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Scheidung Frauen gehen langsam – aber gewaltig

Scheidung: Frau zieht ihren Ring aus
© Dmytro Zinkevych / Shutterstock
Scheidungen sind hart. Aber oft weder Anfang noch Höhepunkt einer Krise. Sondern ihr Ende.

Es war einer der schönsten Tage meines Lebens: Meine Trauzeuginnen, die meine ältesten Freundinnen sind, saßen in eleganten Kleidern links und rechts von mir am gedeckten und geschmückten Tisch. Ich roch ihr vertrautes Parfüm. Sie hatten Geschenke und Blumensträuße mitgebracht. Von einem wolkenlosen, eisblauen Winterhimmel leuchtete die Sonne hellblond durch die Fenster des voll besetzten "Café Paris", nur eine Straße entfernt vom Hamburger Rathaus gelegen. Sogar die Staubkörner flitterten festlich im Lichtstrahl. Im Hintergrund Gläserklirren, Gelächter, Stimmengewirr.

Alles auf Neuanfang, zurück auf das große Los!

Wir hoben unsere Gläser mit kaltem Crémant: "Viel Glück! Auf dich!", sagte die eine. "Danke, dass ihr da seid", erwiderte ich euphorisch und gerührt zugleich. Wir stießen an und tranken aus. Da war so viel Liebe und rauschhafte Leichtherzigkeit zu spüren, und das lag nicht nur an der ungewohnten Alkoholzufuhr am Morgen. Eine hoffnungsvolle Zukunft fächerte sich auf und mir frischen Wind zu: Alles auf Neuanfang, zurück auf das große Los! Ich fühlte mich wie Anfang 20, als ob im Leben noch alles drin wäre für mich, nein, besser: als hätte ich zudem die wirklich wichtigen Entscheidungen – Beruf, Kinder, Freunde – bereits richtig getroffen und nun den Rest meines Lebens hauptsächlich als Spielwiese für mich. Lauter neue erste Male: Zwischen Seidenmalerei und Sex war alles drin. Vom nahen Rathausturm schlug die Glocke zwölf. Die Bronzeuhr über dem Eingangsportal stellt Anfang und Ende des Lebens dar; das Kind auf dem Schoß seiner Mutter schlägt die Viertelstunden, der Tod dann die vollen. Wie passend! Der Gerichtstermin war um 10 Uhr gewesen – seit zwei Stunden war ich eine geschiedene Frau.

Einst trug ich ein großes Weißes und sah schwarz, heute ein kleines Schwarzes und schaute durch die rosa Brille auf mein künftiges Eigenleben. Nach 20 Jahren Ehe und mit zwei halbwüchsigen Kindern hatte ich das Gefühl, endlich zu mir zurückgekehrt zu sein.

Ja, die Jahre vor der Trennung und der sich dann ewig hinziehende Prozess der Scheidung nach so vielen gemeinsamen Jahren, Konten und Kindern waren schrecklich und maximal schmerzhaft. Nein, auch ich hatte das einmal nicht so gewollt; hatte aus Liebe geheiratet und nach deren Ende um sie gekämpft, gestritten, geheult und getrauert. Aber jetzt war ich froh, diese Entscheidung gefällt zu haben. Lieber den Lebensstil downsizen, als sich weiterhin kleinzumachen. Denn zwischen dem Tod einer Ehe und dem realen Tod kann noch eine gefühlte Ewigkeit liegen. Mal ernsthaft: Wie viele alte Ehepaare kennt man, von denen man meint, sie wären immer noch glücklich miteinander und würden nicht als größte Gemeinsamkeit ihre gegenseitige Abneigung pflegen? Ja, von denen man annimmt oder sogar weiß, dass sie noch Sex haben, und das auch noch miteinander? Ich persönlich kenne drei – und ich kenne viele Leute!

Gender-Gap in der Ehe

Die wenigsten Frauen heiraten aus einer Laune, weil sie gerade besoffen waren und zufällig an einer Hochzeitskapelle in Las Vegas vorbeigekommen sind. Es heiratet allerdings auch niemand, um dadurch zunehmend sein eigenes Leben zu verlieren, während man sich abwechselnd im Job, Haushalt, in der Beziehung und am Hormonhaushalt des Gatten abarbeitet. Dazu kommen eventuell die Bedürfnisse von Kindern, die nie zu stillen sind. Der "Väterreport" des Bundesfamilienministeriums ergab, das nur 14 Prozent der Eltern tatsächlich ein partnerschaftliches Familienmodell leben.

