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Seitensprung bewältigen

In ihrem neuen Buch "Die Macht der Affäre" befasst sich die Paartherapeutin Esther Perel unter anderem mit den Wahlmöglichkeiten der Betrogenen im Social-Media-Zeitalter. Frauen, aber auch Männer, die bei ihrem fremdgehenden Partner bleiben, sagt sie, werden dafür oft verurteilt - mit fatalen Folgen

BRIGITTE WOMAN:Frau Perel, statistisch gesehen sind rund 25 Prozent aller Frauen und 40 Prozent aller Männer ihrem Partner schon mal untreu gewesen - Tendenz steigend. Trotzdem wird wenig moralisch schärfer verurteilt als ein Seitensprung. Auch heute noch. Warum?

ESTHER PEREL:Untreue war schon immer ein Tabu. In allen großen Weltreligionen steht sie für den äußersten Sündenfall. In den Zehn Geboten taucht sie interessanterweise sogar als einzige Sünde zweimal auf: als Tat an sich - "Du sollst nicht ehebrechen" - und für den bloßen Gedanken daran – "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib".

Sind wir im 21. Jahrhundert nicht viel weiter?

Ganz im Gegenteil. Mit dem Konzept der modernen Ehe und Partnerschaft haben wir gewissermaßen eine Rolle rückwärts gemacht.

Das müssen Sie genauer erklären.

Wir erwarten heute von der romantischen Liebe, was wir früher in der Welt der Götter gesucht haben: einen Heiligen an unserer Seite. Ursprünglich versprach die Ehe einmal schlicht die Basis fürs Überleben, sie bot Sicherheit und Stabilität. Dann kamen Zugehörigkeit und Kameradschaft hinzu, und neuerdings ist sie auch noch für die Selbstverwirklichung zuständig. Der Partner soll uns helfen, die beste Version von uns selbst zu werden. Weil die Erwartungen an die Ehe so hoch geworden sind, ist bei einem Regelverstoß der Absturz umso tiefer. Da wird der Ehebruch zur ultimativen Form des Betrugs.

Und der Seitensprung zur Sollbruchstelle einer Beziehung.

Wenn man der Meinung ist, dass ein Seitensprung das Schlimmste ist, was man jemandem antun kann, dann betrachtet man die gesamte Beziehung von dem Standpunkt aus. Es gibt nur noch Schwarz und Weiß. Das Opfer ist der Gute, der Täter der Böse. "Wenn du nur ein bisschen Selbstachtung hast", heißt es dann von Freunden und Bekannten, "verlässt du deinen Mann." Welches Opfer bleibt schließlich freiwillig beim Täter?

Sie plädieren für einen andern Umgang mit Untreue?

Ja, weil es zahllose Versionen von Untreue gibt. Viele von ihnen sind weder pikant noch sexorientiert. Vielleicht hat der betrügende Partner schon die ganze Zeit betrogen - vielleicht hat aber auch der betrogene Partner das gemeinsame Geld verprasst oder ist nicht mehr verliebt oder trinkt oder hat sich als homosexuell bekannt oder hat kein sexuelles Interesse mehr. Die meisten, die zu mir in die Therapie kommen, haben nicht mehrfach betrogen, sondern waren jahrzehntelang treu. Doch eines Tages haben sie die Linie übertreten, von der sie dachten, sie würden sie nie überschreiten. Und dann sollen die Leute eine 25 Jahre dauernde, ziemlich gute Beziehung aufgeben? Anstelle ihre Beziehung zu analysieren und sich zu fragen, was sie daran schätzen und was nicht? Vielleicht ist es eine Krise, die es wert ist, aufgearbeitet zu werden, so schmerzhaft das auch sein mag. Stattdessen lautet die Vorgabe heute einfach: Verlass ihn!

Vor 50 Jahren hätte sie sicher anders geklungen.

