Wir haben Stress - die Schuld daran hat aber der andere - so geht das nicht, weiß der Paartherapeut

Unsere Überforderung in der Beziehung beziehen wir selten auf uns - wir schieben die Schuld gern auf den anderen. Das erlebt der Paartherapeut Oskar Holzberg täglich in seiner Praxis.

Der Ton zwischen ihnen wird immer gereizter. Andrea ätzt: „Schön, dass du wenigstens dein Bett noch nicht in der Firma aufgebaut hast! Es war eigentlich nicht mein Ziel, alleinerziehend zu sein.“ Und Malte wird verächtlich: „Oh, klar doch. Du musst dich natürlich erst mal total erschöpft hinlegen, wenn du beim Kinderarzt warst! Und kannst selbstverständlich nicht in die verdammte Reinigung gehen, die gleich nebenan ist!“

Solange es Baby Karl noch nicht gab, waren Malte und Andrea noch Romeo und Julia. Wie jedes Paar existierten sie doppelt. Als Liebende und als Partner, als romantisch verbundenes Paar und als Unternehmen, das ein Leben wuppen muss. Manches Mal halfen die Liebenden den gestressten Team-Partnern über die Alltagsklippen. Aber seitdem Karl in seinen Windeln kräht, verzweifeln Romeo und Julia zusehends. Weil sich Malte und Andrea ständig über Haushalt, Sex und Zeitabsprachen fetzen.

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Wieso geben wir nicht zu, dass wir überfordert sind?

Oskar Holzberg ist 60 Jahre, Psychologe und seit 30 Jahren verheiratet. Seit mehr als 20 Jahren berät er Paare und kennt die typischen Konflikte.

Romeo und Julia sind längst verletzt ausgezogen. Ihren Platz am Küchentisch hat das Gespenst der Trennung eingenommen. Wütend fordern sie beide mehr vom anderen. „Wenn du dich nur mehr einbringen würdest, dann hätten wir längst nicht so ein Problem!“ Was sie und andere Paare nicht sehen, ist, dass ihre Forderungen aneinander einer gemeinsamen Überforderung entspringen. Dass sie es nicht schaffen können, allen Ansprüchen und Vorstellungen zu genügen. Aber Überforderung können wir uns nur schwer eingestehen. Dazu sind wir zu erfolgsorientiert. Schwäche ist nur ein Grund, sich noch mehr anzustrengen. Wenn das Paarprojekt schlingert, dann schauen wir kritisch auf unseren Mitspieler. Wir glauben, dass es am anderen liegen muss. Und wir haben dafür einen schlüssigen Beweis. Wir geben schließlich alles, was wir haben!

Doch in unserer Kultur mit so vielen und so hohen Ansprüchen, mit so vielen und verführerischen Angeboten, schlägt der Burn-out auch in der Familie zu. Selbst wenn beide ihr Bestes geben, ist es nie genug. Gerade durch die Geburt des ersten Kindes werden die meisten Paare schockhaft damit konfrontiert.

Sie fühlen sich alleingelassen, wo doch der andere für sie da sein sollte, wenn sie ihn brauchen. Wieso verweigerst du dich? Wieso erkennst du meine Mühen nicht an? Wieso unterstützt du mich nicht? Sie werden immer wütender, aber eigentlich sind sie hilflos. Und sie übersehen, dass sie genau diese Enttäuschung und Hilflosigkeit teilen. Statt sich gegenseitig weiter mit Forderungen zu bombardieren, könnten sie beide gestehen, wie schrecklich überfordert sie sich wirklich fühlen. Dann ist nicht mehr der andere das Problem, sondern die Überforderung das gemeinsame.

Als Team können sie ihren Stress reduzieren, können sich erinnern, was sie schon alles bewältigt und erreicht haben. Gerade angesichts der Überforderung müssen Paare sich selbst loben. Selten, dass es ein anderer tut.

Karriere machen, Supermodel, Übereltern, Fünf-Sterne-Köche, Sportler des Jahres – durch den Wahnsinn, dass wir uns selbst verwirklichen und immer wieder selbst erfinden müssen, ist jedes Paar auf seine Art überfordert. Aber Romeo und Julia ziehen schneller wieder ein, wenn die Überforderung ihren Platz am Küchentisch bekommt.

Text: Oskar Holzberg

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