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Verführerisches Gift Ich weiß, dass er toxisch ist, warum kann ich mich nicht trennen?

Warum können wir uns sooft nicht von toxischen Menschen lösen?
Warum können wir uns sooft nicht von toxischen Menschen lösen?
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Obwohl wir wissen, dass uns manche Menschen nicht guttun, fällt es uns schwer, den Schlussstrich zu ziehen – warum eigentlich?

Inhaltsverzeichnis

"Er war mal wieder viel zu betrunken, hat mich dumm angemacht und mir 'aus Spaß' Wasser ins Gesicht gespuckt", sagt eine Freundin zu mir und ich reiße die Augen auf. Wie bitte? Es ist nicht das erste Mal, dass mir die Freundin vom unmöglichen Verhalten ihres aktuellen Freundes erzählt, und mit jeder Aktion scheint er sich selbst über- bzw. wohl eher untertreffen zu wollen.

Eine andere Freundin hatte vor Jahren eine "Beziehung", wenn man sie denn so nennen mag, mit einem Mann, der auf ganz andere Weise toxisch war. Er kam mehr oder minder frisch aus den Flitterwochen und die beiden lernten sich auf der Arbeit kennen. Ziemlich schnell entwickelte sich eine Affäre, von der seine Frau, die denselben Arbeitgeber hatte, Wind bekam. Als sie die beiden zur Rede stellte, stritt er seine Affäre derart überzeugend ab, dass selbst meine Freundin Zweifel bekam, ob die letzten Wochen nur in ihrem Kopf stattfanden.

Nur zwei Beispiele von vielen, in denen jemand in einer Beziehung respektlos behandelt wurde – im zweiten Beispiel gelang dem Mann gleich ein Rundumschlag. Ich frage mich bis heute, wie diese wundervollen, intelligenten und selbstbewussten Menschen in derartige Partner:innenschaften geraten konnten – und so lange brauchten, um den Schlussstrich zu ziehen. Um zu sagen: "Bis hierher und nicht weiter!" Fakt ist: Sie sind nur zwei von unzähligen Beispielen, wahrscheinlich kennt jede:r im eigenen Umfeld mindestens eine Person, die in einer toxischen Beziehungen gefangen war – oder es sogar bis heute noch ist. Vielleicht ist bzw. war man selbst in einer.

Warum fällt es uns so schwer, uns von Menschen abzusagen, die uns rational gesehen absolut nicht guttun? Wir haben einige mögliche Gründe in diesem Artikel gesammelt.

Viele Menschen haben Angst vor dem Alleinsein

Die Angst vor der Einsamkeit hält einige Menschen in ungesunden Beziehungen
Die Angst vor der Einsamkeit hält einige Menschen in ungesunden Beziehungen
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"Besser mit ihm als komplett allein", mag ein Argument sein, dass man öfter hört, wenn man sich als befreundete Person hervortraut und die augenscheinlich ungesunde Beziehung des Gegenübers anspricht. Die Angst vor dem Alleinsein wird wissenschaftlich bereits seit Jahrzehnten in verschiedenen Studien untersucht. Diese Form der Angst kann als eine "Vermeidungshaltung verstanden werden, die von beunruhigenden Gedanken und Gefühlen des Verlassenseins begleitet wird, die die Person erfährt, wenn sie allein ist", heißt es in einer Studie.

Gerade ältere Paare, bei denen das Verständnis von Beziehung und Liebe teilweise auch ein anderes ist als dass der jüngeren Generationen, scheuen sich davor, ihre:n Partner:in zu verlassen, weil sie es fürchten, allein zu sein. Doch der traurige Fakt ist doch der: Allein kann man auch in einer Beziehung sein, besonders dann, wenn man mit der Person nicht kompatibel ist. Wenn man sich und die eigenen Bedürfnisse nicht gesehen, respektiert und wertgeschätzt fühlt.

"Ich verdiene es nicht anders"

Im Online-Magazin "Thought Catalog" schreibt Kirsten Corley über ihre eigenen Erfahrungen einer toxischen Beziehung. Wie oft sie von Freund:innen Fragen hörte wie "Warum lässt du nur so etwas mit dir machen?" oder "Wie kannst du jemanden wie ihn lieben?". Sie fasst das eigentliche Problem für viele Menschen in toxischen Beziehungen so zusammen:

"Toxische Beziehungen sind keine Beziehungen, in denen dir jemand nicht guttut. Toxische Beziehungen sind die Beziehungen, die du mit dir selbst hast und bei denen du denkst, dass du es nicht anders verdienst."

Die Beziehung mit einem Menschen, der sie auf intimste Weise regelmäßig verletzt, hat Narben bei der Autorin hinterlassen. Mit der Zeit fühlten sich gesunde Beziehungen abnormal für sie an, freundliche Männer wie Einhörner, die es nur in Märchen geben konnte. Sie sei Männer gewohnt gewesen, die sie emotional erst aufbauen, um sie dann zu zerreißen. Das war ihre Vorstellung von einer Beziehung. "Das war, was diese toxische Beziehung mir angetan hat." Diese Vorstellung von einer Beziehung nehmen manche Menschen bereits aus ihrer Kindheit mit.

