Scheidung: Wie spreche ich mit dem Kind über meine Gefühle?

Angst, Wut, Einsamkeit - eine Scheidung löst heftige Gefühle aus. Wie kann man das einem Kind erklären, ohne es zum Kummerkasten zu machen? Familientherapeutin Annette Höpfner erklärt, wo die Grenze verläuft.

BRIGITTE.de: Eine Scheidung zehrt an den Nerven - über welche ihrer Gefühle können Mütter dabei mit ihren Kindern sprechen?

Annette Höpfner: Kinder spüren Gefühle auf jeden Fall. Es kommt also darauf an, dass Sie den Kindern authentische und verständliche Erklärungen dazu geben. Wenn Sie wütend oder traurig sind, sollten Sie altersgerecht erklären, wieso Sie sich so fühlen. Natürlich nicht im Sinne von sich ausheulen - sondern nennen Sie Gründe, die dem Alter der Kinder entsprechend nachvollziehbar sind. Die Kinder verstehen oft viel mehr, als man denkt.

BRIGITTE.de: Gibt es auch Gefühle, die man lieber zurückhalten sollte?

Höpfner: Ja, bei allen Gefühlen, die Verlustängste auslösen können ist Vorsicht geboten. Ich würde auf jeden Fall von Superlativen Abstand nehmen. Wenn einen starke Gefühle überrollen, zum Beispiel nach einem Telefonat mit dem Ex-Partner, ist es meist besser, kurz innezuhalten und die Emotionen ein bisschen abebben zu lassen, bevor man mit dem Kind redet.

BRIGITTE.de: Manche verlassenen Frauen verspüren ja Rachegefühle. Können sie auch darüber mit Kindern sprechen?

Höpfner: Über extreme Gefühle Auskunft geben würde ich schon - aber man braucht viel Fingerspitzengefühl dabei. Damit das keine Angst macht, benutzen Sie am besten Gleichnisse aus der Welt der Kinder. Situationen oder Streits, die die Kinder selbst erlebt haben, eignen sich hierfür prima und ängstigen weniger.

BRIGITTE.de: Wenn die Wut auf den Ex so groß ist - besteht dann nicht die Gefahr, dass das Kind in einen Loyalitätskonflikt zwischen Mutter und Vater gerät?

Höpfner: Klar, man sollte aber nicht versuchen, dem Kind etwas vorzumachen. Kinder merken das genau. Erzählen Sie von Ihren subjektiven Gefühlen in der Ich-Form, also zum Beispiel: "Ich bin total sauer auf den Papa." Trotzdem ist es mir wichtig, dass ihr euch gut versteht.“ Vermeiden Sie Details ihrer Partnerprobleme. Gehen Sie auf Fragen der Kinder ein und finden Sie heraus, was Ihr Kind denkt und was es befürchtet. Und lassen Sie das Kind spüren, dass es o.k. ist, den Papa/ die Mama zu lieben. Es ist wichtig, sich zu überwinden, den anderen Elternteil in seinen Erklärungen nicht schlechtzumachen, seine guten Eigenschaften als Vater oder Mutter hervorzuheben. Das lohnt sich! Ich bitte in solchen Situationen die Eltern, sich zu überlegen: Was sagen Sie Ihrem Kind, wenn es mal groß ist und fragt, wie damals die Scheidung gelaufen ist? Haben Sie dann vor sich selbst Ihr Gesicht gewahrt? Wenn Sie sich ein paar Jahre in die Zukunft versetzten, merken Sie oft gut, wo die Aufrichtigkeit aufhört und die Rache anfängt.

BRIGITTE.de: Also kann man prinzipiell schon mit Kindern über die Gedanken sprechen, die einem während einer Scheidung durch den Kopf gehen.

Höpfner: Man sollte so viel erklären wie nötig und die Kinder trotzdem so wenig beunruhigen wie möglich. Mit den wirklichen Erwachsenenthemen muss man sich unbedingt nur an Erwachsene wenden und mit Freunden oder einem Psychologen darüber sprechen. Das Schwierige in einer Scheidungssituation ist es, die Elternrolle von der Partnerrolle zu trennen. Wenn ich das nicht hinbekomme, dann brauche ich Hilfe - um die Kinder nicht zu belasten.

