Pubertät: Erziehungstipps von Experten

Wieso Stress und Streit in der Pubertät Ihrer Kinder überflüssig sind - und wie es stattdessen funktionieren kann.

Ab zwölf sei jeder Erziehungsversuch ohnehin zwecklos, und deshalb könnten sich Eltern in der Pubertät ihrer Kinder den ganzen Zoff auch schenken, behaupten die Jugendpsychiater Ralph Dawirs und Gunther Moll. Ein Gespräch über Verantwortung, Aufbruch und sehr schlechte Laune.

BRIGITTE: Meine 14-jährige Tochter ist frech und findet mich superpeinlich. Können Sie mir etwas Tröstliches sagen?

Gunther Moll: Herrlich, diese Diskussionen, wenn es irgendwann heißt: So gehst du mir nicht raus! Oder wenn die Tochter plötzlich findet, dass ihre Mutter sich zu jugendlich kleidet. Das bedeutet, sie interessiert sich für Modefragen. Das ist doch schön - es zeigt, dass die Sicht des Kindes sich verändert: endlich ein echtes gemeinsames Thema. Man kann sich streiten wie zwei, die beim Fußball für unterschiedliche Mannschaften brüllen.

BRIGITTE: Danke, an Streit fehlt es mir nicht . . .

Ralph Dawirs: Ursprünglich ist die Pubertät kein Projekt, bei dem Elternbeteiligung vorgesehen ist - die Probleme, die man heute hat, sind entwicklungsgeschichtlich betrachtet eher neu. Die ersten sechs Jahre entwickelt sich der Mensch im Rahmen seiner Möglichkeiten, da stellen Eltern tatsächlich viele Weichen. Aber mit zwölf ist ein Mensch kein Kind mehr, sondern ein junger Erwachsener. Vor Jahrtausenden übernahmen die Pubertisten als nachwachsende Generation das Ruder; wenn einer der Alten die Macht nicht freiwillig abgab, hat man ihn notfalls erschlagen oder nicht mehr gefüttert. Im Laufe der Geschichte hat sich unsere Lebensstrecke aber verdreifacht - deshalb stehen wir jetzt den Jugendlichen im Weg rum, behindern ihre Entfaltung und verlangen, dass sie brav Hausaufgaben machen. Statt sie einfach loszulassen.

BRIGITTE: Aber ich muss mein Kind doch erziehen.

Ralph Dawirs: Ab zwölf Jahren noch von Erziehung zu sprechen ist biologischer Unfug. Die meisten Fragen regelt man am besten über die Hausordnung. Indem man sagt: Ihr seid zwar Erwachsene, aber in diesem Haus gelten Regeln. Die müssen ausgehandelt werden.

BRIGITTE: Das Aushandeln ist eine Sache - die Regeln durchzusetzen ist oft purer Kampf.

Ralph Dawirs: Normalerweise will der pubertierende Mensch ja keinen wirklichen Krieg. Es gibt also fast immer etwas zu verhandeln. Etwa so: "Du bringst den Müll nicht raus? Dann wasche ich deine Wäsche nicht mehr."

BRIGITTE: Ich muss um jede Stunde verhandeln, wenn meine Tochter bis zwei Uhr feiern will?

Ralph Dawirs: Als Staatsbürgerin können Sie sich auf das Jugendschutzgesetz berufen, an das Sie sich halten. Sie könnten sogar Solidarität zeigen: Ich finde das auch blöd, aber leider. . .

Gunther Moll: Es geht doch eigentlich auch nicht um 23 Uhr oder zwei Uhr - es geht um die Frage: Was ist da los? Gibt es Alkohol, gibt es Drogen? Wenn die Party nicht zum Besäufnis wird und einfach nur Spaß bringt, warum sollte sie nicht bis zwei Uhr gehen? Wir diskutieren als Eltern zu oft Formalitäten statt Inhalt.

BRIGITTE: Ob Alkohol fließt, weiß ich vorher selten.

