Immer nur lieb sein? Das hält keine Beziehung aus, weiß der Paartherapeut

Paartherapeut Oskar Holzberg weiß, was der Liebe gut tut. Dieses Mal erklärt er, warum lieb sein der Beziehung schaden kann.

Das Ehepaar M. beherrschte die hohe Kunst des "Kümmering". War Frau M. erschöpft, dann bettete Herr M. sie auf dem Sofa, umwickelte sie mit Decken und brachte ihr ihren japanischen Lieblingstee. Weil sie Rockmusik nicht so gern mochte, verzichtete er, der ehemalige Band-Schlagzeuger, selbstverständlich auf seine geliebten Red Hot Chili Peppers. Umgekehrt konnte Herr M. sicher sein, dass seine Frau ganz auf seiner Seite war, wenn er unter den Intrigen seiner Vorgesetzten litt: "Och, Schatz, natürlich nimmt dich das mit! Das ist ja auch scheußlich von denen. Wie gemein! Ich mach uns erst mal was Schönes zu essen." Und hing doch einmal der Haussegen schief, dann brachte Herr M. seiner Frau ein kleines Geschenk oder einen riesigen Strauß Rosen mit, und Frau M. tatschelte und streichelte ihn so lange, bis sich der Ärger aufgelöst hatte.

Das Ehepaar M. war wirklich lieb miteinander. Bis sie sich trennten, weil Herr M. eine Frau traf, die er viel aufregender fand als seine eigene.

Selbstverständlich ist es großartig, wenn wir liebevoll miteinander sind und uns umeinander kümmern. Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt sieht im Sich-Sorgen um das, was fur den Geliebten gut ist, sogar den Kern aller Liebe. Aber Liebsein reicht nicht, um eine Liebesbeziehung zu leben. Denn im Kern ist Liebsein der Versuch, alles möglichst schnell wieder gutzumachen. So wie kleine Kinder lieb sind, damit ihnen ihre Mama nicht mehr böse ist. Partner, die sich ständig im Liebsein üben, sprechen auch gern genauso miteinander. Im bemutternden Singsang, mit dem wir Kleinkinder versuchen zu beruhigen.

Tatsächlich ist das Liebsein in der Partnerschaft sogar gefährlich. Für die Liebe. Denn Liebe ist nicht artig und angepasst, sondern ehrlich und mutig.

Oskar Holzberg ist 60 Jahre, Psychologe und seit 30 Jahren verheiratet. Seit mehr als 20 Jahren berät er Paare und kennt die typischen Konflikte.

In der Liebe wollen wir den anderen erfahren und ihm begegnen. Im Liebsein, wollen wir ihn endlos von uns überzeugen. Wir bringen ihm Kaffee ans Bett, machen ihm einen besonders hübschen Geburtstagstisch und sind so lieb, für ihn die Jacke aus der Reinigung zu holen, weil wir geliebt werden mochten. Wir loben ihn und sagen ihm, wie viel er uns bedeutet, und streicheln ihn, damit auch wir lieb gehabt werden. Nichts an den Dingen, die wir tun, um lieb zu sein, ist an sich verwerflich. Problematisch ist nur, dass wir auch dann lieb sind, wenn uns gar nicht danach ist, weil wir ständig in Harmonie leben wollen.

In Krisen, so fand der Paarforscher John Gottman heraus, geraten Paare in einen Zustand zunehmender Negativität. Der Partner kann kaum noch positiv erlebt werden, alles an ihm nervt. Paare, die spüren, dass sie sich voneinander entfremden, versuchen häufig, genau dann besonders nett zueinander zu sein. Aber das ist, als würden wir einen angebrannten Kuchen mit einer besonders dicken Schicht Schoko-Guss überziehen. Es wird nichts besser dadurch, sondern nur verdeckt. Lieb sein ist dann der Versuch, die Spannungen aufzulösen, ohne den dafür notwendigen Weg zu gehen: die Distanz zueinander und die bedrohlichen, schlechten Gefühle anzusprechen. Wer Konflikte wagt, kann dazu beitragen, dass Enttäuschungen heilen. Wer lieb ist, nur damit wieder alles gut wird, tut niemandem einen Gefallen - und der Liebe am allerwenigsten.

Text: Oskar Holzberg BRIGITTE 02/14

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