Oldenburg: Qigong gegen Stress in der Schule

Ein Oldenburger Gymnasium wagt ein Experiment: Mit Hilfe von Qigong und Yoga sollen Schüler besser lernen.

Qigong gehört am Neuen Gymnasium Oldenburg zum Stundenplan

"Du Arsch", schreit ein Junge und knufft einem andern in den Arm. Zwischen Tischen und Stühlen springen zwei Teenies in weiten Jeans herum, stampfen im Takt von "In the end" übers Linoleum. Rockmusik von Linkin Park schallt aus einem Kassettenrekorder. Die Mädchen stecken die Köpfe zusammen und quatschen. Wie lange habt ihr gestern gechattet? Hab ihr schon den neuen Song von Pink gehört? Freitag morgen, zwanzig vor neun, Pause in der 7b.

Ein grauhaariger Mann kommt zur Tür herein. Legt seine Mappen und Bücher aufs Pult. Sagt: "Guten Morgen. Macht die Augen zu. Stellt euch vor ihr seid ein Baum." So leise ist es plötzlich in der Klasse, als hätte jemand den inneren Lautstärkeregler der 29 Kinder auf null gestellt.

Breitbeinig stehen die 12 und 13 Jahre alten Mädchen und Jungen im Raum, lassen ihre Rastazöpfe, blondierten Haare, hochgegelten Ponys wie bei einer imaginären Windbö leicht nach vorn und nach hinten wanken. Fühlen, wie ihre Wurzeln sie am Boden halten. Spüren die Wärme im Bauch, die innere Ruhe. Nach fünf Minuten Arme kreisen, Hände Richtung Himmel strecken, das Qi wecken sagt der Lehrer Horst Werther: "Ihr dürft euch setzen."

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Das Schulzentrum Alexanderstraße in Oldenburg

Das Gymnasium im Nordwesten Niedersachsens ist eine ganz normale Schule mit ganz normalen Problemen. Normal ist, dass die Farbe von Fensterrahmen blättert, dass manche Toiletten seit fünfzig Jahren nicht renoviert worden sind. Normal ist, dass Entspannung und Erholung keinen Platz auf dem Lehrplan haben, obwohl das Thema selbst für Erwachsene im aufreibenden Alltag schon lange überlebenswichtig ist. Mit schnellen Schritten läuft Horst Werther zur nächsten Klasse.

Seit fast drei Jahrzehnten arbeitet er als Deutsch- und Russischlehrer am Gymnasium. "Der Stresspegel ist für die Schüler in den letzten Jahren ganz deutlich gestiegen. Die Kinder sind wesentlich unkonzentrierter, hippeliger und lauter als früher." Da ist der zunehmende Druck, gute Zensuren zu bekommen, um später eine Chance in der Arbeitswelt zu haben. Da sind Computer und Fernsehen, vor denen Kinder Stunden verbringen statt sich zu erholen. Da sind die Schulreformen, die zum Beispiel den Unterrichtsstoff für Gymnasiasten, früher auf 13 Jahre verteilt, in zwölf Jahre pressen. "Meine Qigong-Klasse hat 32 Stunden die Woche", erzählt Lehrer Werther. An manchen Tagen kommen die Kids erst abends um fünf nach Hause. Wahrhaftig ein stressiges Leben.

Als letztes Jahr die Anfrage der Universität Oldenburg kam, ob das "Neue Gymnasium" bereit wäre, eine Regenerationsstudie mitzumachen, war Horst Werther sofort dabei. Das Institut für Psychologie wollte, unter der Leitung von Professor Wilfried Belschner und Doktor Johann Bölts, mit drei unterschiedlichen Entspannunstechniken die Erholungsfähigkeit von Schülern und deren Auswirkungen auf Leistung und Wohlbefinden erforschen.