Manche Menschen denken, dass eine Beziehung genau so sein muss

Unser Beziehungsverständnis wird auch durch die Kindheit geprägt
Unser Beziehungsverständnis wird auch durch die Kindheit geprägt
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Streit, Beleidigungen, körperliche Angriffe – solche Dinge zu erleben, prägt einen Menschen, vor allem, wenn sie sich in der Kindheit abgespielt haben. "Wenn du schon früh gelernt hast, Liebe mit Konflikten, Unbeständigkeit oder Inkonsequenz zu verbinden, hältst du vielleicht unbewusst an der Hoffnung fest, dass es dieses Mal vielleicht anders sein wird", heißt es in einem Artikel auf "Psychology Today".

Dieses Mal ist der Mensch nicht das hilflose Kind, dass den eigenen Eltern dabei zusehen musste, wie sie sich niedermachen. Dieses Mal hat dieser Mensch die Kontrolle über die eigene Situation, über den Verlauf der Geschichte, so mag er sich denken. Und er kann den:die Partner:in "retten" – und sich selbst. Doch das ist ein Trugschluss.

"Ich kann diesen Menschen ändern, das Beste aus ihm herausholen"

"Ich weiß wirklich nicht, was du in ihr siehst" – wie oft hören wir solche und ähnliche Sätze in Filmen und Serien? Wenn der:die Protagonist:in als einzige Person hinter die Fassade des "Bad Boys" zu blicken vermag, den wundervollen Menschen darunter sieht und mit dieser Person gegen alle Widerstände zusammenkommt und glücklich wird. Wie romantisch! Und wie fern der Realität. 

Was manche von uns in ihren Beziehungspartner:innen sehen mögen – ihr Potenzial, liebe-, rücksichts- und respektvoll zu sein – muss nicht mit der Person übereinstimmen, die sie eigentlich sind. In ihrem Artikel schreibt Corley hierzu: 

"Du kannst Menschen nicht ändern, du kannst sie nur lieben. Und du kannst eine Person sehr stark lieben, aber nicht stark genug, damit sie dich so sehr zurückliebt, wie du es verdient hast."

Sich an der Hoffnung festzuhalten, dass diese Person sich doch noch ändern wird, dass sie sich dieses Mal anders verhalten wird, ist ein Garant für viele, viele Enttäuschungen. Und wir vernebeln uns selbst die Sicht auf die klare Erkenntnis, dass uns dieser Mensch einfach nicht guttut. Psychologin Roxy Zarrabi schreibt hierzu auf "Psychology Today":

"Wer sich an der Hoffnung festhält, dass der:die Partner:in sich ändert, handelt wie ein verhungernder Mensch, der immer nur weiter Krümel isst, in der Hoffnung, dass sie zu einer ganzen Mahlzeit werden."

Warum es so wichtig ist, loszulassen

Beim Beenden einer toxischen Beziehung geht es auch um dich
Beim Beenden einer toxischen Beziehung geht es auch um dich
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Der Mensch sucht nach Liebe, das liegt in seiner Natur. Doch wer sich in einer toxischen Beziehung befindet und nicht loslassen kann, der:die muss sich darüber klar werden, dass das, was zwischen euch ist, keine Liebe sein kann. Denn wo Liebe ist, kann keine Gewalt existieren. Wenn der:die Partner:in dich in einem Moment mit Komplimenten und Zuneigung überschüttet, im nächsten aber schon wieder anschreit, niedermacht und an sich bindet, dann ist das Gewalt. 

Du wirst weder die Lösung noch die Schuld bei deinem Gegenüber finden können: Es liegt an dir, dir darüber klarzuwerden, warum du bei einem Menschen bleibst, der dich psychisch, vielleicht sogar physisch verletzt, der dir ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit gibt, der dich in den Himmel trägt, nur um dich kurz darauf wieder in die tiefste Hölle fallen zu lassen.

Ist es Angst? Ist es das Gefühl, es nicht anders verdient zu haben? Oder die Hoffnung, diese Person ändern zu können? Es kann in solchen Fällen helfen, deinen Freund:innen wirklich zuzuhören, die Warnungen, die sie aussprechen, an dich heranzulassen. Sie mögen die Beziehung nicht in ihrer Tiefe und Komplexität begreifen können, aber sie sehen Dinge, für die du selbst vielleicht den Blick verloren hast. Und manchmal reichen die Dinge, die sie sehen, vollkommen aus. Auch professionelle Hilfe, Beratungsstellen, Therapien, Seelsorge, können ein erster Schritt sein.

Niemand hat Gewalt verdient. Auch nicht du.

Wenn du Hilfe benötigst, kannst du dich beispielsweise an diese Anlaufstellen wenden:

  • Telefonseelsorge: 0800-111 011 1
  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben: 08000 116 016

Verwendete Quellen: psychologytoday.com, thoughtcatalog.com, frontiersin.org, forbes.com, psychcentral.com

cs Brigitte

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