Gunther Moll: Kinder müssen lernen, mit Alkohol umzugehen, da kann das Vorbild nur von den Eltern kommen. Die Gefahr, dass mein Kind trotz guter Vorbilder einmal zu viel trinkt, bleibt natürlich - absolute Risikofreiheit gibt es im Leben nicht, auch nicht für Eltern.

Ralph Dawirs: Es gibt gute und weniger gute Ausgangsbedingungen, aber keine Sicherheiten in menschlichen Entwicklungsprozessen. Verbote beeinflussen das Verhalten eines 16-Jährigen nicht. Was zählt, ist die Erziehung, die Beziehung zwischen Kind und Eltern in den ersten sechs Lebensjahren: In dieser Zeit entsteht die Bereitschaft, sich zu kontrollieren, sich nach Erfolgserlebnissen auszurichten. Wenn das gelingt, minimiert sich das Risiko, dass Alkohol als Fluchtweg genutzt wird.

BRIGITTE: Und Drogen?

Gunther Moll: Null.

BRIGITTE: Also doch ein Verbot?

Gunther Moll: Man kann Jugendlichen erklären, was bei Drogenkonsum passiert. Das Gehirn will in der Pubertät etwas erleben, es will Achterbahnfahrten, Eindrücke, Abenteuer, Spannung. Mit Drogen erreicht es das - aber das sind niemals echte Erlebnisse. Genau die aber müssen wir Jugendlichen bieten.

BRIGITTE: Bergwandern mit den Eltern vielleicht? Gemeinsamer Abenteuerurlaub? Da wendet sich das Kind mit Grausen ab . . .

Gunther Moll: Es gibt auch andere Unternehmungen, die man als Eltern mitmachen kann. Notfalls hockt man halt mit Ohrstöpseln im Rockkonzert. Oder geht zusammen zu einem Fußballspiel. Gemeinsame Erlebnisse zu schaffen ist wichtig - ebenso wie zu kapieren, dass es viele Sachen gibt, bei denen man nun einmal nicht dabei zu sein hat. Bei alledem gilt: Es ist zu spät, erst in der Pubertät damit anzufangen. Die Basis muss lange vorher da sein.

Ralph Dawirs: In der Pubertät ist die Schule sozusagen schon aus.

Gunther Moll: Wir plädieren dafür, Jugendlichen mehr Verantwortung zu übertragen. Wir müssen sie in die Mitte der Gesellschaft zurückholen - dorthin, wo sie entwicklungsgeschichtlich früher waren. Ihnen das Wahlrecht geben zum Beispiel. Denn die Jugendlichen gehen Fragen wie diese von uns allen am allermeisten an: Was ist mit dem Klimawandel, wie sieht unsere Welt in 50 Jahren aus?

BRIGITTE: Die meisten Jugendlichen können sich nicht einmal vorstellen, 30 zu werden . . .

Gunther Moll: Wenn wir ihnen Verantwortung übertragen, werden sie sie annehmen.

Ralph Dawirs: Unsere Gesellschaft braucht die Pubertät als Phase, sonst verschenken wir die Chance auf Erneuerung. Der Stress und die Herausforderung für die Eltern sollte nicht sein, sich gegen die neuen Wilden zu wehren, sondern zu sagen: Okay, dann macht ihr mal, wir ziehen uns langsam zurück.

Gunther Moll: Dass der Mensch evolutionär so erfolgreich war, lag auch daran, dass wir so unterschiedlich waren: Spätestens in der Pubertät beginnt naturgemäß jeder, seinen eigenen Weg zu gehen. Und wir Eltern stehen da, engen ein und normieren. Ist doch klar, dass das Aggression, Gegenwehr und Konflikte provoziert. Wenn wir dagegen als Entwicklungsziel für Jugendliche nicht die Anpassung, sondern die optimale freie Entfaltung sehen könnten, würde die Post abgehen, da bin ich sicher.

BRIGITTE: Klingt, als sollten Eltern sich allenfalls am Rande des Weges aufhalten. Und was ist, wenn Pubertierende, von der elterlichen Leine gelassen, um die Schule plötzlich einen Bogen machen?

Gunther Moll: Dann machen sie halt ein, zwei Tage wirklich Pause. Ziehen den Stecker raus.

BRIGITTE: Blau machen?

