Seitensprung - der Anfang vom Ende?

"Liebe ist Kampf" - sagt ein Sprichwort. Wenn einer fremdgeht, wird dieser Kampf umso härter. Lohnt sich das Weitermachen nache dem Seitensprung eigentlich?

1. Für mich war Treue bislang sehr wichtig. Jetzt ist dieser Traum geplatzt. Ist unsere Liebe gescheitert?

Gescheitert ist das falsche Wort. Unsere Vorstellung von Liebe basiert nun mal auf der Vorstellung von Exklusivität, von Treue. Die Statistik spricht aber eine andere Sprache: Jeder Zweite, egal ob Mann oder Frau, geht mindestens einmal im Leben fremd - oder hat, wie Psychologen neutral sagen, eine Außenbeziehung. Fast jeder wird irgendwann einmal in seinem Leben mit diesem Thema konfrontiert, sei es als derjenige, der eine Außenbeziehung anfängt, als die Betrogene - oder die Geliebte.

2. Hat eine Liebe nach einem Seitensprung denn noch eine realistische Chance?

Wenn beide bereit sind, sich damit auseinander zu setzen: Ja. Aber es setzt voraus, dass alle Beteiligten ehrlich und offen miteinander umgehen. Das kann manchmal weh tun, aber es schafft auch Nähe. Wenn sich die Fronten zu sehr verhärten oder wenn ein Paar gemeinsam überhaupt nicht weiterkommt, kann eine Paartherapie helfen.

3. Wie kann ein solcher Betrug Nähe schaffen?

Dass einer fremdgeht, hat immer einen Grund. Den müssen Sie finden - und das geht beide etwas an: Warum hat sich Ihr Partner verliebt? Was hat ihn an der anderen angezogen? Wie haben Sie beide Ihre Beziehung zuletzt empfunden? Was hat Ihnen beiden gefehlt, und was muss sich ändern, damit beide wieder glücklich werden? Eine konstruktive Auseinandersetzung kann ein echter Gewinn für die Liebe sein und die Beziehung ganz neu aufstellen. "Wer dagegen einfach wegschaut und so tut, als wäre nichts gewesen, bereitet den nächsten Seitensprung vor", warnt der Tübinger Paartherapeut und Autor Hans Jellouschek ("Warum hast du mir das angetan? Untreue als Chance", Piper Verlag).

4. Als er mir sagte, dass er mit einer anderen etwas hat, war ich wie vor den Kopf gestoßen. Wie reagiert man am besten?

Wichtig ist, das Wesentliche zu klären: Ist die Beziehung schon beendet? Oder steckt er noch mittendrin? Erst, wenn Sie das wissen, können Sie anfangen, über die gemeinsame Zukunft nachzudenken.

5. Spielt es denn eine Rolle, wie lange er mit ihr zusammen war?

Da gibt es einen ganz gravierenden Unterschied: Ein kurzer Seitensprung lässt keine wirkliche Nähe entstehen. Bei einer längeren Affäre dagegen knüpft ein Mensch ein bedeutendes inneres Band zu einem anderen. "Eine weitere Person betritt ungebeten das Paarszenario", erklärt die Weinheimer Psychologin und Buchautorin Ursula Nuber ("Was Paare wissen müssen. 10 Grundregeln für das Leben zu zweit", Krüger Verlag). Einen zusätzlichen Menschen zu lieben und dies unter Umständen geheim zu halten, das kostet ganz schön viel Energie, die von der ursprünglichen Liebesbeziehung abgezogen wird.

6. Man sagt ja, der Betrug beginnt im Kopf...

Beginnt es damit, dass der andere einem ständig im Kopf herumspukt? Mit dem ersten Kuss? Der ersten Nacht? Ab wann man beginnt, den anderen zu betrügen, ist Definitionssache. Ein zuverlässiger Indikator aber ist: "Wer sich dabei ertappt, dass er immer wieder Szenarien von Liebschaften mit einem anderen Mann im Kopf durchspielt, sollte aufwachen und beginnen, darüber nachzudenken, was in der jetzigen Beziehung nicht stimmt", warnt Nuber. Und das nicht (nur), weil man Gefahr läuft, tatsächlich fremdzugehen, sondern weil es ein massives Warnzeichen ist, dass die Ursprungsbeziehung gerade aus dem Ruder läuft, dass sich zu viel Routine eingeschlichen hat - oder einer von beiden gerade zu kurz kommt.

