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Experte mahnt DAS kann in einer langfristigen Partnerschaft niemals im Vordergrund stehen

Selbstverwirklichung in der Partnerschaft: Ein Pärchen auf einer Picknickdecke im Herbst
© Oleggg / Shutterstock
Du träumst von einer laaaaanglebigen Liebe? Dann solltest du dich von einer offenbar weit verbreiteten Vorstellung eventuell verabschieden.

Partnerschaften sind heute deutlich unverbindlicher und kurzlebiger als früher: Während unsere Groß- oder Urgroßeltern noch mit 18 geheiratet haben und bis zu ihrem Lebensende zusammengeblieben sind, haben wir heute mit 30 oft schon vier feste Beziehungen gehabt, um dann zu entscheiden, doch lieber noch mal ein paar Jahre als Single zu leben.

Gründe für diese Entwicklung sind unter anderem die Lockerung gesellschaftlicher Konventionen und unsere im Vergleich sehr viel größere Freiheit in unserer Lebensgestaltung, höherer Wohlstand und eine vorangeschrittene und noch immer voranschreitende Gleichstellung von Mann und Frau. Insofern haben wir eigentlich nichts zu beklagen – denn wer braucht schon eine lebenslange Beziehung, wenn er Freiheit und Smartphones hat und arbeiten gehen darf bzw. die Familie nicht allein durchfüttern muss?

Außerdem hindert uns ja nichts und niemand daran, trotz der neuen Errungenschaften langfristige Partnerschaften zu führen. Wer möchte, kann auch heute noch mit 18 heiraten und bis zum Lebensende zusammenbleiben. Allerdings sollte dann vielleicht eines nicht unbedingt im Vordergrund der Beziehung stehen: Selbstverwirklichung.

Partnerschaft als "maximale Ich-Verwirklichung" – kann das gutgehen?

In seinem Buch "Lob der langen Liebe" geht der Autor und Wissenschaftsredakteur der "Süddeutschen Zeitung" Dr. med. Werner Bartens der Frage nach, warum es heutzutage vielen Menschen vergleichsweise schwerfällt, sich langfristig aneinander zu binden. Einen Grund sieht er – übereinstimmend mit der von ihm zitierten israelischen Soziologin Eva Illouz – in dem Anspruch, den immer mehr Leute an Liebe und Partnerschaft stellen: "Die maximale Ich-Verwirklichung".

"Beziehungen werden vor allem als hilfreiche Mosaikstücke zur Selbstfindung verstanden", schreibt Bartens, und sie dienten in erster Linie dazu, das "eigene Gesamtkunstwerk" noch wertvoller zu machen. Möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen machen und "eine Vielfalt an intensiven Gefühlen und persönlichen Reifungsprozessen durchleben", so lautet Bartens zufolge das Beziehungsziel zahlreicher moderner Menschen. Und dieses Ziel lässt sich mit einer langfristigen Partnerschaft ohne Zweifel nicht so gut erreichen wie mit mehreren kurzen.

Langjährige Beziehungen sind tendenziell geeignet, um uns ein starkes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Partner und Partnerschaft als zuverlässige, konstante Elemente in unserem Leben. Abenteuer, Abwechslung und Herausforderung bieten dagegen eher wechselnde Beziehungen – schließlich ist das Neue immer interessanter als das, was wir schon kennen. 

Schließen sich Liebe und Selbstverwirklichung aus?

Heißt das nun etwa, dass wir uns zwischen Selbstverwirklichung und langlebiger Liebe entscheiden müssen? Nicht unbedingt. Schließlich wissen wir gar nicht hundertprozentig, ob Erlebnisvielfalt wirklich der beste und einzige Weg zur Selbstfindung und -entfaltung ist. Sicherlich brauchen wir einen gewissen Erfahrungsschatz und müssen unsere Komfortzone regelmäßig verlassen, um unser Selbst(-bewusstsein) entwickeln zu können. Aber alles können wir sowieso nicht ausprobieren – und wenn wir alle drei Jahre unseren Partner wechseln, werden wir beispielsweise nie erfahren, wie sich Sicherheit anfühlt.

Außerdem bietet uns das Leben jenseits von Liebe und Partnerschaft viele weitere Potenziale, um Abwechslung und Herausforderungen zu erfahren: Beruflich müssen wir uns alle paar Jahre verändern, technisch kommen ständig neue Innovationen auf den Markt und wer weiß, auf welche Planeten man in 10 Jahren in den Urlaub fahren kann?! Unter Umständen muss eine Beziehung ja gar kein weiterer Bereich sein, der uns durch Abenteuer und Abwechslung auf Trab hält ... 

Vielleicht gibt es Menschen, für die langfristige Beziehungen wirklich nichts sind, weil sie sich nach einer Weile langweilen und neuen Input brauchen. Doch anderen tut es vielleicht einfach gut, in ihrer Beziehung eine Art sicheren Hafen zu haben, an dem sie ankommen und ausruhen können. Möglich ist in unserer luxuriösen Gesellschaft momentan beides. Nur stellt das uns vor die Aufgabe herauszufinden, was wir wollen.


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