BRIGITTE.de: Was genau sind denn Erwachsenenthemen? Darf man Dinge sagen "Ich mache mir Sorgen, weil Papa uns das Haus wegnehmen will"?

Höpfner: Das sind Themen rund um die Sexualität, Machtkämpfe und Zukunft. Alles, was ein Kind intellektuell noch nicht verstehen kann, macht erstmal Angst. Zum Beispiel haben Kinder bis zur Pubertät noch kein chronologisches Zeitgefühl. Sie können nicht verstehen, was es heißt "in zehn Monaten" oder "in drei Jahren" oder gar "später". Bei solchen Sachen ist es wichtig, sich in das Kind hinein zu versetzen und zu überlegen, was die Probleme für das Kind konkret bedeuten. Das Haus wegnehmen kann für es heißen, es muss wegziehen, verliert Freunde, kann das Haustier nicht mehr behalten. Geben Sie dem Kind das Gefühl, dass Sie in jedem Fall versuchen werden, seine Interessen zu wahren.

BRIGITTE.de: Gerade wenn langjährige Beziehungen auseinandergehen, bricht ja oft der Freundeskreis plötzlich weg. Wo findet man dann Gesprächspartner?

Höpfner: Der größte Fehler ist es, zu versuchen, ganz alleine mit der Situation klarzukommen. Auch den Kollegen am Arbeitsplatz gegenüber sollten Sie nicht zuviel auspacken. Viele Beratungsstellen haben kostenlose Angebote. Sonst kann man sich selbst einen Psychologen suchen. Schon wenige Gespräche wirken sehr entlastend. Und sich helfen zu lassen, ist ja absolut keine Schande! Wenn es ganz schlimm ist, wenn man etwa depressiv wird, dann ist eine Therapie angesagt, die sogar die Krankenkasse bezahlt. Es kann den Druck auf Sie und Ihre Kinder übrigens erheblich mildern, wenn Sie ein paar Gespräche mit Psychologen geführt haben, bevor der Scheidungsprozess beginnt.

BRIGITTE.de: Was kann man sonst tun, um die Scheidung für Kinder möglichst erträglich zu machen?

Höpfner: Ich kann den Eltern in dieser Situation nur den Tipp geben: Die Zeit, die man mit dem Kind verbringt, ist viel wichtiger als etwa teure Geschenke aus Schuldgefühl. Es tut auch den Eltern gut, ein paar Stunden lang nicht über die Scheidung nachzudenken. Die Zeit für die Kinder müssen sie sich sowieso nehmen: entweder in Form von Streit - oder Sie sagen, wir spielen jetzt etwas gemeinsam und beugen so Konflikten vor. Geben Sie dem Kind das Gefühl, dass Sie die Situation unter Kontrolle haben. Das Schlimmste für Kinder ist es, wenn Sie glauben, die Eltern haben die Kontrolle nicht mehr.

BRIGITTE.de: Aber häufig haben Eltern in dieser Situation ja das Gefühl, die Kontrolle entgleitet ihnen.

Höpfner: Wenn es gar nicht mehr geht, ist es sinnvoll, sich eine Auszeit zu nehmen. Lassen Sie die Kinder bei jemandem, der von der Situation nicht betroffen ist - am besten bei der Familie eines Klassenkameraden. Die Großeltern sind oft selbst viel zu sehr in die Scheidung verwickelt. Ein Abend oder ein Wochenende reicht oft schon, um Abstand zu gewinnen, innezuhalten und sich selbst wieder ins Lot zu bringen. Denn, ganz ehrlich: Gemessen an den Möglichkeiten der Kontrolle, die das Kind hat, habe ich als Erwachsene natürlich die Situation im Griff. Es ist meist nur ein kurzer Moment, in dem man aus der Fassung gerät - und in dem sollte man sich rechtzeitig zurückziehen vom Kind bis es wieder geht.

Annette Höpfner ist Diplompsychologin und Familientherapeutin in Königstein und Heidelberg (www.kidzcare.de).

Interview: Swantje Wallbraun Foto: Noel_07/photocase.com

Wer hier schreibt:

Swantje Wallbraun
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