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Oskar Holzberg Die Beziehung zu mir selbst

Oskar Holzberg: Glückliches Paar
© Oliver Rossi / Getty Images
In der Kolumne unseres Paartherapeuten Oskar Holzberg dreht sich alles um typische Liebesweisheiten und ihren Wahrheitsgehalt, er seziert Sprichwörter, Songtexte und berühmte Zitate

Manchmal ist das zum Heulen. Aber kein Grund zu resignieren. "Wenn du jetzt auch noch davon anfängst, dann gehe ich!", droht Martin. "Aber deine vielen Surfbretter gehören doch auch zu unseren Ausgaben ...", wehrt sich Bettina, die gerade mit ihrem Partner zu besprechen versucht, wie sie noch Geld einsparen können. Doch Martin ist schon aufgestanden, geht zur Zimmertür und verlässt wortlos den Raum. So ist es immer, wenn er sich kritisiert fühlt. Damit kommt er nicht zurecht. Sein Selbstwertgefühl ist nicht stabil genug, um sich eigene Schwächen einzugestehen. Er muss unfehlbar sein, um sich nicht schlecht und entwertet zu fühlen. Bettina hat keine Chance. Das, was sie überhaupt mit ihm klären kann, wird durch das beschränkt, womit Martin sich nicht auseinandersetzen will.

Wir sind innerhalb einer Partnerschaft völlig abhängig von der Beziehung, die unser Partner zu sich selbst hat

sagt Michael Lukas Moeller, Psychoanalytiker und Hochschullehrer. 

So ist es in jeder Beziehung. Wenn Partner:innen ihre Unzulänglichkeiten nicht sehen wollen, dann sind immer nur wir schuld an allen Konflikten. Wenn sie sich nicht mit ihren Gefühlen, Ängsten und unbewussten Annahmen auseinandersetzen wollen – wie können wir uns dann mit ihnen auseinandersetzen? Wenn sie sich selbst ablehnen – wie können sie dann unsere Liebe annehmen? Und, ganz handfest: Wenn sie sich nicht um ihre Ernährung, ihren Körper, ihre Gesundheit kümmern – wie können wir dann fürsorglich mit ihnen sein? Und wie ausgeliefert fühlen wir uns, wenn sie ihre Probleme mit Drogen betäuben, sich in sich vergraben, endlos daddeln oder in den Untiefen des Internets abtauchen?

Es ist eben nicht so, dass wir uns nur selbst lieben müssen und es dann egal ist, mit wem wir zusammen sind. Wenn unsere Partner:innen sich nicht lieben, dann sind sie von unbewussten Schutzmauern umgeben. Sie wehren ab, was auf sie zukommt. Und wer immer wieder auf sie zukommt, das sind nun mal wir. Wir kennen ihre Schüchternheit und Unsicherheit, die der Grund ist, warum sie gern alle anderen zu Idioten erklären. Wir wissen, wie abhängig sie noch sind, auch wenn sie das tägliche Telefonat mit Mama als Liebe verkaufen. Wir kennen ihren Starrsinn, ihre Selbstentwertung, ihre Ignoranz, ihre Widersprüchlichkeit und das, was sie vermeiden. Aber es nützt uns nichts, wenn sie das nicht auch selbst erkennen wollen.

Doch es gibt Hoffnung. Bindungsstile können sich verändern. Hinter diesem abstrakt klingenden wissenschaftlichen Befund verbirgt sich die Macht von Beziehungen. In unserer Kindheit haben wir gelernt, wie andere Menschen in Beziehungen sind, ob wir ihnen vertrauen können oder sie fürchten müssen. Und wir haben gelernt, wer wir sind. Ob wir wichtig für andere sind, ob wir Fehler machen dürfen, ob wir liebenswert sind. Das ist unsere Beziehung zu uns selbst. Und unser Partner, unsere Partnerin, ist von dieser abhängig. Es ist mühsam, aber wenn wir immer wieder versuchen unsere Lieblingsmenschen zu erreichen, durch Argumente, Wut, Tränen, oder konsequentes Verhalten, dann haben wir eine Chance. Es geht nicht darum, sie zu verändern oder sie zu formen. Sondern sie möglichst liebevoll spüren zu lassen, wie weh es uns tut, an ihre Mauern zu stoßen. Wenn wir uns Hilflosigkeit erlauben, liegt darin eine große Kraft. Der Psychotherapeut Michael Lukas Moeller war der "Vater" einer Selbsthilfemethode für Paare, dem Paar-Zwiegespräch. Denn er wusste, dass eine Liebesbeziehung nur leben kann, wenn beide ihre Mauern öffnen.

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben

Oskar Holzberg therapiert seit fast 30 Jahren Paare und schreibt darüber. Er sagt: "Liebe ist keine Illusion, aber wir haben zu viele Illusionenüber die Liebe."

Brigitte

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