Seitensprung: Geheime Liebe

Ein Seitensprung erzeugt Schuldgefühle. Mal mehr, mal weniger. Aber wie fühlt es sich an, wenn man einen Menschen betrügt, der schwer krank ist?

Am Anfang habe ich nichts geahnt.

Aber wir schliefen nicht so oft und so leidenschaftlich miteinander, wie ich es mir gewünscht hatte. Schließlich waren wir doch frisch verliebt! Ich wusste nicht, woran das lag. Nach zehn Wochen hat Dirk es mir dann gesagt: dass er herzkrank ist. Der Blutfluss in seinem Herzen funktioniert nicht richtig, eine spezielle Krankheit, die kaum erforscht ist. Jede Anstrengung verursacht Schmerzen, jede Anstrengung ist gefährlich. Und das bei einem Mann von 30 Jahren. Als ich davon erfuhr, fühlte ich mich noch viel stärker mit ihm verbunden. Wenn jemand so eine Schwäche zugibt, entsteht Nähe. Aber die Krankheit hat unsere Liebe auch sehr stark belastet. Ich versuchte Rücksicht zu nehmen, keine Ansprüche zu stellen.

So findest du in nur 15 Minuten heraus, ob er der Richtige ist

Es war ja nicht nur so, dass man mit ihm keinen Kletterurlaub machen konnte, das wäre nicht weiter wichtig gewesen. Aber die Krankheit hatte Auswirkungen auf unseren gesamten Alltag: Treppensteigen ging nur ganz langsam, beim Tanzen saß Dirk am Rand und schaute mir zu, und Sex war nur ab und zu möglich. Einerseits wirkte die Krankheit wie ein Lusttöter, weil sie jede Leichtigkeit im Keim erstickte. Andererseits empfand ich oft besonders viel Lust, gerade weil es verboten war. Einmal musste Dirk sich zu Hause an ein Messgerät anschließen, und so sollten wir miteinander schlafen. Seine Ärzte brauchten diese Untersuchungsergebnisse.

Die ganze Unbeschwertheit unserer jungen Liebe war weg. Kaum waren wir ein bisschen ausgelassen, tobten mal am Strand herum, kamen wieder die Schmerzen, und der Tag war gelaufen. Wenn wir essen gingen, trank ich mit ihm nur Wasser. Auf Partys konnte ich mich nicht amüsieren, weil ich immer dachte, er will nach Hause, sich ausruhen. Eines Tages fuhr ich für ein Wochenende zu Freunden nach Berlin. In einer Bar lernte ich ganz zufällig einen Mann kennen. Er fragte mich nur nach der Uhrzeit, aber wir hörten gar nicht mehr zu reden auf. Thomas hieß er. Und dieser Mann sprühte vor Lebenslust und Vitalität! Meine Freunde gingen nach Hause, ich blieb. Wir flirteten, rauchten, tranken, tanzten - es war wie ein Rausch. Wir verbrachten die Nacht miteinander. Mich begeisterte seine Energie, er sprudelte geradezu über. Später hat er gesagt, er hätte mich am Anfang für verklemmt gehalten. Ich war so voller Hemmungen, dass ich eine ganze Weile brauchte, bis ich mich beim Tanzen wieder so bewegen konnte wie früher.

Ich hatte mich Hals über Kopf verliebt!

Ich sehnte mich nach unbeschwerter Zärtlichkeit, wollte einfach wieder das Leben genießen. Aber auf der Rückfahrt nach Hause war der Rausch vorbei. Ich war voller Schuldgefühle und kam mir total mies vor: Dirk hat einen Herzfehler, und ich stehe nicht zu ihm, sondern betrüge ihn. Mit jemandem Schluss zu machen, nur weil er krank ist, ist einfach das letzte, dachte ich. Ich konnte es Dirk nicht sagen. Nicht nur aus moralischen Gründen. Da war auch die Angst vor einem Herzinfarkt, wenn ich ihm beichtete, was passiert war. Fast schon absurd, dieser Gedanke - wenn ich ihm das Herz breche, könnte er dran sterben. Ich war wichtig für ihn, ich gab ihm das Gefühl, nicht krank zu sein. Wer hätte meine Rolle übernehmen sollen, wenn ich ihn verlassen hätte? Und auch seine Eltern zählten auf mich. Die waren so froh, dass er mich gefunden hatte. Sie sagten mir immer, wie gut ich für ihren Sohn sei. Ich hatte eine Riesenangst vor dem Vorwurf, Dirk im Stich gelassen zu haben.

Die ersten Tage hoffte ich noch,

das mit Thomas würde ein einmaliges Abenteuer bleiben. Aber dann spürte ich ganz genau, wie viel er mir bedeutete. Mir war klar, ich musste ihn wiedersehen. Ich war beruflich öfter in Berlin, so konnte ich mich regelmäßig mit Thomas treffen. Ich begann ein Doppelleben: in Berlin die Lebenslustige, zu Hause die Krankenschwester. Thomas arbeitete als Kameramann, und er führte mich in die Berliner Filmszene ein. Tagsüber waren wir viel draußen und stromerten durch den Wald. Thomas war verliebt in mich, er wollte eine richtige Beziehung. Aber ich sah einfach keinen Ausweg. Denn ich empfand ja auch noch viel für Dirk. Und zwar nicht nur Verantwortung und Rücksicht. Während dieser Zeit verschlimmerte sich seine Krankheit. Ob es daran lag, dass er spürte, wie ich ihm entglitt, weiß ich nicht. Aber es bedrückte mich zusätzlich. Und ich hasste diese Geheimnistuerei!

Die Beziehung zu Dirk veränderte sich.

Ich forderte kaum noch etwas von ihm, denn ich hatte ja meinen Ausgleich durch Thomas. Dirk sprach mich darauf an. Wir fingen an, ehrlich über unsere Beziehung zu reden. Zum ersten Mal erzählte ich von dem Druck, der durch seine Krankheit auf mir lastete. Dirk wiederum vermisste meine spontane, emotionale Art, wollte mich so, wie ich eigentlich war. Er sagte, er habe sich nicht in eine Krankenschwester verliebt. Diese Gespräche waren zwar für uns beide befreiend, aber danach waren auch die letzten Illusionen weg. Besonders für Dirk war es schwer, denn er hatte das Gefühl, ich sei nur noch aus Mitleid mit ihm zusammen. Und ich war mir über meine Gefühle tatsächlich nicht mehr im Klaren. Irgendwann wussten wir beide, dass es so nicht weitergehen konnte. Wir trennten uns. Das alles ist jetzt eine Weile her. Dirk hat nie von meiner Beziehung zu Thomas erfahren. Die hielt nach der Trennung von Dirk auch nicht mehr lange. Sie stand unter keinem guten Stern, wohl weil sie nicht mit reinem Herzen begonnen worden war.

Protokoll: Lydia Gless
Themen in diesem Artikel