In einer Beziehung werden wir eins - ob wir wollen oder nicht, weiß der Paartherapeut

Ob wir wollen oder nicht - in einer Beziehung werden wir uns immer ähnlicher. Wir werden eins, weiß Paartherapeut Oskar Holzberg.

Herr D. hat eine fette Beule am Kopf, blaugrün und etwas schorfig. Ein kleiner Promille-Unfall. „Na ja“, sagt er, „keine Glanzleistung, aber kann ja mal passieren.“ – „Es passiert aber viel zu oft!“ Frau D. sitzt kerzengerade da. „Ich bin noch nie vorher gegen die Terrassentür gelaufen . . . “, sagt Herr D., aber sein müder Scherz kommt nicht gut an. „Du weißt genau, was ich meine! Du trinkst doch fast jeden Abend.“ – „Na ja, so stimmt das nun auch wieder nicht. Und außerdem muss es dich ja nicht stören.“ Frau D. schaut mich hilfesuchend an. „Sie möchten Ihrem Mann sagen, dass sich auch Ihr Abend verändert, wenn er abends trinkt?“, beginne ich.

Ich bin vorsichtig, denn dieses Paar beginnt gerade damit, sich mit einem heiklen Thema auseinanderzusetzen: Abhängigkeit. Wobei ich weniger an Herrn D.s mögliche Abhängigkeit vom allgegenwärtigen Alkohol denke, sondern vielmehr an die gegenseitige Abhängigkeit zweier Liebespartner. Denn in der Liebe ist eins plus eins nicht zwei, sondern eins. Das widerspricht unserer Vorstellung von Autonomie und Unabhängigkeit. Und ist deshalb nicht leicht anzunehmen. Tatsächlich beeinflusst uns niemand mehr als unser Liebespartner. Schon mit

Fotograf entwickelt Bilder mit unbekannten Pärchen. Doch was er sieht, macht

Oskar Holzberg ist 60 Jahre, Psychologe und seit 30 Jahren verheiratet. Seit mehr als 20 Jahren berät er Paare und kennt die typischen Konflikte.

Schon mit jedem Kuss passen wir unsere Immunsysteme aneinander an. Und sobald unser Partner die Grippe hat, bekommen wir sie auch. Doch selbst wenn wir uns nicht anstecken, verändert sich unser Leben durch die Beziehung. Ob der Partner krank, schlecht drauf, depressiv oder süchtig ist – es begrenzt unsere Möglichkeiten, fordert unsere Endscheidungen, beeinflusst unsere Gefühle. Unsere voneinander abgegrenzte Individualität ist eine Illusion. Wir sind weitaus mehr ein Körper und eine Psyche, als wir uns das eingestehen. Unsere Partnerschaft ist eine Mikrokultur, die uns tief prägt. Und es ist durchaus sinnvoll, eine Beziehung als ein Wesen, einen Organismus zu betrachten.

Langjährige Partner beginnen einander wirklich ähnlicher zu sehen. Vermutlich, weil sie immer wieder die Gefühle des anderen spiegeln. Deine Gefühle sind meine Gefühle, und dein Stress ist auch mein Stress. Denn unser Kortisol-Spiegel steigt, sobald wir andere Menschen unter Stress beobachten. Und am stärksten reagieren wir dabei auf unseren Partner. Arbeitslosigkeit beeinträchtigt zum Beispiel die psychische Gesundheit des Lebenspartners nahezu genauso stark wie die des Arbeitslosen selbst. Und der amerikanische Psychologe Prof. James Coan konnte zeigen, wie stark Partner ihre Physiologie auch positiv beeinflussen.

In Anwesenheit des Partners wurden zuvor erlebte Schmerzen nicht mehr gespürt. Wenn wir möchten, dass sich unser Partner gesund ernährt, mit seinem Dauerhusten endlich zum Arzt geht und den Streit mit seiner Schwester beilegt, der ihn so belastet, dann mischen wir uns nicht unzulässig ein. Wir vertreten unser ureigenes Interesse. Es ist wohl kein Zufall, dass wir einander gern „Baby“ nennen. Sind wir doch so untrennbar miteinander verbunden wie Mutter und Baby. Ähnlich wie sie sind wir ein Herz und eine Seele, ob wir wollen oder nicht. Die Liebe folgt da ihrer eigenen Logik. In ihr gilt: 1+1=1.

Text: Oskar Holzberg

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel