Partnerschaft: Respekt

Über die Schwierigkeit,nach Jahren des Zusammenlebens beim Frühstück noch nett zum anderen zu sein. Respekt zu haben. Denn Liebe allein reicht manchmal nicht.

Regen prasselt gegen das Schlafzimmerfenster. Ich könnte noch eine Stunde im Bett bleiben, darauf warten, dass mein Mann die Haustür hinter sich zuzieht, und erst dann den Tag beginnen. So mache ich es oft - nun, fast immer. Heute aber, so mein edles Vorhaben, werde ich ihm eine gute Ehefrau sein: Während er duscht, schlurfe ich in die Küche, stelle das Radio an, setze Kaffee auf und decke den Frühstückstisch. Sebastian muss täglich um viertel vor sieben das Haus verlassen. Ein hartes Los für einen Langschläfer, das er mit Fassung trägt. Ab und an tue ich ihm den Gefallen und bewundere ihn dafür. Heute allerdings bewundere ich mich selbst noch viel mehr - und zwar dafür, dass ich ihm in seinem Elend beistehe. Schließlich mache ich das freiwillig, bringe also ein echtes Opfer. Außerdem arbeite ich ebenfalls und bin zudem für die Kinder verantwortlich, das ist auch kein Zuckerschlecken.

Das Zusammensein lässt schöne Erinnerungen verblassen

So sitzen wir uns früh morgens gegenüber: zwei Menschen, die seit langem zusammenleben, eine Familie gegründet haben - denen die ersten Zeiten stürmischer Verliebtheit rührend naiv vorkommen, verglichen mit der Liebe, die in glücklichen Jahren gewachsen und durch Krisen gestählt worden ist. Zwei, die es - trotz oder gerade wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich Seite an Seite durch den Alltag schlagen - schon beim Frühstück nach Dankbarkeit und Anerkennung dürstet.

Sebastian greift nach den zwei Brotscheiben, die aus dem Toaster gesprungen sind, bestreicht beide mit Butter und eine mit Marmelade. Die andere reicht er wortlos über den Tisch. "Schade!", sage ich, und meine Stimme spitzt sich pfeilförmig: "Du warst auch schon charmanter!" Treffer, Stimmung versenkt, und er sagt: "Merkst du eigentlich, dass du ständig meckerst? Tu mir den Gefallen und geh wieder schlafen!"

Nicht die Trennung, sondern das andauernde Zusammensein lässt die gefühlte Erinnerung daran verblassen, wie begeistert wir einst von dem anderen waren, wie angerührt davon, dass er etwas Einzigartiges in uns entdeckte. In unserem Herzen verkommt das Besondere zum Normalen. Und dem pflegt man nur noch dann Beachtung zu schenken, wenn es ausbleibt.

Den Partner mit anderen Augen sehen, wieder ins Staunen geraten über ihn - das geschieht immer dann, wenn etwas Unerwartetes geschieht, das ihn in ein anderes Licht als das gewohnte setzt: Dazu taugen positive Erlebnisse - ein Karrieresprung, ein neuer sympathischer Freund, ein überraschender Plan - ebenso wie Auseinandersetzungen, die uns zwingen, verdrängte Probleme anzugehen, Unausgesprochenes zu sagen. Niemals habe ich mehr und Überraschenderes erfahren über jenen Menschen, den ich in- und auswendig zu kennen glaubte, als in Zeiten, in denen es heftig kriselte zwischen uns.

Neid macht geizig und undankbar

Neid macht geizig. Je belastender ich meine Situation finde, desto weniger großzügig kann ich Anerkennung verteilen: Bin ich zu nett, zu nachsichtig, zu mitfühlend, so meine Furcht, dann käme Sebastian womöglich auf die Idee, er sei der wahre Familienheld. Und das darf auf keinen Fall geschehen, schließlich wetteifern wir darum, wer von uns das aufreibendere Leben führt. Die Siegerprämien sind zu verlockend, um aus Liebe auf sie zu verzichten: ausschlafen, zweimal nacheinander ausgehen, ein freier Nachmittag - um solche Privilegien kämpfen wir in den anstrengenden Phasen unseres Lebens unerbittlich und ohne Zugeständnisse an den ehelichen Rivalen. Neid macht außerdem undankbar: Eine Freundin erzählte, ihr Mann habe sich früher wortreich für ihre Mühen bedankt, wenn sie ihm abends etwas Besonderes zu essen kochte. Irgendwann blieb die Euphorie aus, und neulich habe er sich mit den Worten an den Tisch gesetzt: "Mensch, das habe ich nach so einem Scheißtag auch echt nötig!" Seither muss er mit den Resten des Kinderessens vom Mittag oder Tiefkühlpizza vorlieb nehmen. "Wenn er das für sein Recht hält", so die Freundin, "dann bringt es mir einfach keinen Spaß mehr, ihm eine Freude zu machen."

Bestätigung kann auch aus anderen Quellen kommen

Eine langjährige Beziehung kann nur dann funktionieren, wenn wir wie selbstverständlich für den anderen da sind, ihn unterstützen und aufmuntern. Zugleich darf derjenige, dem solche Zuwendung zuteil wird, sie niemals für selbstverständlich halten. Und niemals kann der Partner allein unseren gesamten Bedarf an Anerkennung stillen: Wir müssen uns ganz eigene, vom anderen unabhängige Quellen suchen, aus denen wir Bestätigung schöpfen - ohne uns so weit vom anderen zu entfernen, dass dessen Zuneigung überflüssig zu werden droht. Die Liebe ist offensichtlich eine komplizierte, leicht aus dem Gleichgewicht zu bringende Konstruktion.

Sebastian guckt traurig: "Lass uns heute Abend darüber reden." Er nimmt den nächsten Toast, schmiert erst Butter, dann Nutella darauf, ritzt mit dem Messer ein Herz in die braune Schicht und küsst den Toast, bevor er ihn auf meinen Teller legt. Die am wenigsten selbstverständliche Normalität, unsere größte Stärke, das schönste Kompliment, das wir uns täglich machen, ist wohl dies: Trotz solcher Morgen sind wir nach elf Jahren immer noch zusammen. Morgen früh, nehme ich mir vor, werde ich noch einmal mit ihm aufstehen.

Text: Jasmin Krause
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen