Scheidung: Tipps im neuen BRIGITTE-Ratgeber

Scheidungen verändern das Leben - nicht unbedingt zum Schlechten. BRIGITTE-Autorin Vera Sandberg hat die wichtigsten Tipps in einem Scheidungsbuch zusammengefasst. Ein Interview mit der Autorin!

Vera Sandberg schreibt seit 1990 für die BRIGITTE und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und dreimal geschieden.

BRIGITTE.de: "Und morgen bin ich dich los" - schon der Titel Ihres Buches klingt positiv. Ist Scheidung etwas Gutes?

Vera Sandberg: Scheidung kann etwas Gutes sein, wenn sie eine Ehe beendet, in der - mindestens - einer der Partner gelitten hat. Nach einer Scheidung kann man sich wenigstens alleine wieder auf den Weg machen, sich selbst zu finden und in einer neuen Partnerschaft mehr man selbst zu sein.

BRIGITTE.de: Und warum sehen das so viele anders und leben lieber in einer unglücklichen Ehe weiter?

Vera Sandberg: Natürlich ist die Scheidung ein schwerer Einschnitt. Weil man sich eingestehen muss, gescheitert zu sein, und dieses Scheitern einen existenziell erschüttert. Man hat sich etwas vorgenommen - man wollte mit jemanden bis ans Ende seines Lebens zusammenbleiben - und schafft es nicht. Außerdem geht es ja oft auch ums Materielle, wie man finanziell überhaupt alleine überleben kann. Und wenn es Kinder gibt, wollen viele denen die heile Familie nicht wegnehmen.

BRIGITTE.de: Scheitern Ehen, weil die Erwartungen an die Liebe zu hoch sind?

Vera Sandberg: Die Erwartungen sind nicht unbedingt zu hoch, sondern oft einfach falsch. Das ist ja gerade die Ehe-Falle: Man übernimmt das Ehe-Bild aus dem Elternhaus oder sogar aus dem Kino, ohne es zu hinterfragen. Meistens wollen beide, dass die Verliebtheit bleibt, die sexuelle Attraktion und die Romantik - und das alles, während der Alltag funktionieren soll. Eine Frau muss immer toll aussehen, den Haushalt spielend meistern und vom Mann wird erwartet, dass er Karriere macht, ordentlich Geld ranschafft und trotzdem ein Vater mit Zeit und Muße ist. Das ist Überforderung pur.

Auf der nächsten Seite: "Ohne Loyalität und Respekt funktioniert eine Ehe nicht"

BRIGITTE.de: Sind Frauen anfälliger für solche übersteigerten Erwartungen als Männer? Drei viertel der Scheidungen reichen Frauen ein.

Vera Sandberg: Nein, Frauen sind einfach diejenigen, die stärker auf die Beziehung achten und die auch eher merken, wann etwas nicht stimmt und es tatsächlich nicht mehr zusammen weiter geht.

BRIGITTE.de: Lassen sich allgemeine Regeln aufstellen, wann scheiden lassen besser ist als bleiben?

Vera Sandberg: Ohne Loyalität und Respekt voreinander funktioniert eine Ehe nicht mehr. Natürlich kann man es immer noch einmal versuchen, eine Beziehung wiederzubeleben. Das lohnt sich in vielen Fällen, besonders wenn Kinder da sind. Aber dann muss auch wirklich der Wille da sein, es gemeinsam zu schaffen und die Bereitschaft, von alten Bildern und Mustern abzusehen, den anderen anzuerkennen wie er ist.

BRIGITTE.de: Ist eine Scheidung einfacher zu ertragen, wenn man selbst sich dazu entschließt als wenn man verlassen wird?

Vera Sandberg: Das glaube ich schon. Das ist doch in allen Lebensbereichen so: Wenn man selbst initiativ wird und aktiv seinen Weg steuert, kann man die Entscheidung doch viel leichter gutheißen und auch die zum Teil negativen Folgen verkraften. Das gilt für eine Scheidung genau wie für einen Umzug oder die Entscheidung für oder gegen ein Kind.

Auf der nächsten Seite: "Die Opferrolle verlassen"

BRIGITTE.de: Wie macht man aus negativen Gefühlen positive? Also wie macht man aus dem Horror/ dem Trauma Scheidung vielleicht sogar das Glück Scheidung?

