Mein Partner ist depressiv: Wie wir die Dunkelheit überwunden haben

Alina Bach*, 49, war erst ein paar Monate mit Jannik zusammen, als er in eine tiefe Depression rutschte: keine Nähe, kein Urlaub, keine Freude. Zehn Jahre später sind beide immer noch zusammen. Wie haben sie es geschafft?

"Wie hältst du das bloß aus?! Ich könnte das nicht!" Für viele Freunde und Bekannte war es ein Rätsel, wie ich mit einem Mann zusammen sein konnte, der die meiste Zeit teilnahmslos und düster war. Ehrlich gesagt, habe ich es selbst nicht immer verstanden. Als Jannik und ich vor zehn Jahren ein Paar wurden, begann mein Leben zu leuchten. So empfand ich es jedenfalls. Nie zuvor hatte ich mich so wertgeschätzt, unterstützt und geborgen gefühlt. Wir genossen jede gemeinsame Minute, hatten viel Spaß und Sex und schmiedeten sehr bald Zukunftspläne.

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Liegt es vielleicht an mir?

Doch dieses ungetrübte Glück dauerte nur etwa drei Monate. Er meldete sich tagelang nicht, hatte sein Handy oft aus. Er war blass, erschöpft und ständig müde. Ich war sehr verunsichert: Will er mich nicht mehr? Oder ist er nur von der Arbeit so gestresst? Als Webentwickler arbeitete er oft bis in die Nacht. Seine Freunde sagten mir, das wird schon wieder, er sei auch früher oft müde gewesen, es hätte nichts mit mir zu tun. Und das sagte mir Jannik auch. Aber es beruhigte mich nicht. Er wurde immer teilnahmsloser, schwächer und düsterer. Und als sich das auch nach Wochen nicht besserte, ließ er sich ärztlich untersuchen. 

Mir war damals nicht klar, was die Diagnose "Depression" bedeutet. Wie langwierig und kompliziert das ist. Dass es keine schnelle Heilung gibt. Und wie kräftezehrend und unerträglich eine Depression für beide Seiten ist. Ich habe die Depression völlig unterschätzt. Ich hatte in den folgenden Jahren einen Partner, der still, dunkel und kaum belastbar war. Der ständig schlafen wollte und nur wenig körperliche Nähe zuließ. Der nicht mit mir ins Kino ging und auch nicht in den Urlaub fuhr. Um den ich mir sehr viele Sorgen machte. Wenn ich zu viel von ihm verlangte, zog er sich zurück. Ich musste oft weinen in dieser Zeit, war unglaublich einsam und verzweifelt, tröstete mich mit Alkohol. Viele meiner Freunde verstanden nicht, warum ich mir das antue. Ich konnte es ihnen nicht erklären. Ich habe oft über Trennung nachgedacht. Aber schon allein die Vorstellung, sich wirklich zu trennen, fühlte sich merkwürdig theoretisch an. Ich wollte nicht ohne ihn sein. Ich hatte immer die Hoffnung, dass Jannik wieder der wird, in den ich mich mal verliebt hatte.

Es gab Tage, da war es wie am Anfang

Und es war ja auch nicht alles hoffnungslos: Jannik hat sich von Anfang an bemüht, seiner Depression etwas entgegenzusetzen. Er war für alle Hilfsangebote offen, nahm Antidepressiva, machte eine Therapie, fing mit Joggen und Bouldern an, weil Bewegung die Depression lindern kann. Das waren zwar alles keine Wundermittel, aber jede kleine Verbesserung von Janniks Zustand schenkte uns ein bisschen Zuversicht. Es gab Momente, auch mal ganze Tage, in denen unsere Liebe so leicht war wie zu Beginn. In denen wir wie ganz normale Paare auf dem Sofa saßen, Pizza aßen, Lieblingsserien guckten, zum Sport gingen, tiefe Gespräche führten, Spaß hatten. Und irgendwann, nach langer Zeit, wurden aus diesen leichten Tagen wieder ganze Wochen, die nahezu unbeschwert waren.

Heute ist Janniks Depression so gut wie überwunden. Es gibt zwar immer noch schwache Tage, dann zieht er sich zurück und versinkt in seiner Dunkelheit – aber das passiert nur selten. Ich bin dankbar dafür, dass die schlimmsten Zeiten hinter uns liegen. Aber auch dafür, was sie aus uns gemacht haben. Denn die Depression war nicht nur schrecklich. Sie hat auch unseren Blick geschärft und unser Herz geöffnet. Wir haben beide Psychotherapien gemacht und haben gelernt, darauf zu achten, was uns guttut. Wir haben ungesunde Gewohnheiten aufgegeben und einige Freundschaften auch. Wir sind von München raus aufs Land gezogen, leben nun in einem Haus im Allgäu, zusammen mit Katzen, Hunden, Enten und Hühnern, umgeben von Natur und Ruhe, das ist herrlich. Hier haben wir uns eine kleine heile Welt erschaffen, in der wir die Verzweiflung der letzten Jahre ein wenig vergessen können.

*Im wirklichen Leben heißt Alina Bach anders. Unter diesem Pseudonym hat sie ein Buch über ihre Beziehung zu Jannik geschrieben: "Die Liebe in dunklen Zeiten. Partnerschaft und Depression – Erfahrungen einer Angehörigen" (318 S., 12 Euro, DuMont).

Brigitte 17/2018

Wer hier schreibt:

Claudia Minner
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