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Reicher Bruder, arme Schwester


Arm und reich in einer Familie: Wie funktioniert das eigentlich? Felix zum Beispiel, 15, hat ziemlich viel Kohle. Weil er nach der Trennung der Eltern bei dem Vater blieb. Seine kleine Schwester Lea dagegen kann sich fast nichts leisten. Weil sie bei der Mutter lebt. Lesen Sie die spannende Bilanz einer Geschwisterliebe.

"Die Kohle", sagt Felix, "muss schon stimmen. Sonst bist du unten durch bei deinen Freunden." Felix ist 15, hager, verwaschene Jeans, Ray-Ban-Sonnenbrille. Bei Felix stimmt die Kohle, er lebt bei seinem Vater, 240 Quadratmeter Altbauwohnung mitten in Berlin. Heute aber ist Freitag, und Felix fährt zu seiner Mutter nach Hamburg. Felix nimmt drei T-Shirts aus dem Schrank, packt sie in die blaue Reisetasche, obendrauf den Gameboy. Ob er sich freut auf die Mutter, die kleine Schwester? Felix zuckt die Schultern. "Ich bin schon gern bei Mama und Lea", sagt er schließlich. "Weil es da nicht so schnieke ist."

Aber ihm graut vor der Enge, dem klapprigen Sofa, auf dem er die nächsten zwei Nächte schlafen wird. Im Wohnzimmer steht es, Privatsphäre gleich null. Felix' Mutter, ihr neuer Freund, die kleine Schwester: Sie leben auf 55 Quadratmetern, ein winziges Durchgangszimmer als Kinderzimmer. Felix' Eltern haben sich vor zwei Jahren getrennt, die Mutter zog mit Lea, heute sieben Jahre alt, zu ihrem Freund. Felix wollte die Kumpels nicht aufgeben, nicht die Stadt wechseln.

Und ja, auch der Lebensstandard spielte eine Rolle. "Mama hat ja kaum genug Geld für Lea und sich", sagt Felix. Er blieb bei seinem Vater Jan. Birgit, die Mutter, verzichtete auf Unterhalt, er stand ihr nach der alten Rechtslage auch nicht wirklich zu. Felix weiß, wie wichtig es ihr war, einen Schlussstrich zu ziehen, auf eigenen Beinen zu stehen, nicht mehr abhängig zu sein von Jan. Birgit ist eine kleine Frau, rote Haare, freundliches Lächeln. Ihr war klar, was auf sie zukommen würde, als sie Jan verließ - für Pierre, den Schauspieler, ihre mittellose neue Liebe.

Jan und Birgit waren nicht verheiratet. "Als ich schwanger war mit Felix, habe ich ihm einen Antrag gemacht. Da war er ganz von der Rolle: Liebe braucht doch kein amtliches Siegel, hat er gesagt", erzählt Birgit. Darüber kann sie heute nur lachen. Es ist ein kaltes Lachen. Die große Wohnung in Berlin hatte Jan auf seinen Namen gekauft, und von dem Geld, das Jan während der Beziehung verdiente, hat Birgit nach der Trennung nichts gesehen. Die so genannte Zugewinngemeinschaft existiert nur bei Ehepaaren. In den Jahren mit Jan musste Birgit sich um Geld keine Gedanken machen. Jan ist ein gefragter Filmproduzent, Birgit kümmerte sich um die Kinder. "Mich hat das Leben mit Jan schon bequem gemacht, das sorglose Shoppen, die luxuriösen Urlaube. Mich beruflich weiterentwickelt, das habe ich nicht." Jetzt arbeitet sie halbtags in einer Boutique.

Birgit sitzt auf dem Sofa, das jedes zweite Wochenende zum Bett ihres Sohnes wird, die Hände auf dem Bauch verschränkt. Seit ein paar Wochen weiß sie, dass Pierre und sie ein Kind bekommen. Wie es dann werden soll, zu viert in der kleinen Wohnung, das weiß sie nicht so genau. Jetzt steigen auch noch die Nebenkosten, Öl und Gas werden teurer - "das alles macht mir Angst", sagt sie.

Als Lea im vergangenen Jahr in die Schule kam, kaufte Birgit einen Secondhand-Schulranzen. Felix dagegen: Laptop, Trendtasche. Am Anfang hat Jan auch Lea mit Geschenken überhäuft - bis Birgit einschritt. "Es war unnützes Zeug, hässliche Spielsachen. Lea hätte sich mehr gefreut, wenn er sie mal besucht hätte." Es kam zum Streit - das Einzige, was Jan seitdem seiner Tochter finanziert, ist der gemeinsame zweiwöchige Sommerurlaub.

