Bindungsangst: Warum lassen sich einige Frauen nicht auf Liebe ein?

Kennen Sie Bindungsangst? Wenn schnell Schluss ist, man sich nicht entscheiden kann oder sich nie richtig auf jemanden einlässt? Warum laufen Frauen der Liebe davon?

Mitte zwanzig war kein Alter, um zu heiraten, so viel war klar. Mitte zwanzig war ein Alter, um zu leben, zu flirten, zu feiern und sich bloß nicht festzulegen. Als er sie dennoch fragte, schnürte sich ihr die Kehle zu, und am nächsten Tag war sie weg. Ein paar Jahre später, mit 29, hätte sie sich festlegen wollen. Sie hatte fürs Erste genug geflirtet und gefeiert. Aber der Mann, für den sich das Festlegen gelohnt hätte, war schon mit einer anderen festgelegt. Mit 32 war sie mit einem nur zufrieden, aber nicht glücklich; mit 33 hatte sie ein paar Affären und mit 35 ein Problem: Sie wusste nicht im Geringsten, wie es sich anfühlte, zu lieben und gleichzeitig zurückgeliebt zu werden. Und das lag nicht nur an den Männern.

Das wäre natürlich das Naheliegendste: schön den Männern die Schuld in die Schuhe schieben. Die Welt ist schließlich voll von kleinen miesen "Du-ich-will-eigentlich-keine-Beziehung"-Sagern. Aber die Wahrheit lautet: Der Mann, der sich nicht binden will, braucht ein Pendant. Und dieses Pendant findet er in der Frau, die sich genauso wenig einlassen kann auf das, was man eine Liebesbeziehung nennt. Die mindestens genauso viel Angst davor hat, ihre Unabhängigkeit zu verlieren oder ihre wirklichen Gefühle preiszugeben.

Bindungsangst bedeutet nicht, dass die Frauen allein sind

Die amerikanischen Autoren Steven Carter und Julia Sokol haben festgestellt, dass Bindungsangst längst nicht mehr nur ein Männerphänomen ist. Es gibt immer mehr Frauen, die der Liebe aus dem Weg gehen. Das heißt nicht, dass sie zwangsläufig allein bleiben. Aber sie tun unbewusst alles, damit eine gute Beziehung nicht zustande kommt. Auch wenn sie offen davon reden, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen als den Mann fürs Leben und ein paar Kinder, sind sie nicht in der Lage, die Grundlagen dafür zu schaffen - nämlich das Vertrauen und die wirkliche Nähe zu einem anderen Menschen. Keine Frage, beides sind Risikofaktoren. Was, wenn ich merke, dass ich ohne den anderen nicht mehr leben kann? Was, wenn er mich verlässt? Zusammengefasst heißt die Abwehrstrategie aller Bindungsgestörten: Ich lasse mich gar nicht erst auf dich ein, damit du mir nicht wehtun kannst.

Das funktioniert zum Beispiel ganz gut, indem man sich zwei Männer gleichzeitig zulegt, ohne sich für einen zu entscheiden. Oder durchweg auf getrennte Wohnungen besteht, urplötzlich Schluss macht, um dann doch wieder anzukommen, bevor man schließlich ganz untertaucht. Manche Frauen sind so wählerisch, dass kein Mann die Chance hat, über ein zweites Date hinauszukommen, oder sie leben über Jahre hinweg mit jemandem zusammen, ohne über das zu reden, was sie wirklich bewegt. Sehr glamourös ist die Variante von ständig wechselnden Kurzzeit-Lieben, die nie ein gewisses Haltbarkeitsdatum überschreiten. Die Typen sind natürlich durchweg Granaten im Bett, bis sie plötzlich dann doch nerven, aber vollkommen egal, da steht ja schon der nächste...

Aktive Beziehungsvermeider nennen Carter und Sokol diese Frauen - im Gegensatz zu den passiven Vermeiderinnen. Die lassen gern alle Welt glauben, sie seien vom Pech verfolgt und würden jeden Idioten im Umkreis von 100 Kilometern magisch anziehen. Dabei suchen sie sich konsequent Männer, die nicht zu ihnen passen. Männer, die verheiratet sind ("Ich werde mich von meiner Frau trennen, nur jetzt ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt"), am anderen Ende der Welt leben ("Er überlegt, ob er in einem Jahr nach New York geht, das ist näher als Bangkok... ") oder schlichtweg Workoholics sind ("Ich habe nächste Woche leider überhaupt keine Zeit, auch nicht zum Telefonieren"). Regelmäßiger Kontakt ist in jedem Fall garantiert ausgeschlossen, und die passiven Vermeiderinnen weinen stundenlang ins Freundinnen-Telefon, während sie von nicht beantworteten SMS oder abgesagten Verabredungen erzählen. Abschließend stellen sie fest, das Leben sei eben voller Langweiler und Arschlöcher und die große Liebe nicht für sie gemacht.

Aber woher kommt diese Angst vor zu viel Nähe? "Jeder von uns hat zwar den essentiellen Wunsch nach Verschmelzung, aber auch ein grundlegendes Bedürfnis nach Unabhängigkeit", sagt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer. Und nichts macht uns verletzlicher und abhängiger als tiefe Gefühle für einen anderen Menschen.

