Was euch zusammenbringt, bringt euch auch auseinander, weiß der Paartherapeut

Was wir am Partner lieben, könnten wir später hassen. Das erlebt Paartherapeut Oskar Holzberg täglich in seiner Praxis.

Am Silvesterabend setzte sich Herr M. an den Küchentisch und dachte lange und ausführlich nach. Dann schrieb er Ziele für das neue Jahr auf und übergab die Liste an Monika, seine neue Lebenspartnerin. Und die war tief gerührt. Denn jeder einzelne der akribisch notierten Vorsätze war ausschließlich für sie bestimmt. "Damals", so erinnert sie sich, "war ich begeistert. Ich hatte das Gefühl, dass sich endlich ein Mann wirklich für mich interessierte. Und dass er das Beste für mich wollte."

Heute, nach zwanzig Jahren Ehe mit Herrn M., leidet sie nur noch darunter, dass ihr Mann immer glaubt zu wissen, was gut und richtig für sie ist. Was sie damals als Fürsorge erlebte, empfindet sie jetzt als Bevormundung. Sie fühlt sich nicht gesehen und verstanden.

Enttäuschungen gehören genauso zur Liebe wie Glück. Das ist trivial. Dass aber ausgerechnet die Eigenschaften des Partners, die ihn einst so attraktiv machten, letztlich unsere Liebe scheitern lassen, ist ein ziemlich unerträglicher Gedanke. Aber er ist wahr, weil wir in der Liebe unseren Gefühlen folgen. Wir wollen fühlen, wollen ergriffen und berührt sein. So tief es nur geht. Am tiefsten sind wir berührt, sobald in uns angesprochen ist, was uns am wichtigsten ist. Und das sind unsere, zumeist unbewussten, unerfüllten Sehnsüchte und Bedürfnisse. Dann durchströmen uns romantische Gefühle. Und wir sind sicher, den Menschen getroffen zu haben, der all unsere Träume wahr werden lässt.

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Was brauchen wir wirklich?

Oskar Holzberg ist 60 Jahre, Psychologe und seit 30 Jahren verheiratet. Seit mehr als 20 Jahren berät er Paare und kennt die typischen Konflikte.

Wenn wir als Kind, wie Monika, Halt und Beständigkeit vermisst haben, dann entflammen wir leicht für jemanden, der unbeirrt wie ein Fels in der Lebensbrandung steht. Doch ein Fels ist nicht besonders mitfühlend. Und wir stellen fest, dass er unseren Wunsch nach Halt gar nicht versteht. Weil er nur ein Fels ist, um seine eigenen unerfüllten Wünsche nach Halt nicht spüren zu müssen.

Verliebtheit führt nicht zu Mr. Richtig - sie führt zu Mr. Wichtig. Dorthin, wo sich unsere Psyche Lösungen verspricht. Die Lösung kennen wir nicht, aber die vertrauten Konflikte aus unseren Ursprungsfamilien erkennen wir wieder. Deshalb haben wir alle die Freundin, die immer wieder zielgenau die gleich falschen Männer wählt. Deshalb enden Töchter von Alkoholikern häufig als Partnerinnen von Alkoholikern. Und Töchter, denen der Vater fehlte, binden sich an Vaterfiguren. Eine riesige Herausforderung. Aber auch eine große Chance. Amerikanische Paartherapeuten wie Harville Hendrix betonen gern die positive Seite daran. Dass wir immer genau den Partner finden, den wir brauchen, um uns zu entwickeln.

Doch wenn wir uns nicht gemeinsam entwickeln, dann wird das, was uns zusammengebracht hat, zum Trennungsgrund. Was witzig und unterhaltsam war, wirkt dann peinlich. Aus Spontanität wird mangelnde Verantwortung, aus Zielstrebigkeit Krampf. In der Unabhängigkeit entdecken wir die Lieblosigkeit.

Ist das dann immer das Ende? Nein. Wieso habe ich mich so zu dir hingezogen gefühlt? Und was ist heute daraus geworden? Wenn wir uns diesen Fragen stellen und herausfinden, was diese Diskrepanz über uns und unsere Wünsche und Ängste sagt, dann kann das, was uns zusammengebracht hat, uns tatsächlich weiter zusammenführen.

Fotos: Winbladh/Corbis BRIGITTE 05/2014

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