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Gefühlsblindheit Was ist das?

Gefühlsblindheit: Mann und Frau stehen nah voreinander
© Eugene Simonenko / Shutterstock
"Folge deinem Herzen", das sagt sich so leicht. Aber erstaunlich viele Leute fühlen da gar nicht so viel. Gefühlsblindheit nennt man dieses noch wenig bekannte Phänomen. Die Emotionsforscherin Carlotta Welding erklärt, warum es nicht nur Männer betrifft.

Frau Dr. Welding, Sie haben zu Gefühlsblindheit geforscht und sagen, zehn Prozent der westlichen Bevölkerung seien davon betroffen. Was bedeutet das genau?

Dr. Carlotta Welding: Gefühlsblind bedeutet, dass man seine eigenen Gefühle nicht wahrnehmen und ausdrücken kann. Die Gefühle anderer Menschen kann man als Gefühlsblinder dementsprechend auch nicht gut lesen.

Hat die Anzahl dieser Menschen eher zu- oder eher abgenommen?

Das lässt sich schwer sagen, weil die Forschung dazu nicht ausreicht. Gefühlsblindheit ist ein Konstrukt, das zwar schon in den 1970er-Jahren aufgekommen ist, sowohl in den USA als auch in Europa, aber zwischenzeitlich wieder aus dem wissenschaftlichen Fokus gerückt war. Erst in jüngerer Zeit wird sich wieder mit Gefühlen und auch mit Gefühlsblindheit beschäftigt.

Sie beschreiben in Ihrem Buch einen prototypischen Gefühlsblinden aus Ihrer Studie: einen Mann, der sehr rational ist, wortkarg, nie darüber spricht, was ihn bewegt, und ab und zu muss seine Frau etwas sagen wie "Umarm mich doch mal", denn von selbst würde er nie auf die Idee kommen. Vor einigen Jahren hätte man vermutlich noch klischeehaft gesagt: typisch Mann.

Tatsächlich sind Männer etwas häufiger als Frauen von Gefühlsblindheit be­troffen. Allerdings nicht so viel häufiger, wie man dem Klischee entsprechend denken könnte. Vielleicht kommt es uns mit unserem geschlechterrollenspezifischen Blick beim Mann ein bisschen bekannter vor: Ein Mann spricht nicht gern über seine Gefühle, schon klar. Aber natürlich gibt es Gefühlsblindheit auch bei Frauen. Die nehmen wir vielleicht eher als pragmatische Anpackerin wahr, die nicht viel Brimborium macht.

Fühlen diese Menschen tatsächlich weniger als andere? Oder haben sie nur Probleme, ihre Gefühle auszudrücken?

Es gibt beide Phänomene von Gefühlsblindheit: den, bei dem im Inneren weniger los ist und der deshalb auch kaum Emotionen ausdrückt; und den, der genauso fühlt wie ein Nicht-Gefühlsblinder, aber diese Gefühle nicht ausdrücken kann. Meiner Ansicht nach ist der prototypische gefühlsblinde Mensch aber der, bei dem tatsächlich im Inneren weniger los ist. Dass jemand ein normales emotionales Erleben hat, seine Gefühle aber nicht ausdrücken kann, ist allerdings das eigentlich Verhängnisvolle. Das ist ein Risikofaktor für psychische Erkrankungen.

Wissen Gefühlsblinde selber, dass sie mit Gefühlen Probleme haben?

Sie würden sich wahrscheinlich eher als Kopfmenschen bezeichnen. Und Gefühlsblindheit muss ja nicht zwingend ein Problem sein: Es gibt ja auch Bereiche, zum Beispiel den Beruf, in denen es durchaus von Vorteil sein kann, sich nicht von emotionalen Dingen irritieren zu lassen. Und vielleicht haben sie auch einen Partner an ihrer Seite, der sie so nimmt, wie sie sind. Aber es gibt auch gefühlsblinde Menschen, die ganz oft von ihrer Umwelt gespiegelt bekommen: Öffne dich doch mal, du bist immer so kopfgesteuert, so unterkühlt. Dadurch merken sie oft früher oder später, dass sie anders sind – anders als die, in ihren Augen, "Dramaqueens" um sie herum.

