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Oskar Holzberg Kolumne Muss Streit in der Ehe sein?

Oskar Holzberg: Ein Paar sitzt auf dem Sofa und diskutiert
© JustLife / Adobe Stock
In der Kolumne unseres Paartherapeuten Oskar Holzberg dreht sich alles um typische Liebesweisheiten und ihren Wahrheitsgehalt, er seziert Sprichwörter, Songtexte und berühmte Zitate. Diesmal: "Im Ehestand muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man was voneinander" (Johann Wolfgang von Goethe, Dichter).

Kurz gesagt: Der Freiherr hat natürlich recht. Doch ohne höfische Etikette kann das heute mächtig schiefgehen.

Jetzt mal ausführlich: Lieber Johann Wolfgang von Goethe, wie die meisten Menschen kenne und schätze ich Sie als, wie man heute sagen würde, Autor (obwohl mich Faust I und II in der Schulzeit ziemlich genervt haben). Sie waren schon ein bedeutender Psychologe zu einer Zeit, als es noch gar keine Psychologen gab. Nicht nur, weil Sie seelische Vorgänge und Einsichten in Beziehungen treffend zu schildern wussten. Sie haben auch Ihre Ängste durch heute noch immer angewandte Verfahren bewältigt, die man als Expositionstherapie und Desensibilisierung kennt: Als Sie bemerkten, dass laute Musik einen gewissen Schrecken in Ihnen auslöst, liefen Sie so lange neben den Posaunen der Festumzüge her, bis Ihnen der Lärm nicht mehr zusetzte. Ihre Höhenangst überwanden Sie, indem Sie sich immer wieder auf den "höchsten Gipfel des Münsterturms" begaben, bis es Ihnen nichts mehr ausmachte und Sie unbeschwert dort stehen konnten.

Und Sie haben festgestellt, dass Paare streiten sollten, um mehr voneinander zu erfahren. Was meiner bescheidenen Einschätzung nach auch heute noch gilt. Allerdings würden wir heutigen Paartherapeut:innen zwischen Streit und Auseinandersetzung unterscheiden. Das mag Ihnen kleinlich und spitzfindig vorkommen, aber in unserer Zeit ist das ein wichtiger Unterschied.

Die Idee der Selbsterfahrung

In den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand die Idee der Selbsterfahrung. Den Menschen in den westlichen Ländern ging es materiell immer besser, aber gleichzeitig waren sie noch durch moralische Regeln und Konventionen gehemmt. Das begann sich für immer mehr Menschen zu eng anzufühlen. Insbesondere die jüngere Generation wandte sich vom äußerlichen Streben nach Materiellem ab und dem inneren Erleben zu. Man wollte frei sein und entdecken, wer man wirklich ist. Man wollte sich nicht mehr verbiegen, sondern authentisch sein können. In sogenannten Encounter-Gruppen lernte man, sich den inneren Verboten und Tabus zu widersetzen und stattdessen unzensiert "alles rauszulassen". Das war damals keine schlechte Idee, um die Mauern aus Hemmungen zu durchbrechen. Denn die meisten wagten es im Alltag tatsächlich nicht, ihre Gefühle zu zeigen. Hier durfte ungefiltert gebrüllt, getobt und geheult werden.

Doch mittlerweile wissen wir, dass dieses ungefilterte Toben und Brüllen einem selbst nicht guttut. Und der Beziehung schon gar nicht. Wir werden dadurch nur noch wütender. Und wir sagen verletzende Dinge, die wir nicht wieder gutmachen können. Brutale Offenheit ist ein echtes Problem für Liebesbeziehungen geworden. Niemand will hören, dass die Ex im Bett ganz anders abging, dass unsere Intelligenz nicht ausreicht und wir ein Scheiß-Egoist erster Güte sind. Und mit der Haltung, dass wir nun mal so sind, wie wir sind, und man uns so nehmen muss, lässt sich keine Beziehung führen. Daher, lieber Goethe: Auch wir heutigen Menschen müssen viel übereinander erfahren. Aber nicht in einem Streit, in dem wir in der Gefahr sind, alles rauszulassen.

Oskar Holzberg therapiert seit fast 30 Jahren Paare und schreibt darüber. Er sagt: "Liebe ist keine Illusion, aber wir haben zu viele Illusionen über die Liebe."

Brigitte

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