein. Für die meisten bleibt Sexualität das, was unsere Liebesbeziehung von anderen Beziehungen abgrenzt und einzigartig macht - was sinnvoll ist, weil durch Sex Bindung und damit Liebe entsteht. Diese Grenze ist auch unsere emotionale Sicherheit, um nicht von Eifersucht und Verlustängsten überwältigt zu werden. 

Die Entwicklung der Beziehungskultur

Aber muss das so sein? Sind das nicht nur erlernte Erlebensweisen, Besitzansprüche, moralisches Gepolter? Oder sind wir für offene Liebesbeziehungen gar nicht geschaffen? Auf unsere nächsten Verwandten schauen wir dabei vergeblich. Wir sind keine Affenhorden, in denen koitiert wird, sondern Menschen, die Liebe machen. Und möglicherweise haben wir bereits Schritte in Richtung offene Beziehung gemacht. 

Offene Liebe: Oskar Holzberg
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© Ilona Habben

 Im Vergleich zu früher haben wir uns von Hemmungen und moralischen Zeigefingern befreit. Wir haben eine Beziehungskultur entwickelt, in der nicht mehr ein Partner den Ton angibt oder wir engen gesellschaftlichen Normen folgen. Nicht mehr ökonomischer Druck, sondern emotionale Bedürfnisse bestimmen unsere Partnerschaften. Wir erkennen an, dass wir verhandeln, achtsam und respektvoll miteinander sein sollten und jedes Paar seinen eigenen Weg finden muss. Nein, unsere Beziehungen sind dadurch wahrlich nicht einfacher geworden. Aber es sind vielleicht die demokratischsten und besten Liebesbeziehungen, die je existiert haben. 

Ist offene Liebe möglich? Die Antwort ist schwierig

Es gibt kein Rezept, nur Experimente. Karin und Jeremy leben erst mal monogam, sie haben die Lösung der großen Frage verschoben. Genaro und James, ein anderes Paar, experimentieren damit, dass Seitensprünge erlaubt sind, aber man nie mehr als einmal mit einem anderen Partner schlafen darf. Sind offene Liebesbeziehungen nun möglich? Ich würde gern eine Antwort geben, aber die Antwort existiert noch nicht. Wir haben bisher gelernt, unsere Gefühle ernster zu nehmen, offener zu teilen und unsere Verletzlichkeit nicht zu verbergen. Aber offene Liebesbeziehungen heißen so, weil sie noch mehr Offenheit von uns verlangen. Zu dritt oder viert zu lieben werden wir nur mutig durch Versuch und Irrtum erreichen. Und über die anspruchsvolle Balance, uns herauszufordern, ohne uns zu überfordern.

Brigitte 13/2018

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