Eine Studie zum "Equal Care Day" 2019 bestätigte: Im Gegensatz zu den Müttern büßen Väter in der Regel weder Schlaf noch Karriere ein. Hier beginnt der Gender Gap: Der Mann zieht davon, die bis eben noch gleichberechtigte Mutter bleibt "erst mal" zu Hause, bei der unbezahlten Care-Arbeit für die künftigen Rentenerbringer, auf der das gesamte Wirtschaftssystem basiert. Bestes Beispiel: Wer fühlt sich in der Corona-Krise wohl aktuell fürs Homeschooling verantwortlich? Richtig – zu 82 Prozent die Frauen. Von der potenziellen Millionärin zur Tellerwäscherin. Aus Liebe. Man kriegt ja so viel zurück! Nur kein Geld, keine Altersvorsorge, keinen Respekt und einen Kindergartenplatz sowieso nicht. Es gibt ja diesen coolen Rock’n’Roll-Vorsatz: "It’s better to burn out, than to fade away". Langjährige Ehefrauen und Mütter schaffen locker beides: einen Burn-out zu haben und gleichzeitig immer mehr zu verblassen. Funktionieren tun sie dabei natürlich trotzdem weiter. Sie wollen das Rudel zusammenhalten, zumindest bis die Kinder aus dem Haus sind.

Jede dritte Ehe wird mittlerweile geschieden, die meisten Ehen nach durchschnittlich 15 Jahren. Getrennt wird sich oft, wenn Kinder kommen, und dann wieder, wenn die Kinder einen verlassen. Sieben von zehn Scheidungen werden von der Frau eingereicht. Und das, obwohl in Deutschland nach der falsch gedachten und schlecht gemachten Unterhaltsreform von 2008 Ehefrauen, die beruflich zugunsten von Kindererziehung und unbezahlter und ungeschätzter Familienarbeit lange zurückgesteckt haben, finanziell deutlich schlechtere Karten haben. Eine aktuelle Studie zeigt, dass jeder dritte Single von Armut bedroht ist, und das gilt erst recht für Frauen, die in Deutschland im Beruf knapp 30 Prozent weniger verdienen und zudem unentgeltlich die Kinder großziehen, die ihre Eltern allein bis zu ihrem 18. Geburtstag laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich 130 000 Euro kosten. Und dann kommt die Ausbildung noch obendrauf.

Sich selbst finden – Der Weg ins eigene Leben 

Da Frauen eine glückliche Partnerschaft und Familie mehr oder weniger bewusst als ihre Aufgabe ansehen, kommt ihnen eine Trennung oder gar Scheidung oft wie persönliches Versagen vor. Permanent leisten sie deshalb einsame Überstunden in Beziehungsarbeit. Erst wenn ihre Bedürfnisse nach liebevoller Verbindung, Unterstützung und emotionalem Verständnis über viele Jahre frustriert und erodiert sind, denken sie irgendwann wie die Ex-Frau des ehemaligen "Spiegel"-Redakteurs Jan Fleischhauer, der sein eheliches Aufarbeitungsbuch nach dem Schlusssatz seiner Gattin benannte: "Alles ist besser als noch ein Tag mit dir". Und während Ehemänner, Meister des magischen Wunschdenkens, auch nach Jahrzehnten voller Streiten, Bitten, Schweigen, Tränen und Therapieversuchen den finalen Trennungswunsch ihrer Frau "überhaupt nicht haben kommen sehen" und nach dem ersten Schock eine Neubesetzung für die Gattin suchen, um nicht ins betreute Wohnen ziehen zu müssen, finden Ex-Gattinnen nach der Trennung auch ihre Traumfrau: sich selbst!