Kann man denn überhaupt unterscheiden, ob jemand gefühlsblind oder eben einfach nur sehr rational ist?

Das ist letztlich nur eine graduelle Abstufung. Gefühlsblindheit wird durch Tests festgestellt, die auf Selbstauskunft beruhen. Je nach Punktzahl ist man wenig, mittel oder eben hoch gefühlsblind. Auch der emotional kompetenteste Mensch ist demnach ein bisschen gefühlsblind, und niemand ist zu 100 Prozent "gefühlssehend". Uns allen fällt es schwer, in jeder Sekunde genau zu wissen: Warum fühle ich so? Was fühle ich überhaupt? Warum weine ich, obwohl ich eigentlich wütend bin? Warum bin ich heute so schlecht gelaunt, es ist doch gar nichts passiert?

Wir verstehen unsere Gefühle ganz häufig nicht.

Wir verstehen oft nicht, was wir fühlen?

Wir verstehen unsere Gefühle ganz häufig nicht. Wir stecken in emotionalen Verhaltensmustern fest, die aus unserer Vergangenheit stammen, wir überlagern ein Gefühl mit einem anderen, wir reagieren emotional auf Dinge, die auf unbewusster Ebene liegen.

Ein Beispiel, bitte.

Stellen Sie sich eine Person vor, die auch eine konstruktive und sachliche Kritik ihres Chefs nie annehmen kann. Jedes Mal reagiert er oder sie mit überzogenem Ärger oder sehr verletzt, verlässt wütend den Raum oder beginnt zu weinen. Diese Person wird sich vermutlich über die Art des Chefs beschweren – "Der Typ ist so gemein". Aber die Gefühle, die durch die Kritik aufkommen, werden dadurch nicht abflauen. Vermutlich steckt ein anderes, tiefer liegendes Gefühl dahinter. Vielleicht ruft die Kritik des Chefs ganz basale Gefühle von Unzulänglichkeit, von Wertlosigkeit hervor, die ihren Ursprung in der Kindheit haben. Das nimmt die Person aber nicht wahr, weil es ihr weniger zugänglich ist. Stattdessen reagiert sie mit Wut oder Traurigkeit. Gerade hinter Wut versteckt sich oft anderes.

Nämlich?

Verlassensein, Einsamkeit, Traurigkeit, Angst, Scham und andere "leisere" Gefühle. Wut und Ärger sind oft sekundäre Gefühle – ein Gefühl, das ein anderes überlagert, an das wir nicht so leicht rankommen. Das ist gar kein Vorwurf, denn man hat manchmal gar nicht die Kapazitäten und die Stärke, um an schmerzhafte Punkte zu gehen. Nur: Man bekommt den Ärger nicht weg, wenn man sich nicht damit beschäftigt, was noch daruntersteckt.

Es heißt, man solle Gefühle nicht verdrängen. Was passiert, wenn ich es tue?

Gefühle haben uns immer etwas mitzuteilen. In der Emotionsforschung wird oft das Bild des Weckers verwendet: Der Wecker hört erst auf zu klingeln und wird still, wenn ich ihn gehört und dann ausgeschaltet habe. Reagier ich nicht auf ihn, wird sein Klingeln lauter. Entsprechend flacht ein Gefühl ab, sobald ich es bewusst wahrnehme und damit arbeite. Aber wenn ich es unterdrücke, dann bleibt es bestehen und bricht sich immer wieder Bahn – wenn auch vielleicht in einer anderen Symptomatik. Es raubt uns sehr viel Energie, negative Gefühle zu unterdrücken. Das macht nicht nur schwach, sondern auch weniger empfänglich für positive Gefühle.