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Yoga und Atemübungen gegen Stress und Leistungsdruck

Sechs Monate lang ließ Werther, ausgebildeter Qigong-Lehrer, seine Kinder mit der alten asiatischen Technik arbeiten, jeden Tag nur fünf Minuten. Eine Lehrerin machte in einer anderen Klasse Atemübungen kombiniert mit Yoga, ein Kollege las einfach kurz aus einem Buch vor. Für manche Kinder eine gewöhnungsbedürftige Erfahrung. "Wir fühlten uns am Anfang verkackeiert", sagt Tomke Mannhaupt, die zur Gruppe Yoga und Atemübungen gehörte. "Die Bewegungen sahen so dumm aus." Aber in allen drei Klassen wurde es ruhiger nach der Entspannungsphase, die meisten Kinder haben die Unterbrechung im Unterrichtsmarathon genossen. Frauke Reit aus der 7b macht jetzt sogar abends Qigong, weil sie schlecht schläft. Die Übungen helfen ihr, runterzukommen, abzuschalten.

Was sagen die offiziellen Ergebnisse? Eike Stut, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Regenerationsstudie, setzt sich an den großen ovalen Tisch im Besprechungszimmer und zieht seine Kurven und Diagramme aus der Tasche: "Alle Kinder empfinden weniger Stress. Und die Konzentrationsleistung ist stark gestiegen." Am besten hat die Qigong-Gruppe abgeschnitten, ihre Stressanfälligkeit ist am deutlichsten nach unten gesackt. Der Grund? "Körperlich aktiv zu sein und die Aufmerksamkeit nach innen zu richten, das bringt die meiste Erholung." Dabei waren die fünf Minuten am Tag hoffentlich nur ein Anfang - ein Anstoß, um Erholungstechniken in den Ablauf der Schulen fest einzuplanen. "Regenerationskompetenz wird in Zukunft noch wichtiger sein", sagt Eike Stut. Wer das als Kind lernt, wird auch als Erwachsener weniger Probleme mit Stress haben.

Die Studie ist beendet, Horst Werther macht weiter. Die Hälfte der 7b ist vor der Deutschstunde freiwillig dabei - ein Erfolg. Und: Donnerstag nachmittags kreisen 16 Lehrer unter Werthers Anleitung ihre Arme, wecken ihr Chi. Was sage die Kinder? "Cool."

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Interview mit Dr. Johann Bölts, vom Institut für Psychologie an der Universität Oldenburg

BRIGITTE: Hat sich das bessere Lernklima in den teilnehmenden Klassen auch auf die Noten ausgewirkt?

Bölts: Nein, dazu war Zeitraum vermutlich zu kurz. Wir hatten nur drei mal eine Woche innerhalb eines Schulhalbjahres zur Verfügung. Ich bin aber überzeugt, dass sich die positiven Effekte langfristig auch in den Zeugnissen zeigen werden.

BRIGITTE: Gibt es Beispiele?

Bölts: An einer Grundschule hier in Oldenburg wird Qigong ab der ersten Klasse praktiziert. Der Lehrer setzt die Methode zum Beispiel gezielt vor Diktaten ein. Er berichtet, dass vor allem Kinder, die unter Stress viele Fehler machen, dadurch besser abschneiden. Und auch das Schriftbild der Schüler hat sich stark verbessert.

BRIGITTE: Warum hat die Qigong-Klasse in Ihrem Versuch am besten abgeschnitten?

Bölts: Wahrscheinlich ist Qigong gut geeignet, um achtsamer mit sich selbst umzugehen und bei Anforderungen gelassener zu reagieren. Die Bewegungen werden häufig mit Tiernamen assoziert, sind dynamischer als beispielsweise im Yoga. Deshalb fällt Kindern und Jugendlichen der Zugang vermutlich leichter.

BRIGITTE: Nun kann nicht jeder Lehrer Qigong unterrichten...

Bölts: ...aber es lernen. Die Lehrer profitieren ja selbst sehr stark von einem guten Lernklima. Wir wollen jetzt in der Lehrerausbildung Qigong anbieten, als Strategie gegen einen späteren Burn-out. Und wir bieten hier an der Uni ein Kontaktstudium Qigong. Wir sagen aber auch ganz klar: Das alles reicht nicht. Wenn man die Schulzeit von 13 auf 12 Jahre verkürzt, muss man den Stoff sinnvoll reduzieren. Sonst macht das Schüler und Lehrer krank.

Weitere Informationen: www.uni-oldenburg.de

Text: Astrid Joosten Interview: Beate Koma Fotos: Jörg Fokuhl

Wer hier schreibt:

Beate Koma
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