7. Aber profitiert eine Liebe nicht manchmal sogar von einem Seitensprung?

Schon möglich: Plötzlich ist der Sex besser, weil der andere den Rivalen instinktiv spürt, weil man ganz neue Erfahrungen macht. Für einen One-Night-Stand kann die Rechnung also noch aufgehen, aber auf keinen Fall dann, wenn es um eine längere Affäre geht. Sich bei einer heimlichen Liebe in ein Lügengespinst zu verstricken, schafft sehr viel Distanz. Ein Doppelleben zu führen, entfremdet. "Das unterschätzen viele", sagt Ursula Nuber.

8. Er sagt: "Es hat mir nichts bedeutet." Soll ich das glauben?

Besser nicht. Er lügt sich damit selbst in die Tasche. Bereits ein One-Night-Stand hat eine Bedeutung. Mag sein, dass hinter einer Außenbeziehung nichts als pure Langeweile steckt, eine kleine Flucht aus jahrelangem, immer gleichem Beziehungstrott und Alltagsquerelen. "Sobald einer der Partner eine Außenbeziehung eingeht, ändert sich in jedem Fall die Situation der Zweierbeziehung grundlegend", so Jellouschek. "Der hinzutretende Dritte destabilisiert, er verunsichert und macht orientierungslos" - und zwar nicht nur denjenigen, der hintergangen wird, sondern vor allem auch denjenigen, der hintergeht.

9. Na ja, daran ist er ja selbst schuld, schließlich ist er derjenige, der fremdgegangen ist.

Um Schuld geht es doch jetzt gar nicht, sondern darum, aus einer massiven Beziehungskrise etwas Wesentliches zu lernen und sie zu bewältigen. Dazu gehört auch, zu verstehen, warum der Seitensprung passiert ist. Klar liegt die Verantwortung erst mal bei demjenigen, der sich für die Außenbeziehung entschieden hat. Aber der Betrogene hat ja einen Teil zu der Atmosphäre in der Paarbeziehung beigetragen, in der ein Betrug erst möglich wird. Nur wer sich das eingesteht, findet aus der Opferrolle der schmählich Hintergangenen heraus, kann sich aktiv entscheiden, welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Außerdem: "Kritische Lebens-ereignisse bringen immer die Aufforderung zum Wandel mit sich", erklärt Experte Jellouschek. Wenn sich in einer Beziehung etwas ändern soll, müssen nun mal beide daran arbeiten.

10. Apropos Ursachenforschung: Darf ich ihn über den Seitensprung ausfragen?

Logisch. Das müssen Sie auch, um zu verstehen, wie es so weit gekommen ist. Der andere muss Rede und Antwort stehen, wenn er es ernst mit der Beziehung meint. Schließlich ist er fremdgegangen - und dadurch auch fremd geworden. Also liegt es auch an ihm, die Distanz wieder aufzuheben, sich wieder an Sie und an Ihre Liebe anzunähern. Das funktioniert am besten, wenn er Ihnen gegenüber Offenheit signalisiert. Allerdings nicht bedingunglos und bis zum totalen Seelenstriptease. Absolut verboten, weil viel zu verletzend: intime Details aus dem Bett abzufragen oder auch zu erzählen.

11. Und wie lerne ich, dem anderen wieder zu vertrauen?

Nicht von heute auf morgen, sondern ganz allmählich, weil die Verunsicherung erst mal anhält. Jetzt muss der andere in Vorleistung gehen. Am besten funktioniert das, indem man Absprachen trifft, die der andere auch einhält. Wenn er sagt, er ist um sechs zu Hause, kann er also nicht erst abends um zehn antanzen. Wenn er zum Fußballspielen mit seinem Freund geht, vereinbaren Sie doch einfach, dass Sie ihn dort jederzeit anrufen können. Dass der oder die Betrogene jetzt wachsamer ist, findet Paartherapeut Jellouschek übrigens gar nicht so schlecht: "Dadurch wird man nicht nur wacher, sondern auch achtsamer." Keine schlechte Voraussetzung für eine glückliche Beziehung!

12. Woher weiß ich, dass es bei diesem einen Mal bleibt?

Dafür gibt es niemals eine Garantie. "Fremdgehen passiert in Partnerschaften einfach häufig", erklärt Expertin Nuber. "Aber wenn beide den Seitensprung als Krise akzeptieren, die sie als Paar weiterbringt, schaffen sie eine solide Basis, die auch in Zukunft trägt." Klar, es gibt Menschen, die notorisch fremdgehen, aber die haben dann eher ein Problem mit sich selbst als mit der Beziehung an sich. Dahinter steckt oft ein mieses Selbstwertgefühl und sehr schlechte frühere Bindungserfahrungen. Ein solches Problem lässt sich als Paar übrigens kaum lösen - da muss der Betroffene an sich arbeiten, vielleicht sogar mit Hilfe eines Therapeuten.

