Warum wir in der Beziehung Grenzen brauchen

Paartherapeut Oskar Holzberg weiß, was der Liebe gut tut. Dieses Mal erklärt er, warum wir uns vom anderen abgrenzen müssen, um die Liebe zu erhalten.

Abstrakte Kunst ist ihm ein Gräuel. Aber dann ist er doch wieder mitgegangen auf eine Vernissage. Und sie war wieder wütend auf ihn: "Alle fünf Minuten hast du auf die Uhr geguckt. Und ständig gegähnt." Sie sind früh nach Hause gefahren. Früher, als sie wollte. "Und wieso sind Sie nicht noch ohne ihn geblieben?", frage ich Nancy. Sie verdreht die Augen: "Weil er dann wieder beleidigt gewesen wäre."

Andy und Nancy sind dauergenervt voneinander. Andy fühlt sich ständig kritisiert. Er könne es ihr nie recht machen, immer wolle sie ihre Vorstellungen durchsetzen. Und Nancy nervt, dass er sich so anstelle und sie sich nie ganz auf ihn verlassen könne. Immer das gleiche Muster. Er richtet ihren PC ein, besorgt ihr ein Handy, erstellt eine Powerpoint-Präsentation für sie. Sie aber findet das Handy unhandlich, die Präsentation fehlerhaft. "Wie oft muss es denn noch Stress zwischen Ihnen geben, bevor Sie Ihren Job als ihr IT-Sklave niederlegen?", frage ich Andy. Er guckt irritiert. "Vielleicht müssen Sie sich ein wenig mehr trennen, wenn Sie nicht bald ganz getrennt sein wollen", sage ich.

Paare trennen sich, weil sie sich nicht voneinander abgrenzen konnten

Manche Paare trennen sich am Ende, weil sie sich nicht trennen, nicht voneinander abgrenzen konnten. Sobald die erste Kuschelzeit der Liebe endet, müssen sich Partner für ihre Bedürfnisse stark machen. Wo aber Angst vor Konflikten herrscht, da fehlen diese Auseinandersetzungen. Dadurch geht die Eigenständigkeit verloren. Das Paar lebt dann in einer Schein-Harmonie, in der einer unzufrieden ist und der andere versucht, ihn zufrieden zu machen.

Oskar Holzberg ist 60 Jahre, Psychologe und seit 30 Jahren verheiratet. Seit mehr als 20 Jahren berät er Paare und kennt die typischen Konflikte.

Konfliktangst ist letztlich meistens Trennungsangst. Wer schmerzhafte Trennungen erfahren hat, sich nie geliebt fühlte oder nur geliebt wurde, wenn er sich so verhielt, wie Mama und Papa es wollten, der ist unsicher in der Liebe. Er hält sich nicht für liebenswert. Er macht sein Glück vom anderen abhängig und traut sich deshalb nicht, offen für seine Wünsche und Gefühle einzutreten.

Die unsicheren Konfliktvermeider verstecken ihre Ängste hinter dem Gedanken, dass der Partner nun mal so ist, wie er ist. Sie sind stolz darauf, wenig zu streiten.

Paradox, aber wahr: Trennen verbindet

Dass wir den Partner nicht ändern können, steht mittlerweile in jeder Zeitschrift. Aber damit ist etwas anderes gemeint. Wir können den anderen nicht zu einem anderen Menschen machen. Wer sich auf jemandem einlässt, der liebend gern konsumiert, wird ihm das Vergnügen am Shoppen und der Schnäppchenjagd nicht austreiben können. Das nicht. Aber wir können uns schützen, indem wir Konten trennen, auf Zahlungen in die gemeinsame Kasse bestehen, für Schulden des anderen nicht aufkommen. Wir können unserem Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit einen Platz in der Beziehung einräumen, indem wir uns innerhalb der Beziehung trennen.

Wir können bestimmte Lebensbereiche getrennt halten: Freunde allein treffen, uns nicht auf Sex einlassen, der uns nicht gefällt, und unser Handy mit einem Passwort schützen. Unsere Beziehung ist dadurch nicht in Gefahr. Im Gegenteil. Wer stets Harmonie und Gemeinsamkeit anstrebt, wird bald vermisst: "Ich weiß gar nicht, wer du bist!" Wer immer verschmelzen möchte, ist kein wirkliches Gegenüber. Aber wir brauchen ein Gegenüber, um Halt zu finden. Die Wahrheit ist eben meistens paradox: Trennen verbindet.

Text: Oskar Holzberg BRIGITTE 01/14

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen