Wann Witze in der Partnerschaft verletzen

Witze können ein Beziehungskitt sein - oder sehr verletzen. Paartherapeut Oskar Holzberg erklärt, warum das so ist.

Man wird doch wohl noch mal einen Witz machen dürfen, oder?

Sam und Laura haben gerade eine schwierige Zeit. Sam hatte eine Affäre, Laura stellt seitdem ihre Ehe in Frage. Aber an ihrem gemeinsamen Humor haben sie trotzdem nie gezweifelt. Bis zum letzten Wochenende.

"Erzähl du es!", sagt Sam, und der Frust ist ihm anzumerken. Laura nickt: "Also, wir waren beide im Bad. Und Sam trocknet sich gerade ab und entdeckt so eine rote Stelle auf seinem Rücken. Er fragt mich, ob ich mir das mal angucken kann. Es sieht aus wie ein Kratzer. Und da sage ich 'Hey Mann, du musst deinen Loverinnen sagen, sie sollen sich vorher die Nägel schneiden.' Und da rastet Sam völlig aus und beschimpft mich, wieso ich so einen Mist erzähle. Ich war echt genervt. Man wird doch wohl noch mal einen Witz machen dürfen, oder? Naja, und dann war die Stimmung im Eimer."

Scherze sind selten harmlos

Humor ist nur dann witzig, wenn sich das Paar gut versteht

Einen Witz zu machen ist großartig. Humor ist wirklich die beste Medizin, um eigene Schwächen leichter zu akzeptieren. Das gilt auch für Humor unter Paaren - aber mit einer gewaltigen Einschränkung: Humor ist nur dann witzig, wenn sich das Paar gut versteht. Denn Scherze sind ja selten harmlos, sondern leben gerade davon, dass sie etwas Schlimmes oder Bedrohliches so verdrehen oder übertreiben, dass sich die Angespanntheit darüber lösen kann.

Wenn er ihre neue Daunenjacke damit kommentiert, dass ihre schleichende Verwandlung in ein Michelinmännchen jetzt offensichtlich einen krönenden Abschluss gefunden hat - dann wird das "Michelinmännchen" nur mitlachen können, wenn sie sich sicher ist, dass ihr Mann sie trotz ihrer überzähligen Pfunde liebt und sie sich auch nicht aus anderen Gründen von ihm abgelehnt fühlt.

Sobald Konflikte schwelen, geht Humor schief

Oskar Holzberg ist 60 Jahre, Psychologe und seit 30 Jahren verheiratet. Seit mehr als 20 Jahren berät er Paare und kennt die typischen Konflikte.

Sobald aber Konflikte schwelen oder Verletzungen nicht verziehen sind, geht Humor schief. Wer sich abgelehnt oder in der Kritik fühlt, der empfindet flapsige Bemerkungen kein bisschen mehr komisch, sondern nur aggressiv.

Selbst kleine Spitzen lösen großen Schmerz aus, wenn die schützende Hülle der sicheren Bindung fehlt. Der Scherzkeks, dem dann heiße Wut entgegenschlägt, hat das ignoriert. In guten Zeiten verstärken Frotzeleien unsere Nähe als Paar: "Was sich liebt, das neckt sich." Wir beweisen einander, wie vertraut wir miteinander sind, indem wir so gefahrlos darauf losscherzen können. In schlechten Zeiten dagegen, sobald wir uns nicht mehr vor Entwertung und Ablehnung geschützt wissen, fühlen wir uns durch lustige Bemerkungen nicht ernst genommen. Wir haben stattdessen das Gefühl, unser Partner trampele absichtlich auf unseren Schwächen herum.

Humor kann eine wundervolle Verbindung sein

So geht es auch Sam. Er ist unsicher, ob er durch seine Affäre die Liebe zwischen ihm und Laura nicht zerstört hat. Und Lauras Joke klingt für ihn nur wie ein riesiger Vorwurf. So, als nutze sie die Gelegenheit, ihm sein Fremdgehen sofort wieder vorzuhalten. In Sam weckt das Angst und Unsicherheit, und er reagiert mit hilfloser Wut.

Humor kann eine wundervolle Verbindung in einer Partnerschaft sein. Aber wenn wir gerade nicht gut miteinander verbunden sind, dann ist auch der beste Spruch nicht witzig.

Ein Artikel aus BRIGITTE 06/2015

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