13. Wie viele Seitensprünge hält eine Beziehung aus?

Genau so viele, wie der andere innerlich verkraftet. Wie viel sein Selbstwertgefühl erträgt. Ein Seitensprung stört den wichtigsten Dreiklang in der Liebe: Respekt, Vertrauen und Achtung - auch vor sich selbst. Wer das Gefühl hat, der andere bemüht sich nicht mehr um die gemeinsame Beziehung, nützt sie eventuell nur als Absprungbrett für erotische Abenteuer, sollte schon genau überlegen, ob diese Verletzungen weiter hinnehmbar und erträglich sind.

14. Am liebsten würde ich zum Gegenschlag ausholen und mit einem anderen ins Bett gehen. Dann wären wir wieder quitt...

Vorsicht, ein zweischneidiges Schwert! Wer Verletzung mit einer Gegen-Verletzung quittiert, hält ein Streichholz ans Pulverfass: "Es kann zwar eine Möglichkeit sein, dem anderen zu demonstrieren, wie es sich anfühlt, betrogen zu werden", so Jellouschek. "Vielleicht sind Sie dann quitt, und es kann gut zwischen Ihnen weitergehen." Viel eher aber besteht die Gefahr, dass die Situation komplett aus dem Ruder läuft, dass Sie dadurch immer weiter auseinander driften und es keine Möglichkeit der Verständigung mehr gibt. Wer Verletzungen nicht aus der Welt schafft, sondern eine auf die andere häuft, riskiert, die Beziehung vollends zu zerstören.

15. Gibt es denn überhaupt Beziehungen, in denen sich Paare lebenslang treu bleiben?

Ja, die gibt es. Aber sie werden immer seltener, unter anderem auch deshalb, weil wir heute viel länger leben und deshalb Beziehungen deutlich länger dauern. "Lebenslange Treue schafft Nähe und Vertrautheit, die tief befriedigend ist", weiß Jellouschek aus seiner langen Praxiserfahrung. "Andererseits muss es überhaupt kein Unglück sein, wenn einer untreu geworden ist. Viele Paare haben danach viel tiefer als je davor zusammengefunden, weil sie sich konstruktiv damit auseinander gesetzt haben."

16. Soll man einen Seitensprung lieber gestehen?

Nicht immer und nicht zwingend. Einen One-Night-Stand zu beichten, hält Ursula Nuber in der Regel für keine gute Idee: "Wer einen solchen Seitensprung gesteht, erwartet meist nur Absolution für einen Ausrutscher", sagt sie. Und vergisst dabei: Eine Außenbeziehung hat für denjenigen, der ausbricht, in der Regel eine viel geringere Bedeutung als für die Hintergangene. Wenn eine Geschichte also innerlich abgeschlossen ist, wenn man sich darüber im Klaren ist, warum es passiert ist und welche Veränderungen jetzt anstehen - kein Problem. Dann braucht es nicht mal Gewissensbisse, weil man es dem anderen verheimlicht hat. Die haben übrigens, zeigen Studien, ohnehin nur die Hälfte der Menschen, die untreu werden.

17. Wann ist der Punkt gekommen, es doch zu beichten?

Wenn die Beziehung länger dauert. Wenn Sie das Gefühl haben, dass der andere Sie innerlich berührt. Nach spätestens drei bis vier Monaten kommt bei den meisten Menschen ohnehin ein Punkt, an dem sie sich so zerrissen fühlen, dass ihnen ein Stück Identität verloren geht. Beichten ist übrigens das falsche Wort. "Das hieße ja, man möchte vom anderen eine Lossprechung. Darum geht es nicht", erklärt Experte Jellouschek. Er spricht von "Offenheit, von einem Weg, gemeinsam und ernsthaft an einem Problem zu arbeiten". Wer schweigt, nimmt nämlich dem anderen die Möglichkeit, sich zu der Affäre zu äußern, und die Chance, sich und die Beziehung zu ändern.

18. Ich habe aber Angst davor, offen mit ihm über meinen Geliebten zu sprechen. Er hat mir nämlich gedroht, er würde mich auf der Stelle verlassen, wenn ich ihn betrüge...

"Ich kenne keine einzige Partnerschaft, in der dieser Satz nicht mindestens einmal gefallen ist", sagt Paartherapeutin Nuber. Dahinter steckt die Angst, den anderen zu verlieren, und der hilflose Versuch, vorauseilend Nähe zu erpressen - völlig menschlich und absolut üblich, aber meist eine leere Drohung. Und was, wenn nicht? Dann beweist das leider vor allem eins: "Wer einen unversöhnlichen Standpunkt einnimmt, zeigt nur, dass er entweder wegen anderer Verletzungen innerlich bereits verhärtet ist und deshalb nicht mehr verzeihen kann. Oder aber, er hat eine fast neurotisch besitzergreifende Vorstellung von einer Partnerschaft und liebt den anderen nicht wirklich", so Paartherapeutin Nuber. Deshalb bringt es auch gar nichts, nur aus Angst eine Liebschaft zu verschweigen.

