Auch die Liebe kann kentern

Manchmal reicht ein kluger Gedanke, um eine Beziehung wieder auf Kurs zu bringen. Das erlebt der Paartherapeut Oskar Holzberg täglich in seiner Praxis. Hier seine Schlüsselsätze der Liebe.

Ich kann schon nicht mehr richtig schlafen", sagt Frau H. "Die Kleine kommt in die Schule, die Große aufs Gymnasium. Wir ziehen in zwei Monaten um. Du hast noch deine Zahn-OP. Meine Schwester heiratet. Wir haben diese USA-Reise gebucht. Danach fängt mein neuer Job an. Ich weiß echt nicht, wie wir das alles schaffen sollen."

"Ach komm", antwortet Herr H., "wir haben das doch immer geschafft. Irgendwie wird das schon klappen!" – "Irgendwie? Das ‚irgendwie', das bin doch ich!" Und dann schweigen sie beide.

Herr H. findet, seine Frau werde langsam depressiv. Sie sehe nur noch Probleme, ständig sei ihr alles zu viel. Frau H. findet, es liege an ihm, und wenn sie irgendetwas depressiv mache, dann seien das seine Bemerkungen. Er sehe gar nicht, wie ihn sein Job als Manager versaut habe; ständig wolle er nur noch ein neues Ziel erreichen. Ansonsten trainiere er Marathon und merke gar nicht, was er alles auf sie abwälze. Das findet er wiederum völlig ungerecht – bei allem, was er für sie beide tue. Das Problem sei vielmehr, dass sie nicht richtig mitziehe. Und so sitzen sie sich unversöhnlich gegenüber: als verzagte Bedenkenträgerin und ignoranter Hochleistungshengst.

Wenn Rollen in einer Beziehung zu einseitig werden, polarisieren sich die Paare auseinander

Oskar Holzberg ist seit über 30 Jahren verheiratet, seit mehr als 20 Jahren berät der Psychologe Paare. Dabei stellte er fest, dass einige Sätze für alle Beziehungen gelten. In jeder BRIGITTE stellt er einen davon vor.

Paare wie das Ehepaar H. polarisieren sich selbst auseinander. Die Polarisierung tritt auf, wenn die Rollen in der Beziehung zu einseitig werden. Er sieht überhaupt keine Probleme mehr, sie entdeckt sie überall. Jeder vertritt nur noch einseitig eine Position. Die Gemeinsamkeit geht verloren und die Liebe droht wie ein Boot zu kentern, in dem sich jeder nur noch in seine Richtung lehnt, allerdings nie gleichzeitig.

In ungelösten Konflikten polarisieren sich Paare in dauergeil und lustlos, dominant und kuschend, kontrollierend und freiheitsliebend. Es gibt kein Bunt mehr, die Partner stehen sich als Schwarz und Weiß gegenüber. Das erinnert an das Yin und Yang-Zeichen. Doch dort gibt es immerhin noch einen kleinen weißen Punkt mitten im schwarzen Feld und einen kleinen schwarzen Punkt mitten im weißen Feld. Sie symbolisieren, dass das eine jeweils im anderen enthalten ist.

Das aber geht solchen Paaren verloren. Tatsächlich liegt ja auch Herr H. manche Nacht grübelnd wach. Aber weil er ihre Bedenken fürchtet, will er sie keinesfalls verstärken und behält daher seine Sorgen für sich. Umgekehrt ist sie durchaus auch mal optimistisch, doch sie äußert es nicht. Stattdessen weist sie lieber ausgiebig auf alle möglicherweise auftretenden Probleme hin, um seine übertriebene Zuversicht zu dämpfen.

Die kleinen Punkte im Yin- und Yang-Zeichen sind ein schönes Bild. Denn was uns am anderen nervt, können wir auch immer in uns selbst entdecken. Mögen wir uns auch noch so viel zuverlässiger finden als unseren unberechenbaren Partner: Auch wir vergessen Dinge, auch der oder die Gewissenhafte in einer Partnerschaft besitzt eine leichtsinnige Seite. Wir können diese Anteile in uns entdecken und sie mit unserem Partner teilen, damit wir uns nicht zu sehr polarisieren. Denn sobald unsere Unterschiedlichkeit beginnt, sich ausschließlich anzufühlen, ist das Liebesboot dabei, seine Balance zu verlieren. Und so kann auch die Liebe kentern.

Aus BRIGITTE 12/2016, Text: Oscar Holzberg

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