Man kann recht haben oder verheiratet sein, weiß der Paartherapeut

Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit und Wirklichkeit. Wer recht haben will, ist deshalb in einer Beziehung falsch, erklärt Paartherapeut Oskar Holzberg.

Die Neurowissenschaftler sagen: Unser großes Gehirn hat sich nicht entwickelt, um beispielsweise mit einem Smartphone umgehen zu können, sondern um in den komplexen sozialen Beziehungen zu überleben, die der Homo sapiens eingeht. Das macht Sinn. Und deshalb ist es umso erschreckender, wie oft Paare schon an der Beziehungsregel Nummer eins scheitern, nämlich: In Beziehungen kann niemand recht haben.

"Und dann hast du mir Vorwürfe gemacht, dass ich wie immer zu viel Geld ausgebe, und. . ." Hendrik kann nicht mehr an sich halten: "Das ist überhaupt nicht wahr. Ich habe dir nur vorgerechnet, wie viel Geld wir noch zur Verfügung haben. Und gesagt, dass wir sparen müssen. Das waren sachliche Aussagen, keine Vorwürfe! Das bringst du immer durcheinander!" Halt, Hendrik, halt! Wissen Sie, was gerade geschieht?

Hendrik fühlt sich zu Unrecht beschuldigt. Das möchte er deutlich machen. Das ist verständlich, sein Recht. Aber dabei verwandelt sich der Hendrik, der richtig verstanden werden möchte, auf wundersame Weise in einen Hendrik, der recht haben will.

Er bleibt nicht bei sich. Er attackiert Bettina. Er empfindet zwar, dass er sich nicht richtig gesehen fühlt. Aber viel deutlicher ist ihm, dass Bettina falschliegt. In seinem Erleben gibt es nur eine Wahrheit. Wenn er also recht hat, dann muss Bettina logischerweise unrecht haben und falschliegen.

Je weniger in unserer Kindheit auf unsere Gefühle eingegangen wurde, desto stärker neigen wir zu Hendriks Verhalten. Ein autoritärer Vater, der nur sein Erleben gelten lässt. Eine Mutter, die ganz in den eigenen Bedürfnissen gefangen ist. Sie lassen uns früh das Falsche lernen: dass es nur eine gültige Wirklichkeit gibt. Entweder deine oder meine. Aber niemals deine und meine.

Ein Paar, zwei Menschen leben eine "doppelte Wirklichkeit", wie es der Paar-Experte Professor Markus Möller nannte. Was Bettina erlebt, sind Vorwürfe. Auch wenn Hendrik es nicht so gemeint hat. Und selbst, wenn er es nicht so gesagt hat. Es ist Bettinas Erleben der Beziehung. Es ist, warum auch immer, ihre Wirklichkeit. Aber Hendriks Erleben ist ein anderes.

Oskar Holzberg ist 60 Jahre, Psychologe und seit 30 Jahren verheiratet. Seit mehr als 20 Jahren berät er Paare und kennt die typischen Konflikte.

Wir sind immer zwei Herzen und zwei Seelen. Wir leben am selben Lebensfluss, aber nicht am gleichen Ufer. Die Beziehungskunst besteht darin, Brücken über den Fluss zu bauen und sich auf den Brücken zu treffen. Um von dort gemeinsam auf die Ufer, unsere beiden Wirklichkeiten, zu schauen.

Natürlich ist Istanbul nicht die Hauptstadt der Türkei. Aber selbst bei einer Diskussion um Fakten geht es immer auch um die Beziehungsebene: Wie fühle ich mich behandelt? Und wie glaubst du mich zu behandeln? Was scheinst du in mir zu sehen? Und wen siehst du gerade in mir?

Wer versucht, in der Beziehung recht zu haben, der bestimmt über die Wirklichkeit des anderen. Der Partner muss sich wehren, oder er ordnet sich unter. Aber dann gibt es kein Paar auf Augenhöhe mehr. Deshalb: Wer recht haben will, sollte nicht heiraten.

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