Aber andererseits kann man ja nicht immer alles so ausleben, wie man vielleicht möchte…

Ja, das ist eine Gratwanderung. Wir leben nun mal in einem sozialen Miteinander mit anderen Menschen, und da gelten immer noch die Regeln der Höflichkeit und des Respekts. Eine Kollegin, die mich jeden Tag ungefiltert und völlig authentisch ihre schlechte Laune spüren lässt – nein danke. Aber ich muss trotzdem beispielsweise meinen Ärger nicht unter­drücken, sondern kann versuchen, den richtigen Ton zu finden und ihn in der Situation auszudrücken.

Es gibt ja auch Gefühle, die ganz un­­mittelbar sind: ein Unbehagen, obwohl alles in Ordnung scheint. Oder auch: Ich finde spontan jemanden sehr vertrauens­erweckend, den ich gar nicht kenne. Kann ich dem immer trauen?

Das Bauchgefühl ist ein ganz wichtiger, unentbehrlicher Wegweiser für uns. Aber manchmal ist es auch ein Relikt aus der Vergangenheit, das uns heute in die falsche Richtung führt. Vielleicht haben wir mal eine traumatische Erfahrung gemacht und haben seitdem Angst vor etwas eigentlich Harmlosem. Es ist daher auf jeden Fall sinnvoll, Gefühle ab und an auch mit dem Verstand zu hinterfragen und zu überlegen, woher sie kommen.

Wie kann ich lernen, meine Gefühle besser wahrzunehmen?

Wenn Sie keine tiefer liegenden Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen haben – in dem Fall wäre meist professionelle Hilfe nötig –, kann es sich lohnen, die Rezeptoren für das eigene Empfinden zu schulen: Gefühle wahrnehmen, sie im Körper verorten, akzeptieren, dass sie da sind, ohne sie zu beurteilen und ihnen schließlich beim Vorüberziehen zusehen. Und es ist eine enorm sinnvolle Übung, das wirklich genau passende Wort für das Gefühl zu finden, das ich gerade habe: Bin ich wirklich sauer? Oder bin ich eher verletzt, aufgewühlt, gekränkt, irritiert? Je mehr ich daran arbeite, sprachlich auszudrücken, was in mir vorgeht, umso klarer wird es mir auch selbst. Das liegt an der engen Beziehung zwischen Sprache und Emotionen. Wenn wir unsere Gefühle verbalisieren hat das Rückkopplungs­effekte auf unser Empfinden. Für die Regulierung von Emotionen ist deshalb das Versprachlichen ein wichtiger Schritt.

Man könnte das, was man empfindet, ja auch körperlich ausleben, also zum Beispiel bei Wut mit aller Kraft auf ein Kissen einschlagen, bei Traurigkeit wirklich laut und völlig ungehemmt heulen – zumindest allein für sich.

Auch das halte ich für sinnvoll. Wenn wir uns den Fall von jemandem vorstellen, der in sich Gefühle hat, an die er noch nie rangegangen ist: Dann ist es ganz wichtig, dass diese Gefühle tatsächlich mal aktiv werden. In neueren Formen der Psychotherapie, wie der emotionsfokussierten Therapie, geht man davon aus, dass man schädliche Emotionen nur umwandeln kann, wenn sie innerhalb des therapeutischen Settings auch wirklich aufkommen. Den körperlichen Impulsen nachzugehen, die ein Gefühl mit sich bringt, ist eine gute Strategie, um das Gefühl wirklich wahrzunehmen. Emotion kommt ja schließlich von "movere", bewegen. Das ist eine Handlungsanweisung.

Dr. Carlotta Welding hat nach ihrem Linguistikstudium am Exzellenzcluster der Freien Universität Berlin über Gefühle geforscht und zum Thema „Gefühlsblindheit“ promoviert. Sie arbeitet heute in Berlin als selbstständige Emotionstherapeutin und -coach (carlottawelding.de). Ihr aktuelles Buch zum Thema: "Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Gefühle nicht verstehen und wie wir das ändern können" (288 S., 17 Euro, Klett-Cotta).

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BRIGITTE 07/2021

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