Hilfe für die Liebe: Warum die Zeit keine Beziehung rettet

Die Zeit halt bekanntlich alle Wunden. Aber Beziehungen kann sie nicht retten, wenn Kränkungen und Probleme nicht angesprochen werden.

"Ich dachte, das wird schon wieder", sagt Gunnar, und in seinen Augen steht große Ratlosigkeit. Ich frage nach: "Haben Sie wahrgenommen, dass Cynthia immer unzufriedener wurde?" - "Ja, schon." - "Und wie ging es Ihnen damit?" - "Na ja, ich wusste nicht weiter." - "Was ist dann in Ihnen vorgegangen?" - "Ich dachte, jetzt ist es erst mal so, mit den kleinen Kindern und der Jobsuche und so, da müssen wir jetzt eben durch. Irgendwann wird das schon wieder anders." Nun meldet sich Cynthia zu Wort: "Zuerst habe ich auch gedacht, dass wir einfach Zeit brauchen. Aber dann habe ich so oft gesagt, dass mir Nähe fehlt, Zärtlichkeiten, Sex. Ich bin ja schon immer extra nur im Slip vor ihm rumgelaufen. Ich dachte, irgendwann muss er doch reagieren."

Gunnar hatte wirklich geglaubt, die Zeit würde es schon richten. Wenn sie die Nächte wieder für sich hätten. Wenn er einen neuen Job und sie beide wieder finanzielle Sicherheit hätten. Doch mit jedem Tag, der in der überfordernden Dreisamkeit mit Baby verging, wuchs das schmerzhafte Gefühl, einander nicht mehr nah zu sein.

Der Schmerz, nicht mehr verbunden zu sein, ist schlimmer als alle anderen Enttäuschungen in einer Paarbeziehung. Wir kennen es, wenn es einen verletzenden Streit gab und keiner einlenkt. Wenn uns Zärtlichkeit fehlt, aber der andere sie nicht vermisst. Wir uns im Alltagschaos verloren haben und nicht die Worte und Gesten finden, um wieder näher und intimer miteinander sein zu können.

In Paarkrisen können wir nicht darauf setzen, dass wir sie innerlich verarbeiten wie andere Verletzungen

Die Zeit, so heißt es, heilt alle Wunden. Aber das stimmt nicht: Eine verletzte Beziehung gehört sicher nicht dazu. In Paarkrisen können wir nicht, wie bei anderen Verlusten und Kränkungen, darauf setzen, dass wir sie innerlich verarbeiten werden und lernen, damit umzugehen. Denn jede Begegnung mit unserem Partner stimuliert immer wieder unsere Gefühle - wie eine Wunde, die immer wieder aufreißt. Der Schmerz des Unverbundenseins ist wie ein ständiger Stachel im Fleisch: immer gegenwärtig. Und selbst wenn wir resignieren und abstumpfen: Dann stumpft unsere Beziehung mit ab, und wir fühlen uns noch unverbundener. Wenn wir andauernde Enttäuschung einfach nur aushalten, so wie Gunnar, werden wir nur noch unerreichbarer füreinander. Beziehungskonflikte wachsen ständig weiter. Deswegen heilt eine Beziehung nicht von allein, sondern nur, wenn wir uns beide aktiv bemühen, wieder zueinanderzufinden.

Oskar Holzberg ist seit über 30 Jahren verheiratet, seit mehr als 20 Jahren berät der Psychologe Paare. Dabei stellte er fest, dass einige Sätze für alle Beziehungen gelten. In jeder BRIGITTE stellt er einen davon vor.

Aber müssen wir nicht manchmal schlicht aushalten, dass wir nicht glücklich miteinander sind? Gewiss. Wir brauchen in Krisen den langen Atem, der uns durch endlose Klärungsgespräche oder gar auf die Couch des Paartherapeuten führt. Wir müssen aushalten, dass sich unsere Träume aneinander nicht erfüllen. Aber wir müssen es gemeinsam tun. Durchzuhalten macht nur Sinn, wenn wir auch über unser Aushalten in Verbindung bleiben. Selbst wenn wir ratlos sind: Solange wir unsere Unzufriedenheit miteinander teilen und einander damit nicht alleinlassen, bleibt unsere Beziehung heil. Die Zeit allein dagegen, die heilt keine Beziehung.

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