Je mehr wir aber unser Leben selbst in der Hand haben und bestimmen können, wie und mit wem wir es wie lange verbringen, desto weniger wollen wir abhängig sein und Kompromisse machen. Es geht längst nicht mehr um den Mann, der uns versorgt - unser Geld verdienen wir allein. Es geht um viel mehr. Und genau das ist das Problem: "Mit zunehmender Selbstbestimmung", so Schmidbauer, "wächst auch die Sehnsucht nach der perfekten, kränkungsfreien Beziehung." Gerade bei Frauen werden die Erwartungen an Nähe und Intimität immer größer, und sie leiden stärker als Männer, wenn diese Erwartungen enttäuscht werden. "Da Bindungsängste häufig aus Enttäuschungen entstehen, schließt sich hier der Kreis", so der Psychoanalytiker. Wenn es die große Liebe nicht gibt, dann eben gar nicht. Auch die hohen Scheidungszahlen sind für viele Frauen eine Bestätigung, dass eine glückliche dauerhafte Bindung unmöglich ist. Aber warum kriegen einige Menschen diesen Nähe-Unabhängigkeits-Spagat besser hin als andere? Wie machen das diejenigen, die jemanden treffen, irgendwann beschließen, mit diesem Jemand ihr Leben zu verbringen, und dieser Jemand sieht das genauso oder zumindest sehr ähnlich, und alles ist in Butter?

Wie gut wir in Beziehungen klarkommen, lernen wir als Kinder. Bindungsstil nennen das die Psychologen, und ob wir wollen oder nicht: Die Verbindung zu unserer Mutter ist die Grundlage für alles, was danach kommt. Die beste Erfolgsquote haben darum Frauen, die eine liebevolle, aber trotzdem unabhängige Mutter hatten. Eine, die da war, wenn man sie brauchte, aber nicht ständig den Ton angegeben hat. Solche Frauen können sich hemmungslos verlieben und ebenso gut loslassen. Ein echter Vorteil: zu wissen, dass die Welt von einer zerbrochenen Liebe garantiert nicht untergeht.

Frauen hingegen, die mit einer unterkühlten und abweisenden Mutter aufgewachsen sind, haben große Probleme, sich auf andere Menschen einzulassen. Wer nicht weiß, woran er ist, hält sich zurück. Als Tochter einer distanzierten Mutter lernt man früh, seine Bedürfnisse unter Kontrolle zu halten und bloß niemandem zu zeigen, wie es in einem aussieht. Immer schön so tun, als sei alles in bester Ordnung - der Killer für jede Partnerschaft.

Am schwierigsten ist es für die Frauen, deren Mutter mit ihrem Leben unzufrieden war. Die ihren ganzen Frust bei der Tochter abgeladen und sie zur Verbündeten gemacht hat. "Lass mich nicht allein", "Mach dich nie abhängig von einem Mann", "Dein Vater macht mich nicht glücklich" - solche Sätze brennen sich ein und tun nicht gut. Wer Zuwendung immer nur gepaart mit überhöhten Erwartungen erlebt, bleibt dabei. Und wird zur klassischen Drama-Queen, die aufgrund ihrer Verlustängste permanent zwischen intensiver Nähe und größtmöglichem Abstand pendelt.

Die Beziehung zur Mutter bestimmt die Bindungsangst

Aber auch, wenn man als Kind nicht den Sechser im Bindungslotto gezogen hat, ist es nie zu spät für Korrekturen. Der Trick ist, die immer gleichen Beziehungsmuster nicht zu ignorieren. Durststrecken gehören zu jeder Liebes-Biografie. Harte Zeiten, schlechte Typen, einsame Phasen. Zeiten, in denen man an sich zweifelt und mit Fug und Recht Rotz und Wasser heulen darf. Die Frage, die man sich nur unbedingt stellen sollte: Bis wann ist Durststrecke, und ab wann hat man ein echtes Problem? Bei Frauen ohne Bindungsangst hört die schlechte bis mittelmäßige Phase irgendwann oder zumindest immer mal wieder auf. Sie treffen klare Entscheidungen und kennen ihre Leidensgrenzen. Sie sagen zu einem Mann, der sie wirklich verletzt hat: "Ruf mich nie wieder an", und meinen es auch so.

Die anderen dagegen bewegen sich oft von einem Dilemma ins nächste. Sie mäandern von Affäre zu Affäre oder bleiben jahrelang in unbefriedigenden Beziehungen stecken, meistens mit Männern, die die gleichen Probleme haben wie sie selbst. Als hätten Menschen mit Bindungsstörungen kleine, feine Antennen, mit denen sie sich garantiert überall orten. Und das ist natürlich ein Teufelskreis - den man aber durchbrechen kann. Eine Studie besagt: Bindungsunsichere Menschen können ihre Angst überwinden, wenn sie positive Erfahrungen machen. 50 Prozent der Menschen, die gut und sicher Beziehungen führen, verlieben sich in bindungsunsichere Menschen. Na bitte, wenn das keine gute Nachricht zum Schluss ist! Man muss sich jetzt nur noch auf den potenziellen Mr. Right einlassen. Aber zum Glück ist Liebe ja wenigstens manchmal stärker als Angst.

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Liebesbeziehung
Text: Nikola Haaks
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