19. Ist es nicht besser, sich für eine bestimmte Zeit zu trennen, bis etwas Gras über die Geschichte gewachsen ist und man vernünftig reden kann?

Bloß nicht! Ein Seitensprung entfremdet ein Paar sowieso schon. Wenn es zusammenbleiben will, müssen beide Partner versuchen, die Kluft zu überbrücken, indem sie Gemeinsamkeiten stärken, sich aufeinander konzentrieren. Deshalb raten Psychologen meist auch von nach außen orientierten, stundenlangen Problemgesprächen mit Freunden oder der Familie ab. Die vergiften das Klima nur noch zusätzlich.

20. Aber seitdem er weiß, dass ich etwas mit einem anderen hatte, gibt es kein anderes Thema. Wie lang muss ich das aushalten?

Monatelang muss sich niemand auf die Anklagebank setzen lassen, so viel steht fest. Kein Mensch kann die Vergangenheit ändern. Irgendwann wird's Zeit, wieder nach vorn zu sehen, zu versuchen, das Beste aus der Gegenwart zu machen. Das sollte man dem anderen auch klarmachen. Es geht ja nicht nur darum, dass einer seinen Fehler einsieht. Der andere muss ihn auch verzeihen können, und zwar aus vollem Herzen. Sonst entsteht ein ungutes Schuldgefälle. Den Paaren in seiner Praxis rät Jellouschek deshalb zu einem Versöhnungsritual. Die oder der Betrogene formuliert dabei noch mal, was sie bzw. ihn verletzt hat, und liest es dem anderen vor. Derjenige, der fremdgegangen ist, nimmt seine Schuld an, bittet den anderen um Verzeihung und darum, seine Verletzungen loszulassen. Warum das wichtig ist? Ganz einfach: Danach sollten beide Partner wieder ebenbürtig sein. "Dahinter steht die Erfahrung, dass festgehaltene Verletzungen vom vermeintlich Unschuldigen oft als 'Waffe' aufbewahrt werden, um ihm in späteren Auseinandersetzungen die Überlegenheit über den angeblich Schuldigen zu sichern", so Jellouschek.

21. Kann ein Seitensprung also wirklich eine Chance für einen Neuanfang sein?

In jeder Hinsicht. Und dabei geht es nicht nur darum, alte Wunden zu vernähen, eine gemeinsame neue Basis zu schaffen, Bilanz zu ziehen, wo man in diesem Spiel selbst steht. Sondern sich auch klarzumachen, was Liebe bedeutet: Nähe, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit - und das Risiko, den anderen zu verlieren, wenn man diese Grundsätze nicht im tiefsten Inneren achtet.

BRIGITTE Balance-Umfrage: Treue nach Zahlen

Vertrauen: Treue ist für 82 Prozent der Befragten in einer Beziehung wichtiger als aufregender Sex. Darüber sind sich Männer und Frauen in Ost und West einig.

Der Anfang vom Ende? Das ist ein Seitensprung immer, sagen 62 Prozent der Ostdeutschen. Die Westdeutschen sehen das etwas entspannter: Für 55 Prozent markiert eine Liebschaft dennoch das Beziehungs-Aus.

Fremd geliebt: Für 43 Prozent der Befragten wäre der Seitensprung ein Grund, die Beziehung sofort zu beenden.

Gedankenspiele: Fremdgehen ist eine Definitionssache. Doch knapp die Hälfte der Befragten (42 Prozent) ist der Meinung, dass der Seitensprung schon im Kopf beginnt.

Liebe für eine Nacht - bei Männern beliebter als bei Frauen. 24 Prozent der Männer hatten schon mal einen One-Night-Stand, aber nur 10 Prozent der Frauen.

Passiert schon mal: Untreue kann in jeder langjährigen Beziehung vorkommen, dessen sind sich inzwischen 61 Prozent der Befragten bewusst. Aber nur 19 Prozent wissen es sicher - sie geben an, schon mal von der Partnerin oder dem Partner betrogen worden zu sein.

Trügerische Gewissheit? Nur 6 Prozent geben zu, schon mal eine längere Affäre gehabt zu haben.

Quelle: Emnid Institut, April 2006

Text: Katharina Schicht BRIGITTE Balance Heft 02/2006

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