Offene Beziehung: Kann sie wirklich funktionieren?

Klingt verlockend: eine offene Beziehung, bei der ein Partner sicher ist, und weitere Sexualpartner hinzukommen. Unsere Expertin sagt, für wen das möglich ist.

Die offene Beziehung - ein Freibrief zum Fremdgehen, ohne den sicheren Hafen zu verlassen? Ist diese Beziehungsform ein wahr gewordener (Sex-)Traum oder nur eine Seifenblase? Kann Liebe ohne Treue funktionieren - ohne eifersüchtig zu werden? Gibt es in Zweier-Beziehungen überhaupt Platz für eine dritte Person? Einige Paare wagen das Experiment einer offenen Beziehung. Doch diese Form der Partnerschaft ist nicht immer leicht. 

Rührender Liebesbeweis: Dieser Mann pflanzt seiner blinden Frau einen wunderschönen Garten

Eifersucht, Seitensprung, Polyamorie, Bindungsangst ... Im BRIGITTE-Forum wird darüber diskutiert, wie man damit umgeht, wenn ein Partner eine offene Beziehung vorschlägt, der andere mit der bestehenden Monogamie aber ganz zufrieden ist. Was, wenn man sich fremdverliebt? Was behält man von der monagamen Beziehung, was gibt man auf? Wie ist dieses Beziehungsmodell praktikabel? Die Sexualtherapeutin Susanna-Sitari Rescio hört solche Fragen in ihrer Praxis häufig.

Was erwartet der Partner von der offenen Beziehung?

"Zunächst sollte man klären, was sich der Partner genau vorstellt, wenn er eine offene Beziehung vorschlägt. Will er oder sie gelegentlich allein losgehen und auf spontane Begegnungen sexuell offen reagieren? Oder möchte der Partner eine Affäre "offiziell" deklarieren und parallel laufen lassen? Gesteht er sich diese Freiheit nur selbst zu oder beiden? Eine andere Möglichkeit wäre, einen Besuch im Swinger-Club oder einer Tantra-Gruppe vorzuschlagen."

Was fehlt ihm beim Monogamie-Sex?

Die Heilpraktikerin für Psychotherapie leitet das SoHam-Insitut in Hamburg, eine Heilpraxis für ganzheitliche Sexualtherapie. Sie berät Frauen, Männer und Paare zu Problemen und Fragen rund um Sexualität. Ihr aktuelles Buch: Sex und Achtsamkeit J. Kamphausen Mediengruppe, 250 Seiten, 16,95 Euro.

Auch wenn der andere genau definiert, was er will - das Problem, dass er sexuell ausbrechen will, bleibt bestehen. Warum braucht er Affären? "Natürlich muss man herausfinden, wo die Gründe für die sexuelle Unzufriedenheit liegen", sagt Susanna-Sitari Rescio. Und wie reagiert man am besten? "Wenn man mit dem Wunsch nach mehr Offenheit konfrontiert wird, ist es ganz natürlich, unsicher zu sein. Das hört sich für die meisten nach einer Halb-Kündigung der Beziehung an. Die sichere emotionale Bindung wird erst einmal erschüttert. In diesem Fall ist es hilfreich, sich ein wenig Zeit zu nehmen, um genau in sich hineinzuspüren: Was will ich - von mir, von meinem Partner, von der Beziehung?"

Kann eine offene Beziehung denn wirklich funktionieren?

"Ich verstehe eine Beziehung als ein lebendiges Konstrukt, das wächst und sich verändert, weil sich die Bedürfnisse der Menschen verändern. Für einige steht möglicherweise am Anfang einer Partnerschaft der Wunsch nach Geborgenheit und Sicherheit im Vordergrund. Und nach ein paar Jahren haben diese Menschen vielleicht Lust darauf, mehr zu experimentieren."
Susanna-Sitari Rescio weiß aus ihrer Praxis, dass es immer anstrengend ist, wenn sich ein Partner verändert, den "Wohlfühl-Modus" gegen den "Entwicklungs-Modus" austauscht. Aber genau darin kann auch eine Chance liegen, damit die Beziehung wieder lebendiger wird. Und klar, es gibt verschiedene Beziehungsmodelle - dabei muss nicht eines das einzig Wahre sein.
Wer also über eine offene Beziehung nachdenkt, sollte das seinem Partner unbedingt sagen. Für Susanna-Sitari Rescio gibt es allerdings ein paar Voraussetzungen, die beide akzeptieren sollten:

1. Beide müssen die offene Beziehung wollen

"Die beste Voraussetzung für eine offene Beziehung ist, wenn diese von beiden Partnern gewünscht ist und als positive Herausforderung gesehen wird. Das Paar sollte sich weiterhin als Paar definieren, vor allem auch gegenüber Dritten, die als "Gäste" in ihre Beziehung eintreten dürfen. Die Offenheit für andere ist keine Kündigung der Paarbeziehung."

2. Eine offene Beziehung muss man gut planen

"Ein gemeinsam erarbeiteter Plan ist eine Art Sicherheitsnetz, die Angst vor der Offenheit wird so ein wenig relativiert. Beide müssen definieren, welche Freiräume sie dem anderen zugestehen. Der Plan kann nach einiger Zeit neu besprochen werden. Erfahrungen können ausgetauscht, neue Absprachen getroffen werden."

3. Definiert, was erzählt wird

Die Eifersucht ist natürlich eine der größten Herausforderungen in einer offenen Beziehung. Auch wenn Sex mit einem anderen kein Fremdgehen mehr ist, so kann es den Partner dennoch verletzten, wenn ganz offen darüber gesprochen wird, wie man mit der Affäre Sex hatte. Das heizt im Zweifel auch nur die Eifersucht an. Die Expertin weiß: "Nicht alle sexuellen Details der Nebenbeziehungen tun dem Partner gut zu hören. Jedes Paar sollte definieren, wie viel es sich erzählt."

4. Die Beziehung nicht vergessen

Auch in einer offenen Beziehung braucht es Zweisamkeit als Paar. Das ist auch eine Art der Treue, eine Quality-Time, die man nur mit dem Partner verbringt. "Es ist wichtig, etwas Schönes als Paar zu organisieren. Zum Beispiel ein fester Abend, an dem man essen geht, ein Verwöhn-Tag oder anderes. Ein Ritual, das das Paar zelebriert."

5. Ein MUSS in der offenen Beziehung: Safer Sex

Klar, wer nicht monogam lebt, sondern mit anderen Menschen Sex hat, muss verhüten. Nur wenn sich beide Partner sicher sein können, sich nicht mit Krankheiten anzustecken, kann Lust und Liebe wirklich Spaß machen - und der Sex mit einer Affäre wirklich als eine Art Freiheit empfunden werden. Die Expertin: "Safer Sex spielt bei offenen Beziehungen eine große Rolle - bitte dran denken und Absprachen treffen."

6. Paar-Räume nicht aufgeben

"Fast jedes Paar hat seine Symbole. Das kann ein bestimmtes Lokal sein, wo beide gern hingehen und an dem bestimmte Erinnerungen hängen. Dort haben Dritte keinen Zugang. Damit bewahrt das Paar sich eine intime Zone."

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel