Besser zuhören lernen - so leicht, so schwer

Besser zuhören kann man lernen, weiß BRIGITTE-Autorin Maja Schwaab aus ihrer Paartherapie. Wenn die Umsetzung nur nicht so schwer wäre.

Manches sagt sich leicht, wenn man auf einer Therapeuten-Couch sitzt: dass man in Zukunft "besser zuhören", dem anderen nicht ins Wort fallen, seine Meinung gelten lassen wolle. Ich ahne allerdings: Schlichtes sich-Mühe-geben hält in der Eherealität nicht lange an. Ein echtes Aha-Erlebnis habe ich dagegen, als ich Daniel eine simple Frage stelle: "Was muss ich tun, damit du meine Nachricht annimmst, statt sie abzublocken?" Seine Antwort wird unsere Ehe verändern – aber dazu später mehr.

Zunächst muss ich von einem Tag erzählen, an dessen Ende ich heulend in der Karibik saß. In diesem Urlaub vor zwei Jahren versuchte ich Daniel zu verstehen zu geben, dass ich seinen damaligen Job an der Universität für Talent-Verschwendung hielt. "Du wärst so gut in Team-Führung! Planung und Optimierung, das sind deine Stärken", sagte ich. "Statt dessen arbeitest du allein an diesem Langzeit-Projekt, für das du dich immer wieder selbst motivieren musst. Du brauchst kürzere Projekte, mehr Struktur und Kollegen, die freie Wirtschaft ist viel besser für dich geeignet!" Das alles sollte motivierend klingen. Aber Daniels Gesicht verdüsterte sich stetig. "Warum redest du dauernd meinen Job schlecht? Ich mache etwas Sinnvolles, versteh das doch!" Alle weiteren Argumente blockte er barsch ab. Wir stritten uns. Und ich verstand die Welt nicht mehr: Lag es nicht auf der Hand, dass ich recht hatte? Warum nur prallte jeder gut gemeinte Ratschlag an ihm ab, warum nur wurde er so wütend?

Erst zwei Jahre nach dem Karibik-Urlaub, auf der Couch unseres Therapeuten Peter, begreife ich. Denn da stelle ich Daniel die alles verändernde Frage: "Was muss ich tun, damit meine Nachricht ankommt?" Daniel antwortet kurz und bündig: "Frag mich nach meiner Meinung, statt mich zu belehren." Ehrlich, allein für diesen Satz hat sich die Therapie schon gelohnt! Denn als Peter uns nun empfiehlt, das Fragen-stellen an Hand eines aktuellen Konflikts zu üben, zeigen sich sofort erste Erfolge. Wir diskutieren die Küchen-Frage: Daniel will nicht, dass unser Sohn Mattis bei mir in der Küche ist, weil er zu viele Gefahren dort wähnt – und dass ich ein mittelgroßer Tollpatsch bin, kommt erschwerend hinzu. Ich frage also: "Was ist deine Angst, wenn Mattis bei mir in der Küche ist?" – "Glaubst du mir, wenn ich sage, dass ich versucht habe, ihn draußen zu halten? Aber er wollte immer wieder zu mir." – "Was würdest du vorschlagen, damit er nicht hineinkommt?" Es entspinnt sich ein echter Dialog, und wir einigen uns friedlich auf eine Lösung: Wenn ich etwas koche, werde ich Mattis in seinen Hochstuhl setzen und ihm eine Beschäftigung geben. Wenn ich nur sauber mache oder den Geschirrspüler ausräume, darf er bei mir sein. Selbst das empfand Daniel ja bisher oft als problematisch.

Die nächste Chance zum Üben erhalte ich einen Abend später: An diesem Samstag haben wir zu dritt gefrühstückt, sind gemeinsam im Park gewesen, waren dann einkaufen. Abends setzt sich Daniel zu seinem Sohn auf den Wohnzimmerboden. Ich greife nach einer Zeitschrift, lasse mich neben den beiden aufs Sofa sinken. Ab und zu bestaune ich Mattis‘ Spiel-Löwen oder ein Buch, das er mir bringt, jedes Mal lege ich die Zeitschrift kurz weg und widme mich meinem Sohn. Er scheint zufrieden. Nur Daniel ist es nicht. "Deine Mutter hat jetzt keine Zeit für uns, die ist beschäftigt", sagt er mit Sarkasmus in der Stimme. Mich ärgert das. Aber ich bleibe ruhig – und stelle später meine Frage: "Was war denn das Problem vorhin?" Daniel sagt, ich würde mich absondern, isolieren. Statt zu sagen: "Wieso, wir hatten doch den ganzen Tag zu dritt, müssen wir ihn denn nonstop gemeinsam bespaßen?" – statt also in Verteidigung und Diskussion einzusteigen, frage ich: "Hattest du das Gefühl, ich sei nicht ansprechbar?" – "Du nimmst die Zeitschrift und versteckst dich dahinter", gibt Daniel zurück. "Irgendwann wird Mattis hinter seinem Bildschirm verschwinden und auf keine Frage mehr reagieren, weil er das von dir so kennt." Ich zwinge mich zum Weiterfragen: "Was soll ich denn deiner Meinung nach tun, wenn ich mich ein bisschen ausruhen und Zeitung lesen möchte?" – "Du könntest sagen, was du vorhast, anstatt einfach zu machen, was du willst!" Und das scheint mir in der Tat umsetzbar. Wirklich nachvollziehen kann ich Daniels Meinung zwar noch immer nicht. Aber ich habe einen konkreten Weg entdeckt, ein konkretes Problem besser zu händeln – ohne Eskalation.

Was uns sonst noch geholfen hat, unsere Kommunikation auf Vordermann zu bringen? Zum Beispiel, 24 Stunden nach einem Konflikt erneut das Gespräch zu suchen. Versöhnungsgesten anzubieten. Ich habe Daniel gesagt, dass er mir nicht so viele Kommandos geben und nicht andauernd bewerten soll, ob ich die Dinge "richtig" oder "falsch" mache. Dass er sich Worte wie "immer" und "nie" sparen kann, weil dann bei mir gleich die Schotten runtergehen.

Und was unseren Karibik-Urlaub angeht: Damals hätte ich Streit und Tränen so einfach vermeiden können! Zum Beispiel mit diesen Fragen: "Sag mal, was gefällt dir eigentlich an deinem Job? Und gibt es etwas, das du vermisst?" Aber besser spät schlau, als nie.

In sieben Folgen erzählt BRIGITTE-Autorin Maja Schwaab von ihrer Paartherapie. Im nächsten Teil: Warum die Eltern mit auf der Couch sitzen.

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Das Finale im BRIGITTE-Dossier

Unser Kampf um die Liebe - ihre Geschichte erzählt Maja Schwaab nun im großen BRIGITTE Dossier (Heft 22, ab 8.10 am Kiosk). Darin erklärt auch Therapeut Peter, wie er das Paar einschätzt.

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