Partner lässt sich gehen – und nun?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie. Diesmal: Darf ich von meinem Partner fordern, dass er sich nicht so gehen lässt?

Kurz gesagt:

Ja. Und dafür müssen wir uns auch keinen Mut antrinken - anders als im Chanson "Du lässt dich geh’n" vom großartigen, kürzlich verstorbenen Charles Aznavour: "Ich trinke schon die halbe Nacht und hab mir dadurch Mut gemacht, um dir heut’ endlich zu gestehen, ich kann dich einfach nicht mehr sehn, mit deiner schlampigen Figur gehst du mir gegen die Natur."

Jetzt mal ausführlich:

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Wir haben jemanden gefunden, den wir lieben. Wir haben entschieden, mit ihm unser Leben zu verbringen. Selbst wenn wir uns dabei auf eine so unzuverlässige Quelle wie romantische Gefühle verlassen haben: Wir haben diese Wahl aktiv getroffen. Doch was aus dieser Person mal wird, an die wir uns gebunden haben, entzieht sich unserer Kontrolle.

Vielleicht fängt der Lieblingsmensch irgendwann an, Tag für Tag im selben grauen T-Shirt durchs Haus zu schleichen, schneidet sich die schönen Locken ab, legt sich dafür einen Mark-Zuckerberg-Haarschnitt zu und lässt sein Sixpack von einer Plauze überwuchern. Und nun stehen wir vor einem seltsamen Dilemma: Muss ich mich raushalten, weil das eben sein Körper und seine Entscheidung ist? Oder habe ich ein Recht, meine Abneigung zu vertreten?

Der Partner muss für uns der attraktivste Mensch sein

Wir reden uns ein, dass es ja schrecklich oberflächlich wäre, wenn unsere Gefühle so von Äußerlichkeiten abhängig sein sollten. Doch das Dumme ist: Sie sind es. Das Empfinden von Attraktivität ist laut Studien das Einzige, was zuverlässig voraussagt, wer mit wem eine Beziehung eingehen wird. Wenn jemand "nicht unser Typ" ist, sprechen wir nicht über Intelligenz, sondern über Wangenknochen. Und wenn Schönheit so unwichtig wäre, gäbe es dafür kaum eine weltweite Milliarden-Industrie.

Doch woher kommt dann der Anspruch, über Äußerlichkeiten erhaben zu sein, gerade, wenn es unseren Liebsten betrifft? Unsere romantische Liebesunlogik fordert, dass der wichtigste Mensch auch der für uns attraktivste ist. Dieser Vorstellung wollen wir treu bleiben, weil wir dadurch einander treu bleiben. Es ist unter Liebenden ein emotionales Tabu, das Band gegenseitiger Anziehung infrage zu stellen. Sobald wir es tun, Ablehnung oder gar Ekel äußern, lösen wir diese wichtige Beziehungssicherheit auf. Vielleicht wird er seine Wampe ja nie wieder los und fühlt sich dann auf ewig von uns ungeliebt. Und überhaupt, verlieren wir mit dem Alter nicht ohnehin alle an äußerer Attraktivität?

Es ist die Nachlässigkeit, die uns kränkt

Gegen erschlaffende Muskeln und sich faltende Haut sind wir weitestgehend machtlos. Doch genau das ist der Unterschied: Wer sich gehen lässt, gibt auf, für den anderen attraktiv sein zu wollen. Und das ist es, worauf wir reagieren. Die Nachlässigkeit kränkt uns. Wenn er es nicht mehr wichtig findet, für uns attraktiv zu sein, dann sind wir ihm offenbar nicht mehr so wichtig.

Thematisieren wir das "gehen lassen", können wir den inneren Gefühlsstau darüber lösen. Entdecken hinter der Nachlässigkeit etwa eine emotionale Krise. Oder stoßen in uns auf eine tiefe Unzufriedenheit, die unsere Wahrnehmung von ihm so negativ beeinflusst. Denn wir sprechen keine Äußerlichkeiten an, sondern dass etwas aus unserem gemeinsamen Leben verschwindet. Dass er in unseren Augen etwas gehen lässt, das wir nicht verlieren wollen. "Zeig mir doch, dass du mich noch liebst, wenn du dir etwas Mühe gibst, mit einem kleinen Lächeln nur und tu’ auch etwas für die Figur."

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Brigitte 24/2018

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