Früher gab es schlicht keinen Ausweg aus der Ehe. Man hat die erste Person geheiratet, mit der man Sex hatte, und steckte fest fürs Leben - vor allem Frauen. Darum ist das Mandat des Verlassens so bedeutend geworden. Außerdem ist eine Affäre historisch gesehen ein männliches Privileg. Sie war kein Symptom für Probleme in der Ehe, sondern einfach ein Vorrecht. Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn eine Frau betrogen hat, wurde sie verbannt und ihr wurden die Kinder genommen. Deshalb heißt es heute: Wie kannst du dich nicht für die Freiheit entscheiden, die sich dir jetzt bietet? Eine Frau, die bleibt, ist eine schwache Frau.

Und wird quasi doppelt bestraft: erst betrogen, dann vom Umfeld verurteilt.

Die Stigmatisierung führt dazu, dass man sich keinem anvertraut. Es entsteht ein neues Geheimnis. Zum Betrug kommt die Bürde des Schweigens, weil ich verurteilt werde, wenn ich bei meinem Partner bleibe. Wenn ich ihn weiter liebe oder sogar Mitverantwortung trage. Wenn ich es meiner Familie erzähle, werden sie meinen Partner hassen und ihn oder sie nie wieder richtig aufnehmen. Jedes Mal, wenn wir zu Besuch kommen, werden sie über uns urteilen. Wie soll ich da unbeschadet versuchen, die Beziehung fortzuführen? Schweigen ist die neue Scham.

Wann lohnt es sich, eine Beziehung fortzuführen - wann nicht?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Das Leben ist ein kompliziertes Netz von Beziehungen, Verantwortungen, Bedürfnissen. Eine 65 Jahre alte Frau hat nicht dieselben Optionen wie eine 35-Jährige. Eine Frau mit kleinen Kindern hat andere Fragen als eine mit erwachsenen. Vielleicht gibt es ein behindertes Kind, vielleicht muss sie ihre alten Eltern pflegen. Eine Berufstätige steht anders da als eine wirtschaftlich Abhängige. Man kann nicht jeder raten: Geh! So zu tun, als hätten wir alle die gleichen Freiheiten, stimmt einfach nicht.

Glauben Sie, die Bewertung der Untreue könnte sich mit jüngeren Generationen ändern?

Es waren die Millennials, die die Selbstverwirklichung in das Konzept Ehe eingebracht haben. Parallel dazu hat die Marktwirtschaft die Romanze erobert. Man geht auf Apps, man wählt zwischen Tausenden Leuten, manche Dates sind wie Jobinterviews. So gehen Millennials eine verpflichtende Beziehung erst nach 15, 20 Jahren sexuellen und beziehungsmäßigen Nomadentums ein. Wenn sie sich dann endlich entscheiden, wählen sie "den Einzigen". Den sie auf einer App gefunden haben. Das ist die neue Form der Religion und Hingabe auf der Suche nach romantischer Liebe. Die Vorstellung ist dann, dass Untreue nicht vorkommt, weil du ja "den Einzigen" gefunden hast. Deshalb hat sich das Verständnis für Untreue bei ihnen noch weiter verringert.

Schnelle Verurteilung und sogar Verhöhnung ist durch Social Media so leicht geworden wie nie zuvor. Welche Rolle spielt das?

Man kann die neue Auffassung von Untreue nicht ohne Social Media verstehen, das ist ganz wichtig. Der neue Dorfplatz ist Instagram, das ist der Gerichtsplatz der Öffentlichkeit. Man kann dort sagen: Ich bin geschieden. Aber kann man sagen: Mein Partner hat eine Affäre, aber ich bleibe bei ihm? Das habe ich noch nicht gelesen. Social Media verbinden die Leute einerseits, auf der anderen Seite isolieren sie sie.

Sie selbst sind seit 35 Jahren verheiratet. Waren Sie oder Ihr Mann je untreu?

Sie erwarten darauf nicht ernsthaft eine Antwort.

Doch.

Eine Affäre kann heilsam für eine Beziehung sein, man kann gestärkt daraus gehen wie aus einer schweren Krankheit. Doch würde ich jemandem empfehlen, Krebs zu bekommen, damit er sich regeneriert? Nein.

BRIGITTE WOMAN 03/2019

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