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Das Beziehungsparadox Warum Disharmonie in der Partnerschaft wichtig ist

In einer Beziehung muss es Konflikt und Zwist geben
In einer Beziehung muss es Konflikt und Zwist geben.
© freshidea / Adobe Stock
In einer Beziehung suchen wir vor allem eins: Harmonie. Doch die ist weder realistisch noch ein hehres Ziel für eine Partner:innenschaft.

Konflikte sind Gift für eine Beziehung – oder? In Filmen, Serien und Büchern werden glückliche Paare gerne als von Grund auf harmonisch dargestellt: Sie schätzen sich, sie hören sich zu, sie unterstützen sich gegenseitig und können dabei beide noch als Individuen ein erfülltes Leben führen.

Es hat seinen Grund, warum solche harmonischen Beziehungen im Fernsehen zu sehen sind und seltener in unserem sozialen Umfeld. Jedes Paar streitet und gerät irgendwann in Konflikte unterschiedlichster Natur und Härte. Und trotzdem tun wir uns oft schwer damit, in Konflikte mit unseren Partner:innen zu gehen. Psychotherapeut Terrence Real schreibt in seinem Buch "Us: Getting Past You & Me to Build a More Loving Relationship", dass wir den Konflikt nicht meiden, sondern ihn willkommen heißen sollten, wenn wir möchten, dass sich unsere Beziehung weiterentwickelt. Denn schließlich ist es so: Nichts kann repariert werden, bevor man nicht zugibt, dass es kaputt ist.

"Liebe ohne Wissen" und "Wissen ohne Liebe"

In seinem Buch bezeichnet Real das harmonische bzw. romantische Stadium einer Beziehung als "Liebe ohne Wissen" und das disharmonische bzw. desillusionierte Stadium als "Wissen ohne Liebe". Eine erfolgreiche Beziehung muss nach Ansicht von Real in der Lage sein, das zweite, schmerzhafte Stadium zu überwinden, da diese unvermeidliche Beziehungsphase den langfristigen Zielen der Partner:innenschaft im Weg steht. Das Gefühl, diese Phase überwinden zu müssen, bezeichnet er – auf den ersten Blick vielleicht paradoxerweise – als "das schmerzlich erkämpfte Geschenk der Disharmonie".

Doch scheint der Verlauf auf den zweiten Blick nur logisch: In den ersten Wochen des Kennenlernens ist alles aufregend und neu, die Hormone und Emotionen haben die Zügel in der Hand und lassen uns das Gegenüber als ungemein anziehend, charmant, witzig und unfehlbar erscheinen. 

Mit der Zeit erfahren wir im Umgang mit dem:der Partner:in andere Seiten. Triggerpunkte. Ecken und Kanten, die wir vorher unter der rosaroten Brille nicht sehen konnten oder wollten. Und so ergeht es natürlich auch unserem Gegenüber. Eine unausgesprochene Frage steht im Raum: Wollen wir es trotzdem weiter miteinander versuchen?

Das innere Kind und die Lüge der "harmonischen Beziehung"

Das innere Kind taucht vor allem in Konfliktsituationen auf
Das innere Kind taucht vor allem in Konfliktsituationen auf.
© Medvedeva / Adobe Stock

Wir alle tragen ein Kind in uns – das, welches mit unseren Eltern aufgewachsen ist. Schon früh im Leben entscheiden wir uns für diese oder jene Verhaltensweise, weil wir uns damit im Miteinander mit unseren Eltern sicherer fühlten als mit alternativen Verhaltensweisen. Wir versuchten, unseren Eltern zu gefallen. Doch "diese – meist unbewussten – Überlebens- und Konformitätsstrategien funktionieren im Kontext einer intimen Beziehung als Erwachsener in der Regel nicht so gut", schreibt Professor Leon F. Seltzer in einem Beitrag auf "Psychology Today". Hinzu kommt, dass auch unsere Partner:innen dieses Kind in sich tragen – eine Doppelbelastung für die Beziehung.

