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Lügen haben kurze Liebschaften Wie schon kleine Notlügen unsere Beziehung gefährden

Eine Notlüge kann sich sehr negativ auf unsere Beziehungen auswirken
Eine Notlüge kann sich sehr negativ auf unsere Beziehungen auswirken.
© rudall30 / Adobe Stock
Eine kleine Notlüge tut niemandem weh, oder? Die Realität sieht anders aus, wie Studien beweisen.

"Wie sehe ich aus?" Eine Frage, auf die mannigfaltig geantwortet werden kann. Manche Person entscheidet sich für die Wahrheit, auch wenn die zu einem Streit führen könnte. Andere überlegen gar nicht groß, wie sie auf die Frage reagieren sollen und entscheiden sich fast instinktiv für ein schlichtes: "Gut!" Und haben ihren Partner:innen damit vielleicht gerade ins Gesicht gelogen.

Eine Lüge dieser Art wird gerne als "Notlüge" bezeichnet – eine Unwahrheit, die aus der Not heraus entstand, weil man das Gegenüber nicht verletzen oder einen Konflikt vermeiden wollte. Damit wurde noch niemandem geschadet, nicht wahr?

Mit einer ähnlichen Einstellung ging Forscherin Mary Kaplar an das Thema heran: Sie vertrat in ihrer Arbeit die Hypothese, dass Notlügen der Beziehung zugutekommen würden – im Vergleich zu den womöglich negativen Konsequenzen der allzu harten Wahrheit. Die Ergebnisse der Studie mögen sie überrascht haben.

Was Notlügen mit unseren Beziehungen machen

So verbreitet ist die Notlüge, dass die meisten gar keinen Schaden darin sehen – obwohl sich Lügen dieser Art schon auf die Wahrnehmung von Konversationen negativ auswirken, wie eine andere Studie feststellte: Nach dieser gaben die Teilnehmenden an, ein- bis zweimal am Tag eine Notlüge auszusprechen wie beispielsweise: "Gut siehst du heute aus!" Im Ergebnis wurden die sozialen Interaktionen, in denen die Teilnehmer:innen gelogen haben, als weniger angenehm und intim wahrgenommen. Kurzum: Lügen schaffen Distanz in unseren Beziehungen.

Oder, wie es die Forscher:innen beschrieben: Alltägliche Lügen verletzen die Natur enger Beziehungen. Wenn Menschen sich einer anderen Person gegenüber so verzerrt darstellen würden, dass diese absichtlich in die Enge geführt würden und wenn sie ihre Gefühle und Meinungen verbergen und vortäuschen, "dann kann die Beziehung zu dieser Person keine enge mehr sein". Zum selben Ergebnis kam auch Kaplar in ihrer Studie. Selbst "nette Lügen" – oder nett gemeinte – würden die Zufriedenheit innerhalb einer Beziehung beeinträchtigen. 

Die Wahrheit macht keinen Spaß – aber sie hält unsere Beziehung intim

Menschen anzulügen, für die wir wenig empfinden, fällt uns leicht: Es ist kein Problem für uns, der Verkäuferin einen schönen Tag zu wünschen, obwohl es uns eigentlich egal ist. Oder dem fremden Anrufer vorzulügen, wir seien gerade viel zu beschäftigt, um uns sein Anliegen anzuhören. Es ist nicht leicht, dem:der Partner:in oder dem eigenen Kind ins Gesicht zu lügen – umso schneller ist eine Lüge auf die Distanz formuliert, wenn wir eine Nachricht schreiben. Je leichter es uns fällt, unsere Liebsten anzulügen, desto eher kann man sagen, dass diese Beziehung nicht gut läuft.

Beziehungen entwickeln sich weiter und haben immer die Chance, intimer und tiefer zu werden – wenn wir ehrlich in ihnen sind und nicht Distanz durch Lügen aller Art aufbauen. Gerade in einer romantischen Beziehung fallen wir zu Beginn selten mit unseren ehrlichsten, intimsten, vielleicht auch peinlichsten Geschichten ins Haus. Doch mit der Zeit fühlen wir uns wohler miteinander, vertrauen dem Gegenüber, können uns öffnen und geben der anderen Person so die Gelegenheit, uns zu schätzen und zu lieben, so wie wir sind. Diese Gelegenheit verwehren wir all den Menschen, denen wir ins Gesicht lügen – egal, ob wir meinen, das aus Freundlichkeit oder anderen Gründen zu tun.

Die Wahrheit ist selten spaßig, manchmal schmerzt sie, manchmal trifft sie uns wie ein Schlag. Doch nur auf ihr können wir Beziehungen aufbauen, die Substanz und Wert haben.

Verwendete Quellen: psychologytoday.com, psycnet.apa.org, scholarworks.bgsu.edu

cs Brigitte

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