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"Someone Like You" Wie unsere Lieblingsmusik unsere schlimmsten Emotionen verstärkt

Deine Lieblingsmusik sagt einiges über deine Beziehungen aus
Deine Lieblingsmusik sagt einiges über deine Beziehungen aus
© Isaxar / Adobe Stock
Welche Musik wir hören, hat auch mit unserem Bindungstyp zu tun, wie eine aktuelle Studie nun herausgefunden hat.

Sag mir, was du hörst und ich sag dir, wer du bist – so ungefähr könnte man die Ergebnisse einer aktuellen Studie zusammenfassen, die sich mit dem Zusammenhang zwischen dem Musikgeschmack und dem eigenen Bindungsstil auseinandersetzte. Denn: Menschen würden dazu neigen, Lieder und Texte zu bevorzugen, die ihrem eigenen Bindungsstil entsprechen. 

Dabei sollte man allerdings vorsichtig sein, wie Ravin Alaei, einer der Wissenschaftler der Studie, im Gespräch mit "Neuroscience News" erklärt. Denn es macht einen Unterschied, ob man The Weeknd's "Heartless" oder Adeles "Someone Like You" in der Dauerschleife hört – und vor allem, welche Schlüsse man dadurch auf die eigene Beziehung zieht.

Wir kehren zu den Songs zurück, die unsere Beziehung beschreiben – im Guten wie im Schlechten

Musik spielt in den Kulturen der Welt eine große Rolle. "Seitdem die Menschen vor Zehntausenden von Jahren begonnen haben, Musik zu machen, haben sich Lieder in allen Kulturen immer auf Beziehungen konzentriert – eine Beziehung einzugehen, sie aufrechtzuerhalten oder sich zu trennen", erklärt Alaei den Grund für die Studie. Die Frage, die sich das Forschungsteam stellte, lautete also: Hören Menschen Musik, die ihre Erfahrungen in Beziehungen widerspiegelt?

Songtexte tragen dazu bei, unsere Gedanken und Gefühle zu bestätigen.

Wer gerade mit der eigenen Liebe hadert, wird wohl kaum "All You Need is Love" von den Beatles anwerfen – oder vielleicht doch? Darauf findet die Studie keine klare Antwort, dafür aber darauf, dass Songtexte bedeutsam sind und "dazu beitragen, deine Gedanken und Gefühle zu bestätigen", so der Wissenschaftler. Aber sie würden genauso dazu beitragen können, Dinge über die eigenen Beziehungserfahrungen zu offenbaren, denen man sich bis dato gar nicht selbst bewusst gewesen sei – "etwas, dass du immer wieder durchmachen musst und an dass du immer wieder stößt", so Alaei weiter.

"Die Menschen schätzen Unabhängigkeit – und fühlen sich zunehmend isoliert"

Fast 7.000 Lieder haben die Forschenden für die Studie untersucht, nutzten dabei die Lieblingslieder von ungefähr 570 Befragten und codierten diese nach den unterschiedlichen Bindungstypen:

  • Der ängstlich anhängliche Bindungstyp macht sich Sorgen, zurückgewiesen zu werden und sucht viel Bestätigung. Songs, die in dieses Schema passen sind beispielsweise "Take a Bow" von Rihanna oder "Irreplaceable" von Beyoncé.
  • Der vermeidend gebundene Beziehungstyp reagiert auf negative Erfahrungen in Partner:innenschaften, indem Gefühle und Intimität zugunsten der Unabhängigkeit abgeschaltet werden. Dazu passen laut der Studie Songs wie "Someone Like You" von Adele oder "Don't Speak" von No Doubt.
  • Menschen mit einem gemischten Bindungsstil haben unsichere Erwartungen und schwanken zwischen Anhänglichkeit und Kälte. "Bad Blood" von Taylor Swift, "Somebody that I Used to Know" von Gotye und "Before He Cheats" von Carrie Underwood sind beispielsweise Songs, die in diese Kategorie passen.
  • Sichere Bindungstypen haben eine optimistische Einstellung zu Beziehungen, vertrauen ihren Partner:innen und sind offen in der Kommunikation. Lieder wie "I Will Always Love You" von Whitney Houston und "All of Me" von John Legend wurden von den Forscher:innen diesem Bindungsstil zugeordnet.

Unvoreingenommen ging Alaei nicht in die Studie – und sollte überrascht werden. "Ich hatte erwartet, eine klare Verbindung zwischen ängstlich anhänglichen Menschen und ängstlichen Liedern zu sehen, weil sie am emotionalsten sind, aber überraschenderweise war dies das schwächste Ergebnis. Eine große Auswahl hätten diese ängstlichen Menschen: Laut einer zweiten Studie, in der 800 Billboard-Nummer-1-Hits von 1946 bis 2015 auf die Bindungsthemen untersucht wurden, zeigte sich, dass die Liedtexte im Laufe der Zeit immer vermeidender und unsicherer geworden sind.

"Populäre Musiktexte laufen parallel zu soziologischen Trends der sozialen Abkopplung", erklärt der Forscher dieses Ergebnis. "Die Menschen schätzen Unabhängigkeit gegenüber der Abhängigkeit von anderen und fühlen sich zunehmend isoliert."

Was sagt mein Lieblingssong nun über mich aus?

Sind Lieder, die unsere Beziehungen widerspiegeln, nun hilfreich oder eher schädlich für unsere Beziehungsfähigkeit? Stürzen wir uns in Ängste und Unsicherheiten, weil wir Rihanna oder Beyoncé hören? Oder schöpfen wir neue Kraft aus ihnen, den Willen, unsere Beziehung nicht so ausgehen zu lassen, wie es in den Songs trauernd besungen wird? Zumindest auf diese Fragen kann die Studie keine Antwort liefern. "Dies ist der nächste Schritt der Forschung", sagt Alaei.

Alles beginne jedoch mit der Selbsterkenntnis: "Als ängstliche Person solltest du erkennen, ob du anfällig für eine negative Rückkopplungsschleife bist und deine Emotionen in die Höhe schießen. Musik kann das sehr stark verschlimmern, weil sie tiefe Emotionen und Erinnerungen wecken kann, die letztlich die Sorgen verstärken."

Es kann helfen, sich das Lied mehrmals anzuhören, um zu verarbeiten, was man gerade durchmachen muss. Jede:r könne selbst entscheiden, ob das Hören von Liedern, die die eigenen Erlebnisse widerspiegeln, hilfreich ist oder das eigene destruktive Verhalten nur bestärkt, so der Wissenschaftler. "Vielleicht findest du es irgendwann produktiver Musik zu hören, die dir ein Gefühl von Sicherheit vermittelt." 

Verwendete Quellen: welt.de, neurosciencenews.com, onlinelibrary.wiley.com

cs Brigitte

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