Heute ärgert sich Birigt manchmal über ihren Verzicht auf Unterhalt, über ihren Stolz, ihren Starrsinn. "Für Felix ist jedes noch so unnütze Teil drin, und Lea und ich, wir müssen überall knapsen." Aber nachgeben, betteln gehen? Es wäre eine Niederlage.

Lea und Jan: Das ist kein enges Verhältnis, war es nie. Dafür war Lea zu klein bei der Trennung, der Vater zu oft unterwegs. Sie sehen sich unregelmäßig, er ruft an, wenn er geschäftlich in Hamburg ist. Ist er nicht da, spricht Lea kaum von ihm. Aber sie vermisst Felix. "Sie vergöttert ihren Bruder. Neid und Eifersucht kennt sie nicht. Als ich neulich mal mit ihr gesprochen habe, sagte sie: Dass wir kein Geld haben, ist mir egal. Aber der Felix, der soll bei uns sein", erzählt Birgit. "Klar tut mir das weh. Es gibt Momente, da frage ich mich, ob es richtig war zu gehen." Birgit macht sich Sorgen, dass Lea nicht mithalten kann, dass sie ihr irgendwann Vorhaltungen macht, eifersüchtig wird auf den Bruder. Und sie glaubt, dass Felix zu verwöhnt bei seinem Vater aufwächst. "Jan übertüncht die Zeit, die er sich nicht für Felix nimmt, mit Konsum." Zur EM hat Felix einen Flachbildfernseher bekommen. CDs, DVDs - kein Problem.

Wenn Felix am Wochenende da ist, nimmt Birgit sich Zeit. Manchmal zu viel. "Das nervt", sagt Felix. "Das ist manchmal echt zu heavy." Statt mit Birgit und Lea Spaghetti zu kochen, würde er gern am Computer chatten. Oder mit einem Freund aus Berlin durch Hamburg ziehen. Aber einen Freund mitbringen, das geht schon aus Platzgründen nicht. "Und cool wäre es auch nicht bei der Winz- Bude", sagt Felix. Die Berliner Kumpels kommen aus ähnlich wohlhabenden Verhältnissen wie Felix. "Die wissen nicht, was es heißt, auf einem Sofa zu pennen. Und ich will auch nicht, dass die sehen, wie ich hier lebe."

Natürlich weiß Felix, dass er seiner Mutter damit weh tut. Dass er sie vor seinen Freunden versteckt, sich für ihr Leben schämt. "Mir wäre es lieber, das wäre alles kein Thema. Manchmal ist es mir voll peinlich, ich habe ein neues Handy, und Lea und Mama, die haben nicht viel." Felix weiß, dass sich seine Mutter Sorgen macht, dass er und Lea so verschieden aufwachsen, so ganz andere Chancen haben. "Aber was kann ich dafür?", sagt er.

Manchmal ist Felix wütend. Jede Geste kann falsch sein am Wochenende bei seiner Mutter. "Da brauch ich nur ein bisschen schief gucken, wenn es Tiefkühlpizza gibt, schon heißt es: Es gibt genug Menschen, die sich darüber freuen würden." Spricht er mit seinem Vater über das, was er an den Wochenenden erlebt? "Nee", sagt Felix, "der hat doch gar kein Peil dafür." Und genau das ist es eigentlich, was er an seinem Vater schätzt: Jan stellt kaum Fragen. "Solange ich um halb elf im Bett bin und keine Gewaltspiele auf meiner Konsole habe, nervt er nicht rum."

Felix bekommt 120 Euro Taschengeld im Monat, seine Schwester 80 Cent die Woche. 120 Euro, das ist ein Drittel von Hartz IV - und selbst unter seinen Kumpels nicht der Normalfall. "Mir ist schon klar, dass das richtig Asche ist. Ich geb meinen Freunden was aus oder kauf mir coole Hosen und so." Daran gedacht, seiner Mutter etwas zu geben, hat er auch schon mal. "Aber nur kurz. Das wäre ja auch seltsam." Jetzt spart Felix auf zwei Fahrräder. Eins für sich, eins für Lea. "Soll 'ne Überraschung werden."

Text: Harriet Wolff Ein Artikel aus der BRIGITTE 19/08

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