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Polygamie In welchen Teilen der Welt ist die Vielehe noch zu finden?

Polygamie: Ein Mann wird von zwei Frauen umarmt
© Vershinin89 / Shutterstock
Polygamie, die Ehe mit mehr als zwei Menschen, ist in Deutschland verboten. In welchen Teilen der Welt sie heute noch verbreitet ist und warum sie in der Kritik steht, erfährst du hier.

Inhaltsverzeichnis

Mehr als zwei Personen zu lieben, ist in Deutschland keine Straftat. Das Ehebündnis in dieser Konstellation einzugehen jedoch schon. Anders sieht es in Teilen Afrikas aus. Dort wird die Vielehe südlich der Sahara, im sogenannten Polygynie-Gürtel, offen gelebt. Das Modell setzt sich dabei fast ausschließlich aus einem Mann mit mehreren Ehefrauen zusammen. Doch es gibt theoretisch noch weitere Beziehungsformen der Polygamie.

Polygamie: Definition

Unter Polygamie versteht man die Ehe mit mehr als zwei Personen. Poly bedeutet so viel wie "mehr", weshalb die Polygamie auch Mehrehe oder Vielehe genannt wird. Sie ist das Gegenteil der Monogamie und Paarbeziehung, in denen eine exklusive Paarbeziehung oder Ehe eingegangen wird.

Heiratet in Deutschland eine Person ein zweites Mal, während eine eingetragene Partnerschaft parallel besteht und bisher nicht geschieden wurde, würde von einer Bigamie die Rede sein. Auch dieses Ehemodell ist in Deutschland strafbar.

Arten von Polygamie

Die Polygamie unterteilt sich in einige Unterarten:

  • Polygamie: Überbegriff der Vielehe oder Mehrehe
  • Polygynandrie: Gruppenehe, bei der mehrere Frauen und mehrere Männer eine Ehe eingehen
  • Polygynie: Eine Frau geht eine Ehe mit mehreren Männern ein (Vielweiberei)
  • Polyandrie: Ein Mann geht eine Ehe mit mehreren Frauen ein (Vielmännerei)

Der Unterschied zwischen Polygamie und Polyamorie

Oftmals werden die Begriffe Polygamie und Polyamorie synonym verwendet, doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. Während die Polygamie, die Vielehe, in Deutschland beispielsweise verboten ist, macht man sich mit der Polyamorienicht strafbar. Eine polyamore Beziehung beschreibt eine romantische Liebesbeziehung mit mehr als einer Person.

Wie viele Menschen leben in Polygamie?

Laut Daten und Informationen des Pew Research Center reports leben rund zwei Prozentder Weltbevölkerung in einem polygamen Haushalt. Das liegt daran, dass die Polygamie in Europa, Russland, Nord- und Südamerika, Australien und weiten Teilen Asiens verboten und kriminalisiert wird.

Die Polygamie ist in Subsahara-Afrika am weitesten verbreitet. Dort leben elf Prozent der Bevölkerung in polygamen Beziehungen, darunter die meisten in Burkina Faso (36 Prozent), Mali (34 Prozent) und Nigeria (28 Prozent).

Muslimische Befürworter*innen der polygamen Beziehung berufen sich häufig auf den Koranvers 4:3, in dem es heißt:

"Und wenn ihr befürchtet, den Waisen gegenüber nicht mit Gerechtigkeit zu handeln, dann heiratet Frauen, die euch gefallen (rein für euch sind), zwei oder drei oder vier. Wenn ihr jedoch fürchtet (auch) sie nicht gerecht behandeln zu können, dann begnügt euch mit einer oder mit denen, die euch zur Verfügung stehen. Das ist also angemessener, damit ihr euch nicht vom Recht entfernt."

Auch im Judentum und Christentum wurde die Polygamie praktiziert, beispielsweise von biblischen Persönlichkeiten wie Jakob, Salomo oder David. Heute wird die Polyamorie in diesen Glaubensrichtungen nicht mehr gefördert. Ausnahmen bilden Mormonensekten und Christen in Afrika.

Wer entscheidet, ob Polygamie erlaubt oder verboten ist?