Vera Sandberg: Der erste Schritt ist, die Scheidung zu entmystifzieren, sich zu sagen: Es passiert Millionen Menschen und mir ist es nun auch passiert. Man sollte die Scheidung erstmal an den Platz zu stellen, an den sie gehört, nämlich als ein Lebensereignis unter vielen.

BRIGITTE.de: Und der zweite Schritt?

Vera Sandberg: Eine Zeit lang zu heulen und zu leiden gehört natürlich dazu. Aber man sollte die Opferrolle verlassen und sich darauf besinnen, wer man selbst ist. Dabei ständig auf den Partner zu schauen, bringt wenig. Auch wenn der Mann ein Schuft war und fremd gegangen ist - die Frau hatte ja immer einen Einfluss auf die Entwicklung der Ehe. Gedanken wie "Der ist glücklich und ich bin unglücklich", "Der hat Geld und ich muss mir eine kleinere Wohnung nehmen" bringen einen nicht weiter. Stattdessen sollte man sich fragen: Was hat mich hierhin gebracht? Was ist mein Anteil? Wenn man sich parallel ein neues Leben aufbaut und seinen Selbstwert wiederfindet, dann kann man eine Scheidung in Stärke ummünzen. Ein Kind kann übrigens dabei wahnsinnig helfen, weil es sehr stark motiviert, sich nicht hängen zu lassen.

BRIGITTE.de: Wie kann man positiv bleiben, wenn es zu einem zermürbenden Kleinkrieg kommt?

Vera Sandberg: Wenn der andere in der Scheidungssituation total unfair wird, liegt die Wurzel dafür schon in der Beziehung vorher. Es wäre gut, nicht nur zu leiden, wenn der andere sich mies verhält, sondern auch zu fragen, warum er das eigentlich macht. So etwas passiert nicht überraschend. Vielleicht wird jemand Stilles und Unauffälliges auf einmal zum wilden Krieger. Wenn man ein bisschen nachdenkt, kann man das vielleicht verstehen: Möglicherweise holt er jetzt etwas nach, was er in der Beziehung nicht gelebt hat.

Auf der nächsten Seite: "Nie freiwillig auf Unterhalt verzichten"

BRIGITTE.de: Das heißt, es ist wichtig, Distanz zur Situation herzustellen.

Vera Sandberg: Richtig. Ich würde zum Beispiel nicht jahrelang um ein Haus kämpfen. Denn mit aller Kraft und allem Geld, das in ihm steckt, ist es Sinnbild der Ehe. Wenn man so ein Haus verkauft, können beide schauen, wie sie sich aus ihren Mitteln wieder ein schönes Leben basteln.

BRIGITTE.de: Also lieber auf Materielles verzichten, damit der Streit nicht eskaliert?

Vera Sandberg: Nein. Auf Unterhalt sollte man zum Beispiel nie freiwillig verzichten, um den Frieden zu wahren. Denn vom Einkommen, über das man verfügt, hängt sehr stark der Grad der Freiheit ab, auf dem ich meine Zukunft baue: Kann ich mir zum Beispiel Seminare für den beruflichen Wiedereinstieg leisten?

BRIGITTE.de: Jede der im Buch vorgestellten Frauen und alle Experten geben persönliche "Erste-Hilfe-Tipps". Darunter ist fast immer: "Mit Freunden reden." Warum ist reden so wichtig?

Vera Sandberg: Reden heißt je, Formulierungen suchen, in sich gehen und Dinge hervorkramen, die man vielleicht nicht finden würde, wenn man stumm auf dem Sofa säße. Freunde können zuhören, die richtigen Fragen stellen. Man muss natürlich aufpassen, dass man Freunde nicht überfordert. Aber das werden gute Freunde einem auch sagen. Wenn man anfängt, sich monatelang wie eine Schallplatte zu wiederholen, dann ist vielleicht doch ein therapeutisches Gespräch bei einer Fachfrau nötig.

Weiterlesen: Die persönlichen Erste-Hilfe-Tipps von Vera Sandberg

Und morgen bin ich dich los Das große BRIGITTE-Scheidungsbuch Vera Sandberg Diana Verlag 256 Seiten 7,95 Euro ISBN: 978-3-453-35242-1

Interview: Inga Leister Foto: iStockphoto.com
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