Verteidigst du dich, wenn du angegriffen wirst? Lass das, rät der Paartherapeut

Verteidigung könnte der falsche Weg sein, weiß Paartherapeut Oskar Holzberg.

Frau B. atmet zweimal tief durch: "Ich bin total unzufrieden, wie unser Leben gerade läuft. Wir arbeiten, und dann hängen wir zu Hause rum. Und dann arbeiten wir wieder. Es ist total langweilig. Wir machen gar nichts mehr. Und leben einfach so nebeneinander her. So will ich einfach nicht leben. Und du weißt das, aber du machst nichts." - "Aber", sagt Herr B. sofort, "letztes Wochenende hatten wir doch Besuch." - "Ja, deine Eltern!" - "Und ich war auch einfach müde letzte Woche. Der neue Auftrag schlaucht ganz schön." - "Du hast du immer neue Aufträge", kontert sie. Und so geht es weiter. Er sei gestern Abend gar nicht am PC gewesen. ("Dafür an jedem anderen Abend.") Er habe doch angeregt, Karten für das Jazzfestival zu besorgen. ("Aber wenn ich sie nicht besorgt hätte, wäre nix passiert!") Er gehe doch auch gern ins Kino. ("Nur offenbar nicht mit mir.") Die B.s sind Mrs. Extrovertiert und Mr. Introvertiert.

Sie geht gern aus, liebt es, Spiel-Nachmittage mit Freunden zu verabreden, zum Essen einzuladen, zu feiern und zu reden. Er guckt lieber amerikanische Endlos-Serien, kocht gern mit ihr allein oder verschwindet in seinem Zimmer zu "Civilization". Sie wissen um ihre Unterschiedlichkeit. Meistens gehen sie gut damit um. Aber irgendwann hat Frau B. das Gefühl, dass sich ihr Mann nur noch zurückzieht, und sie bekommen Streit. Denn Herr B. wehrt sich dann. Im Grunde versteht er ihre Klagen.

Schüchtern oder kein Interesse? Schüchternes Pärchen

Oskar Holzberg ist 60 Jahre, Psychologe und seit 30 Jahren verheiratet. Seit mehr als 20 Jahren berät er Paare und kennt die typischen Konflikte.

Aber er möchte gut vor ihr dastehen. Er hat Angst, sie könnte sich enttäuscht von ihm abwenden. Und deshalb verteidigt er sich, rechtfertigt sich und versucht zu beweisen, dass er doch gar nicht so schrecklich ist, wie sie ihn erlebt. Ein häufiges Muster in Paarbeziehungen. Die unerfüllten Wünsche und der Frust des Partners bedrohen den Angesprochenen. Und wie ein Angeklagter beginnt er, alles zu seiner Entlastung aufzuzählen. Was der Partner dann wiederum als Ausflucht und Abwehr erlebt und so das Gefühl bekommt, seine Unzufriedenheit hätte keine Berechtigung. Je mehr sich der eine wehrt, desto mehr drängt der andere darauf, gehört zu werden. Und so entsteht ein sich zunehmend verhärtender Konflikt.

Die Lösung liegt darin, sich zu öffnen, statt sich zu wehren. Solange wir nur entschuldigend auf unsere "guten Taten" hinweisen, damit uns der Liebste nicht so negativ sieht, bleiben wir verschlossen. Wenn wir aber darüber sprechen, was in uns vorgeht und vorgegangen ist, dann kann uns der Partner sehen und verstehen. Und nur so erfährt er, dass uns sein Anliegen nicht gleichgültig ist. Herr B. könnte schildern, was er erlebt, wenn sie Gäste einlädt. Wie fühlt er sich zwischen seiner Schüchternheit und ihren Bedürfnissen nach Geselligkeit? Macht es ihn unsicher? Der Weg, heißt es, ist das Ziel. Wer in Konflikten seine inneren Wege beschreibt, ist am Ziel. Wer den Mut hat, seine Betroffenheit, Zweifel, gar seine Hilflosigkeit zu zeigen, schafft Verbindung. Sich verletzlich zu zeigen, heilt. Wer sich nur wehrt, liebt verkehrt.

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel