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Ritter-Syndrom Wieso es toxisch sein kann, wenn dein:e Partner:in alles für dich tut

Ritter-Syndrom: Mann trägt Frau auf Händen
© Vladimir Sukhachev / Shutterstock
Das Ritter-Syndrom wirkt anfangs wie im Märchen: Endlich hast du eine:n Partner:in gefunden, die dich auf Händen trägt. Aber Vorsicht: Dahinter kann ein toxisches Beziehungsmuster stecken.

Der Ritter auf dem weißen Pferd. Wie viele Disney-Filme und Liebes-Romane haben ihn uns vorgezeichnet, sein Abbild in unsere Netzhaut und manches Herz gebrannt. Wenn er:sie erst einmal da ist, uns gefunden hat, ja, dann wird alles gut. Dann haben wir unser Happy End und damit den Schluss jeglicher Romanze aus Film und Literatur erreicht. Nur dass es in der Realität eben weitergeht. Und da können wir von weißen Rittern nur abraten.

Vielleicht kennt es der:die eine oder andere aus eigener Erfahrung. Manchmal lernen wir jemanden kennen und fühlen uns selbst wie in der Rom-Com. Denn auf einmal haben wir es mit jemandem zu tun, der:die uns genauso behandelt, wie wir es eigentlich nur aus dem Märchen kennen. Uns werden die Sterne vom Himmel geholt, wir werden buchstäblich auf Händen getragen. Bekocht, wenn unser Tag stressig war. Beruhigt, wenn wir traurig sind. Gepflegt, wenn es uns schlecht geht. 

Grundsätzlich handelt es sich dabei um wunderbare Zutaten für eine Partnerschaft. Wenn denn zwei Dinge vorausgesetzt sind: Dass eben diese Beziehung aus Geben und Nehmen besteht. Und dass das Geben aus den richtigen Gründen geschieht. 

Das Ritter-Syndrom: Liebe mit Beigeschmack

Denn ja: Es gibt auch ein falsches Geben. Und zwar dann, wenn es eigentlich nur geschieht, um sich selbst gut, ja, genauer gesagt wie eben jener Ritter auf dem weißen Pferd zu fühlen.

Das Ritter-Syndrom ist ein Dating-, oder eher Beziehungsphänomen, bei dem ein:e Partner:in der:die andere:n zwanghaft retten möchte. Oft spiegelt sich das bereits in der Partnerwahl wider. Wenn du dich in einer schwierigen Situation befindest, blüht der:die Ritter:in wiederum richtig auf. 

Psychologisch betrachtet stecken hinter dem Phänomen oft lange zurückliegende Erfahrungen, in denen der:die Rettende sich schon als Kind um eine andere Person kümmern musste. Auch der Verlust eines geliebten Menschen kann das spätere Bedürfnis auslösen.

Gleichzeitig zeigt sich das Verhalten oft bei narzisstischen Persönlichkeitstypen. Denn: Sie kümmern sich in erster Linie um andere Menschen, um sich selbst gut dastehen zu lassen. 

Die toxische Beziehung getarnt in Selbstlosigkeit

Woran merke ich, dass ich es mit dem Ritter-Syndrom statt echter Fürsorge zu tun habe? Viele Menschen kennen es aus manipulativen oder sogar toxischen Beziehungen: Der schale Beigeschmack einer romantischen Geste, der sich in einem diffusen Gefühl aus schlechtem Gewissen und Erdrücktheit bemerkbar macht. 

Denn der:die Rettende vollbringt seine guten Taten keineswegs bedingungslos. Und hier finden wir den Unterschied zu tiefer Verbundenheit und Liebe. Er:sie möchte Anerkennung für seinen:ihren Einsatz sehen – und diese steht letztendlich mehr im Mittelpunkt als der Rettende selbst.

Auch lange nach der guten Tat wird er:sie dich darauf hinweisen, was für dich getan wurde und dass du froh sein solltest, ihn:sie überhaupt zu haben. So wird ein scheinbarer Akt der Selbstlosigkeit im Nachhinein als Manipulationsinstrument genutzt, um den:die Partner:in an sich zu binden.

Zurück bleibt: die Spirale des schlechten Gewissens

Das Problem: Betroffene fühlen sich oft so beschämt durch ihre negativen Gefühle, dass sie das toxische Beziehungsmuster nicht durchbrechen können. Auf dem Papier haben sie es schließlich mit dem:der perfekten Partner:in zu tun, wieso, ja wieso fühlen sie sich dann trotzdem schlecht? Müsste man nicht dankbar sein? Und sich unbedingt revanchieren?

Genau hier setzt die toxische Spirale ein, auf die Ritter:innen unterbewusst spekulieren – sie schaffen durch ihre guten Taten eine gewisse Abhängigkeit, bei der jemand anderes ständig in ihrer Schuld zu stehen scheint. Das wiederum hat nichts mehr mit selbstloser Liebe zu tun.

Was hilft? Meistens genau das, wovor sich Betroffene oft scheuen: Mit anderen sprechen. Keiner muss heute mehr die Fassade einer perfekten Beziehung aufrecht erhalten (gibt's sowieso nicht). Wenn du also ein ungutes Bauchgefühl hast, weil dein:e Partner:in dir die Welt zu Füßen zu legen scheint, dich dadurch wiederum undankbar und gestresst fühlst, sprich mit Freund:innen darüber. Sie werden das Ritter-Syndrom erkennen, denn sie waren auch schon für dich da, wenn es schwierig wurde – ohne eine Gegenleistung zu fordern.

mjd Brigitte

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