Gegensätze ziehen sich an - oder?

Gegensätze ziehen sich an, heißt es. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn unsere Ähnlichkeit verbindet uns ...

Ich öffne dem Ehepaar V. die Tür. Schon auf den allerersten Eindruck scheinen sie gut zueinander zu passen: Zwei elegant gekleidete, makellos erscheinende Mittvierziger. Und tatsächlich sind sie beide, wie sich später herausstellt, ehrgeizig, gewissenhaft und diszipliniert. Sie haben Kinder, Job und Hobbys perfekt organisiert. Sie sind sich einig. Gleich und Gleich gesellt sich gern! Doch während Herr V. mich zwar freundlich, aber auch sehr knapp begrüßt, fragt mich Frau V. sofort, wie mein Urlaub war und beginnt ein lebhaftes Gespräch.

Dies ist ein Unterschied, mit dem sie auch in ihrer Partnerschaft leben. Frau V. möchte sich auseinandersetzen, alles besprechen, auch mal offen streiten. Herr V. sucht dagegen sachliche Lösungen, ruhige Gespräche und viel Zeit für sich. Ziehen sich doch eher Gegensätze an?

Unsere Ähnlichkeit verbindet uns - unsere Gegensätzlichkeit ist eine bereichernde Ergänzung

Der Paarforscher Prof. Jürg Willi hat dieses ewige Rätsel schon vor Jahren elegant gelöst, nämlich: "Gegensätze vom Gleichen ziehen sich an." Untersuchungen zeigen, dass wir als Partner vorrangig jemanden wählen, der uns ähnlich ist - und zwar in der sozialen Herkunft, den geistigen Interessen, dem kulturellem Geschmack und dem Differenzierungsniveau. Was bedeutet, dass der Partner uns emotional insofern darin ähnlich ist, wie gut er sich selbst reflektieren und seine Gefühle regulieren kann.

Doch unter diesen Ähnlichen ziehen uns eher die Gegensätzlichen an. Am Ehepaar V. ist das deutlich zu sehen. Sie stammen beide aus strengen Elternhäusern, in denen intellektuelle Leistung gefordert war. Doch bei ihr zu Hause wurde lautstark gestritten, und auch vor einer Ohrfeige war sie nie sicher. In seinem Elternhaus dagegen waren Gefühle verpönt. Selbstdisziplin wurde gefordert, und bestraft wurde er durch eisiges Schweigen. Ein kontrollierter Partner wie Herr V. ist für Frau V. eine Wohltat. Mit ihm kann sie sich sicher vor Angriffen fühlen. Und eine lebendige Frau wie Frau V. ist ein Lebenselixier für Herrn V., weil sie ihn aus seiner Erstarrung befreit.

Gegensätzlichkeit löst auch Angst aus

Oskar Holzberg, 62, ist seit 30 Jahren verheiratet. Seit 20 Jahren berät der Psychologe Paare. Dabei stellte er fest, dass einige Sätze für alle Beziehungen gelten. In jeder BRIGITTE stellt er einen davon vor.

Doch die andere Seite der Medaille ist, dass Gegensätzlichkeit auch Angst auslöst. Ihre Gefühlsausbrüche bedrohen seine Selbstkontrolle. Und seine Selbstkontrolle verunsichert sie zutiefst in ihrem Bemühen nach emotionalem Kontakt. Und irgendwann wächst das Gefühl, doch nicht gut zueinander zu passen.

Wir sind nicht ganz zufällig ein Paar. Unsere Ähnlichkeit verbindet uns. In Krisenzeiten können wir uns darauf besinnen. Und dann sogar wieder unsere Gegensätzlichkeit als bereichernde Ergänzung schätzen lernen. Der Sozialpsychologe Anatol Rapoport hat eine kluge Einsicht formuliert, die uns hilft, das Beste daraus zu machen, Gegensätze vom Gleichen zu sein: Wenn du eine positive Qualität in dir entdeckst, finde sie auch in deinem Partner. Wenn du eine negative Qualität in deinem Partner entdeckst, finde sie auch in dir.

Wenn wir uns wegen unserer Gegensätzlichkeit voneinander zu entfremden drohen, dann es geht nicht darum, unseren Partner zu verändern, sondern unsere Sicht aufeinander. Um wieder wahrzunehmen, dass wir uns als Gegensätze vom Gleichen anziehen.

BRIGITTE 15/2015

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