Nach einer Umfrage der amerikanischen Paartherapeutin Jennifer Garvin unter geschiedenen Frauen hatte übrigens jede dritte bereits vor der Eheschließung gezweifelt, ob das nun wirklich der einzig "Richtige" unter momentan weltweit verfügbaren vier Milliarden Männern sei. Wenn Frauen Nein denken, aber Ja sagen, liegt das an der Torschlusspanik, den Erwartungen ihres sozialen Umfeldes, dem Wunsch, auch mal so ein wunderschönes Hochzeitskleid zu tragen wie die Freundinnen, und einer biologischen Uhr, die fünf vor schwanger anzeigt. Man sollte sich das Jawort nicht von der Angst vor Einsamkeit diktieren lassen. "Wenn Sie Zweifel haben, lassen Sie es sein!", rät die Fachfrau.

Allerdings ist es zum Glück nie zu spät, es sein zu lassen. Vor einer Weile war ich auf einem Klassentreffen der Mütter. Wir alle hatten uns kennengelernt, als unsere ersten Kinder vor mehr als 15 Jahren zusammen in die 1b der Grundschule kamen. Damals waren wir eine homogene, privilegierte Gruppe mit Ehemännern, ein bis drei Kindern, Zweitwagen und Hund. Es gab nur zwei Alleinerziehende unter den Müttern, Exotinnen, die eher unter sich blieben, als ob das ansteckend wäre. Die erste Scheidung brach in Klasse 2b wie ein Tsunami in das familiäre Auenland ein und spülte unter anderem ein Wochenendhaus, eine Eigentumswohnung, einen Weinkeller, ein Pony und einen Porsche weg. Der Rest der Herde sah es mit Schrecken und schwor sich, es nie so weit kommen zu lassen. Knapp 15 Jahre später waren gut 70 Prozent geschieden oder getrennt lebend. Viele waren mit dem Fahrrad oder Bus gekommen – eher aus ökonomischen als ökologischen Gründen. Manche erkannte ich zuerst gar nicht wieder, aber im positiven Sinn: Obwohl es fast allen an Geld mangelte, hatten sie dafür Unmengen von Lebensfreude, Attraktivität und Ausstrahlung gewonnen. Unsere Kinder waren auf dem Weg in ihr eigenes Leben – und wir auch wieder.

Ich habe oft erlebt, dass Frauen zehn Jahre jünger aussahen, nachdem sie 90 Kilo Ehemann abgenommen hatten. Hat man eine Ehe erst hinter sich, ist auch Angst vor dem Alleinsein kein Thema mehr. Die meisten geschiedenen Frauen sind lebenstüchtig, selbstständig, praktisch, sozial viel besser vernetzt als Männer und wissen aus leidvoller Erfahrung, dass man nie einsamer sein kann als in einer unglücklichen Ehe. Im Gegensatz zu früheren Frauengenerationen, die kaum Alternativen zum Ausharren und Dulden in einer unglücklichen Ehe hatten, kennt die Generation der Frauen zwischen 40 und 55 ein anderes Leben. Sie erinnern sich noch gut an die voreheliche Unabhängigkeit, die Reisen, den Beruf, ihre Ambitionen, Träume, das eigene Geld. Freiheit. Das alles ist auf ihrer Festplatte gespeichert, sie müssen nur den Ordner wiederfinden. Man ist eine upgedatete, zukunftsfähige Version seiner selbst.

Keine Angst vor dem Alleinsein

Auch wenn Scheidungen momentan popkulturell als das ultimative Sichneu-Erfinden in der Lebensmitte gelten (und ständig Thema bei Netflix, HBO und Co. sind) und die Vorher-nachher-Effekte in vielerlei Hinsicht bemerkenswert sind: Kaum jemand willigt in den Bund des Lebens ein mit dem Vorsatz, sich aus launischen Lifestylegründen wieder scheiden zu lassen. Sie haben geheiratet, geliebt, gehofft und gelitten bis zum Gehtnichtmehr. Die meisten fühlen sich viele Jahre einsam und verlassen, ehe sie endlich Schluss machen. Frauen gehen langsam – aber gewaltig. Dann ist für sie die Scheidung allerdings kein Scheitern. Sondern, wie für mich hier an diesem Tag, ein alternatives Happy End. Ein Grund zum Feiern.

Karina Lübke weiß: Da Frauen eine glückliche Familie als ihre Aufgabe ansehen, kommt ihnen eine Scheidung wie persönliches Versagen vor. Das muss so nicht sein.

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BRIGITTE 15/2020

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