Auch wenn unsere Kultur die "harmonische Beziehung" als die einzig wahre und gesunde Beziehungsform anpreist, ist sie eine unrealistische, gar ungesunde und kaum zu haltende Art des Miteinanders. Der Mensch ist kompliziert, die Welt um ihn herum sowieso. Was eine Zeitlang Harmonie mit sich bringen mag, ist Veränderungen ausgesetzt – nichts und niemand auf dieser Welt steht still, auch nicht wir in unserem Miteinander.

Eine Beziehung bedeutet Arbeit – auf mehreren Ebenen

Real betont in seinem Buch, dass alle engen Beziehungen, wenn sie denn ihr volles Potential erreichen sollen, regelmäßige Reparaturarbeiten erfordern. Und für diese brauch es Ausdauer, schließlich gehört zu diesen Reparaturen, dass Frustration, Enttäuschung und Wut verbalisiert werden müssen – und das möglichst konstruktiv. Man muss dafür bereit sein, Störungen in der Beziehung gemeinsam zu beseitigen – und das ist schlicht anstrengend. 

Doch wie heißt es so schön: "Übung macht den Meister", wie es auch Seltzer umschreibt. Wir können lernen, im Umgang mit Beschwerden und Konflikten diplomatisch vorzugehen, unsere Beziehung zu verändern und an ihr zu arbeiten.

Aber niemand behauptet, dass das einfach ist, schließlich haben alle Beteiligten einer Beziehung viele ungelöste Probleme aus der Kindheit, die sie bis hin in die Gegenwart mit sich tragen und von ihnen sabotiert werden. Aus diesem Grund sind wir auch so anfällig dafür, dass unsere Partner:innen uns triggern (wie es sich auch andersherum verhält): Worte, Handlungen, Situationen und Ereignisse erinnern uns an unsere Kindheit, an das Verhalten unserer Eltern, denen wir ausgesetzt waren. 

"Neue Wunden rufen alte hervor."

So mag ein unterschwelliges Gefühl von Rache in uns aufkommen, erklärt Seltzer. Ein Moment von: "Das ist jetzt meine Gelegenheit, endlich die Dinge zu tun und zu sagen, die ich damals hätte tun und sagen wollen." Und so reagieren wir über, attackieren unsere Partner:innen verbal.

"In dem Maße, in dem wir unsere heutige Beziehung als Ersatz für das erleben, was wir früher durchgemacht haben (oder als Wiederholung dessen), werden die Dinge, die uns gegenüber unserer Familie negativ sensibilisiert haben, automatisch wieder aktiviert, wenn unser:e Partner:in unsere allzu idealistischen Erwartungen nicht erfüllt", erklärt der Professor. 

Oder, wie es Real zusammenfasst: "Neue Wunden rufen alte hervor." Das kann dazu führen, dass wir Mauern aufbauen, weil wir Angst haben, unsere:n Partner:in in unser Innerstes eindringen zu lassen – da, wo wir am verletzlichsten sind.

Der weise Erwachsene muss sich durchsetzen

Eine echte parnter:innenschaftliche Intimität ist nicht möglich, wenn Abwehrmechanismen die Menschen auf Abstand halten, die wir eigentlich an unser Herz lassen wollen. Es obliegt dem "weisen Erwachsenen", diese Abwehrmechanismen zu überwinden, damit wir den Mut aufbringen und die Fähigkeit erlernen können, Konflikte mit unseren Partner:innen anzusprechen und zu lösen. Real nennt 5 typische Verhaltensweisen unseres inneren Kindes, die wir überwinden müssen, um eine gesunde Beziehung zu führen:

  1. Das Hüllen in Selbstgerechtigkeit
  2. Der Versuch, den:die Partner:in zu kontrollieren
  3. Den Emotionen ungefiltert freien Lauf lassen
  4. Vergeltung üben
  5. Sich (emotional) abschirmen oder eine Mischung der ersten vier Punkte

Diese Taktiken sind nicht etwa das Zeichen einer schlechten Partner:innenschaft, betont Real in seinem Buch. Sie sind das Zeichen für eine Partner:innenschaft. 

Verwendete Quelle: Psychology Today

Brigitte

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