Liebe bedeutet, sich auch im Unglück nah zu sein

Manchmal stärkt es die Liebe, dem anderen zu sagen, dass man Hilfe braucht. Das rät Oskar Holzberg Paaren, die sich entfremdet haben.

Wie fühlen Sie sich?" - "Ratlos", sagt Claudia und schaut weg. "Hilflos", sagt Thomas. Tränen treten ihm in die Augen. "Das ist vermutlich nicht leicht zu hören", sage ich, "aber Sie beginnen sich gerade im Tal der Verzweiflung zu treffen." Sie sehen mich irritiert an, voll Schmerz, wie ihn Paare erleben, wenn sie einander verloren haben.

Studie: Zwei Paar Hände formen jeweils ein Herz

Claudias Eltern hatten sich getrennt, als sie acht Jahre alt war, Thomas' Eltern hatten eine entleerte Ehe geführt, die er um keinen Preis wiederholen wollte. Als sie sich kennen lernten, waren sie kostbar und besonders füreinander und nach einigen gescheiterten Beziehungen beide entschieden, zusammenzubleiben. Eine Familie zu haben bedeutete ihnen mehr als alles andere im Leben. Doch wie in jeder Beziehung wurde schwer, was vorher leicht war. Zunächst richteten sie sich damit auf, dass durch Kinder alles schwieriger wird. Aber irgendwann waren sie einsam und enttäuscht voneinander, von ersten Affären bedroht. Und so sitzen sie jetzt vor mir. Und können den gemeinsamen Weg nicht mehr sehen.

Auch das Unglück verbindet

In schwierigen Zeiten können sich Paare nicht mehr auf den Gipfeln des Glücks treffen. Sobald sie es versuchen, stürzen sie ab. Sie fühlen sich unverstanden, nicht geliebt und begehrt. Unsicher miteinander. Jeder erregtere Tonfall, jede unachtsame Geste, jedes unbedachte Wort führt zum Konflikt und verstellt den Weg zu guten Gefühlen. Zwar wissen oder ahnen sie, dass auch ihr Partner tief unglücklich ist. Aber dass auch das Unglück zu zweit verbindet, gehört nicht zu unseren Vorstellungen von der Liebe.

Dabei können wir uns ja immer nur dort treffen, wo wir sind. Und in schweren Zeiten sind wir im Tal der Tränen und Verzweiflung. Doch uns so hoffnungslos zu zeigen, macht Angst. Wir wollen unsere wankende Beziehung nicht noch weiter belasten, unseren Partner nicht noch tiefer frustrieren, wenn er hört, wie unglücklich wir mit ihm sind. Er könnte resignieren und die Beziehung ganz aufgeben. Wo wir uns ohnehin schon so alleingelassen fühlen, fällt es uns sogar noch schwerer, uns hilflos zu zeigen. Ja, wir weinen, wir streiten, aber wir geben nicht auf. Wir glauben immer noch genau zu wissen, was anders sein müsste, wie unser Partner sich verändern müsste.

Wer zusammenkommen will, muss aufgeben

Oskar Holzberg ist 60 Jahre, Psychologe und seit 30 Jahren verheiratet. Seit mehr als 20 Jahren berät er Paare und kennt die typischen Konflikte.

Hilflos fühlen wir uns, klein. Hilflosigkeit gehört zum Kindsein wie der Daumen im Mund und auf Mamas Schoß sitzen. Schlimm war es, wenn die Eltern nicht für uns da waren. Genauso wie jetzt unser Partner. Unbewusst versuchen wir dann das Gleiche wie damals: lieb und artig sein, trotzen, uns verstecken, bezirzen, abhauen oder kämpfen.

Wenn wir aber wieder zueinanderfinden wollen, dann bleibt uns nur der Weg, aufzugeben. Wir können das nur, wenn wir das Risiko eingehen, unsere Ratlosigkeit, unseren Schmerz ehrlich miteinander zu teilen. Nicht klagend als Opfer, nicht beschuldigend als Ankläger.

Thomas und Claudia lagen irgendwann heulend im Bett. Aneinandergeklammert wie zwei Ertrinkende. Aber sie begannen einander wieder zu spüren, hatten Nähe, weil sie erfuhren, was der andere empfand. Durch ihre Offenheit konnten sie einander wieder vertrauen. Zwei Einsame können sich immer treffen. Denn Liebe ist manchmal auch das gemeinsame Unglück zu zweit.

Oskar Holzberg BRIGITTE 08/2014

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