Macht ist die Vermeidung von Ohnmacht

Was in der Beziehung nach Machtkampf klingt, bedeutet meist: Wir wollen uns dem anderen nicht ausgeliefert fühlen.

Tatjana hat den ganzen Tag vor ihrem Laptop verbracht, im Homeoffice. Sie ist froh, ihn endlich zuklappen zu können, als ihr Mann Ricardo heimkommt. Ricardo ist gestresst. Erhatte den Flug für ihren gemeinsamen Urlaub buchen wollen, und irgendwas hat nicht geklappt. Deshalb bittet er Tatjana, sich noch um die Buchung zu kümmern.

Tatjana ist IT-Frau, sie regelt die meisten Dinge im Netz für sie als Paar. Aber heute Abend möchte Tatjana einfach ihre Ruhe, sie mag nicht auch noch die Sachen übernehmen, um die sich eigentlich Ricardo kümmern wollte. Aber Ricardo ist unruhig und gibt nicht auf. Es dauere doch nicht lange. Er könne sonst wieder nicht gut schlafen. Für Tatjana wäre das doch kein Problem. Sie solle ihn doch bitte nicht hängen lassen. Tatjana fühlt sich unter Druck gesetzt und sagt immer lauter Nein. Und Ricardo reagiert mit wütender Enttäuschung.

"Ich habe auf so einen Machtkampf keinen Bock"

Als sie ihren Streit in der Therapie beschreiben, sagt Ricardo : "Ich habe auf so einen Machtkampf keinen Bock." - "Meinst du etwa ich?", erwidert Tatjana, "DU willst dich doch immer durchsetzen. Du willst doch immer genau bestimmen, wie ich mich verhalten soll. Und wenn es nicht genauso läuft, dann machst du Terror." Ich greife ein. "Und was, wenn es bei euch gar nicht um Macht, sondern viel mehr um Ohnmacht geht?"

Natürlich gibt es Machtkämpfe in einer Beziehung. Es gibt reale Machtverhältnisse, ökonomische Abhängigkeiten, mächtige Geheimnisse, ungleiche Fähigkeiten und die Möglichkeit, sich zu verweigern. Aber meistens gilt: Wenn es sich wie ein Machtkampf anfühlt, versuchen wir, Ohnmacht zu vermeiden. Denn niemand versucht ernsthaft, den anderen zu dominieren oder zu unterdrücken. Aber beide tun alles, um sich nicht ohnmächtig und ausgeliefert zu fühlen.

Typischerweise kämpfen Frauen eher dagegen, im Stich gelassen zu werden

Oskar Holzberg, 62, ist seit 30 Jahren verheiratet. Seit 20 Jahren berät der Psychologe Paare. Dabei stellte er fest, dass einige Sätze für alle Beziehungen gelten. In jeder BRIGITTE stellt er einen davon vor.

Typischerweise kämpfen Frauen eher dagegen, im Stich gelassen zu werden. Männer wehren sich eher dagegen, sich dominiert zu fühlen. Nun sind Männer und Frauen natürlich nicht auf die Rollen festgeschrieben. Doch fast immer geht es um Bindungswünsche und Autonomiebedürfnisse. Wie bei Ricardo und Tatjana: Ricardo möchte sich nicht ohnmächtig fühlen. Er möchte sicher sein, Tatjana mit ihren Bedürfnissen erreichen zu können. Und Tatjana möchte unabhängig bleiben und sich nicht den Ansprüchen ihres Partners beugen müssen.

Aber ist es in einem sich gegenseitig bedingenden Wechselspiel von Macht und Ohnmacht nicht völlig egal, ob wir das jetzt einen Macht- oder einen Ohnmachtskampf nennen? Nein, das ist es nicht. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie ich meinen Partner wahrnehme. Versucht er wirklich Macht über mich zu gewinnen, dann ist sein Verhalten gegen mich gerichtet. Ich tue recht daran, mich mit aller Macht zu wehren. Verstehe ich dagegen, dass er versucht, sich mir gegenüber nicht ohnmächtig zu fühlen, dann dient sein Verhalten ihm selbst. Er schützt sich. Wir können einander leichter besänftigen, wenn wir die Angst im anderen verstehen. Denn es geht meistens um die Angst davor, sich ohnmächtig und hilflos zu fühlen, wenn es sich wie ein Machtkampf anfühlt.

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