Polygamie wird in einem Land häufig durch die Religion bestimmt, nicht durch die Regierung. In Nigeria beispielsweise ist eine polygame Eheschließung laut Gesetz nicht erlaubt, bezieht sich aber nur auf standesamtliche Ehen. Afrikanische Staaten mit muslimischer Mehrheit erkennen die Polygamie als Form der Ehe an. Auch in Indien dürfen muslimische Männer mit mehreren Frauen verheiratet sein, Männer anderer Religionen hingegen nicht. In Ländern, in denen Polyamorie erlaubt und weit verbreitet ist, gehen Menschen aller Glaubensrichtungen polygene Ehen ein.

Warum hat sich die westliche Welt der Polygamie abgewendet?

Diese Frage untersuchte eine Studie in der Fachzeitschrift Nature Communications, welche 2016 erschien. Forschende stellten fest, dass die meisten Individuen heutzutage noch immer polygyn leben. Nur nicht der Mensch. Wann stellte sich das monogame Leben ein? Das untersuchten die Wissenschaftler:innen anhand eines Simulationsmodells unter Beobachtung der Gruppengröße, sexuell übertragbarer Krankheiten und sozialen Normen zu Beginn des Ackerbaus und der ersten Bildung von Siedlungen.

Die Forschenden fanden anhand der Simulation heraus, dass, je größer niedergelassene Gruppe sind, die Gefahr einer Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten besteht. Diese wirken sich negativ auf die Fruchtbarkeit aus und könnten eine Erklärung dafür sein, dass Monogamie schlussfolgernd die Infektionen eindämmte und sich später zu einer gesellschaftlichen und konventionellen Norm entwickelte.

Gleichzeitig schützt die Monogamie laut einer Studie der European Society of Cardiology aus dem Jahr 2015 vor koronaler Herzkrankheit. Hierbei wurden die Daten von 687 Männern untersucht, die aufgrund dieser Krankheit behandelt wurden. 68 Prozent der Männer lebten monogam, 32 Prozent polygam. Polygam lebende Männer litten vermehrt unter einer koronalen Herzerkrankung, das Risiko einer Erkrankung ist 4,6 Mal so hoch.

Kritik an der Polygamie

Polygamie wird in den meisten Fällen als Polygynie gelebt, dabei heiratet ein Mann mehrere Frauen. Polyandrie, sprich eine Frau geht die Ehe mit mehreren Männern ein, ist sehr selten und in isolierten Gemeinschaften zu finden. Gesetze der Polygamie sind größtenteils zugunsten der Männer formuliert. Der Menschenrechtsausschuss der "Vereinten Nationen" ist der Ansicht, dass "Polygamie die Würde der Frau verletzt" und dementsprechend flächendeckend abgeschafft werden sollte. Durch das Religionsrecht ist dies jedoch nicht so einfach.

Doch neuere Gesetze zur Polygamie, wie beispielsweise das Einholen der Zustimmung zu einer polygenen Ehe aller Beteiligten wie in Burkina Faso, oder die Erfassung einer richterlichen Meinung, ob die sozioökonomische Lage des Ehemannes eine weitere Ehefrau zulässt, wie in Dschibuti, gestalten die Polyamorie fairer für Frauen.

Trotzdem beschreibt die gemeinnützige Organisation "Terre des Femmes", die sich für die Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen einsetzt, die Polygamie als diskriminierend, da es nur muslimischen Männern vorenthalten ist, polygam zu leben. Ebenso steht die Polygamie wegen ihrer Unterdrückung der Frauen und der Gewaltstrukturen in der Kritik. Zwangsverheiratungen von Mädchen sind laut der Organisation ebenfalls keine Seltenheit. In europäischen Ländern verweigert die Polygamie häufig muslimischen Frauen die Möglichkeit, ihre Rechte wahrzunehmen. 

Auch in Deutschland leben viele Muslime in Polygamie. Beispielsweise durch den Familiennachzug eines geflüchteten Mannes. Dieser darf neben seiner gesetzlich verheirateten Frau auch Ehefrauen nachholen, die durch einen Imam getraut wurden, wenn es gemeinsame Kinder gibt.

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Verwendete Quellen:

Brigitte

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