Gunther Moll: Nennen wir es einfach "Reload".

Ralph Dawirs: So eine Phase ist ja kein Leistungs-, sondern allenfalls ein Bewertungsknick. Man kann die Jugendlichen ermutigen, dass sie die Noten ruhig mal vergessen dürfen, aber von Zeit zu Zeit den Hinweis geben, wie wichtig der Schulabschluss am Ende für die Zukunft ist. Vielleicht gibt es tatsächlich gerade Wichtigeres als die Schule. Dann hat man halt mal einen Hänger, die Pubertät dauert ja nicht ewig. Mit schlechter Stimmung zu Hause erreiche ich nur wieder Stress, also ganz genau das Gegenteil von dem, was gebraucht wird.

Gunther Moll: Als Kinderpsychiater sehe ich immer mehr Kinder mit Schulvermeidung. Dahinter stecken häufig Angst und Depression. Auf so etwas muss man reagieren - wie auf jede Störung. Jeder hat mal einen schlechten Tag oder eine schlechte Phase. Aber wenn der Zustand anhält, sollte man lieber einmal zu viel darauf gucken, wie es dem Jugendlichen in seiner Umwelt und Situation geht. Eine Veränderung des Essverhaltens oder Selbstverletzung sind Alarmsymptome, dass etwas Gravierendes nicht stimmt, dass ein Jugendlicher mit seinen Gefühlen nicht zurechtkommt.

BRIGITTE: Also da ist dann doch wieder Mutters einfühlsames Händchen gefragt?

Ralph Dawirs: Verhaltensstörungen sind schwere Erkrankungen. Da muss natürlich jeder helfen, der das vermag. Das ist kein Widerspruch. Zu einer älteren Dame, die vom Rad gestürzt ist, sagen wir ja auch nicht: "Hilf dir selber, du bist doch schon erwachsen."

BRIGITTE: Manchmal kommt man aber auch als Mutter nicht mit seinen Gefühlen zurecht - zum Beispiel, wenn die 15-Jährige sich nachts aus dem Haus stiehlt . . .

Ralph Dawirs: Das Sexualverhalten wird von Jugendlichen auch als Mittel zur Abgrenzung genutzt. Da könnte man mit dem Mädchen reden und sagen: Unser Haus ist immer offen, da kannst du dir die Heimlichkeiten sparen.

Gunther Moll: Grundsätzlich ist es auch während der Pubertät wichtig, immer im Gespräch zu bleiben. Und öfter mal zu fragen: Wie geht es dir? Was beschäftigt dich? Was geht dir bei mir auf die Nerven? In manchen Fällen ist dabei ein Berater hilfreich, ein Coach, der einen anderen Standpunkt einnimmt, die Dinge von außen betrachtet. Das kann durchaus auch ein Freund oder die Patentante sein.

Ralph Dawirs: Und irgendwann kann man dem Pubertisten sagen: Du bist schon so erwachsen, du brauchst uns nicht mehr so, da kann ich wieder mehr mit meinem Partner unternehmen und habe natürlich auch weniger Zeit für dich. Die Familie ist ja nicht nur Tankstelle und Servicestation. Das grenzt ab - und ist zugleich ein positives Signal für Heranwachsende, dass sie ernst genommen werden.

Prof. Gunther Moll ist Kinderpsychiater und Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen. Prof. Ralph Dawirs ist Leiter der dortigen Forschungsabteilung. Beide sind Autoren des Buches "Endlich in der Pubertät. Vom Sinn der wilden Jahre", Beltz-Verlag, 17,90 Euro

Ihr Kind ist "Mitten in der Pubertät"? Im Dossier der aktuellen BRIGITTE Nr. 4 (ab 29. Januar am Kiosk) finden Sie noch mehr Antworten auf Ihre Fragen, zum Beispiel: Wie übersteht man diesen ganz normalen Wahnsinn? Was tun zum Beispiel gegen Komasaufen? Wie Verantwortung übergeben? Und den Trost: Irgendwann ist die Pubertät auch vorbei.

Interview: Silke Pfersdorf Ein Artikel aus der BRIGITTE 04/09
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