Sex dem Partner zuliebe?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Diesmal beantwortet der Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg die Frage, ob man sich seinem Partner zuliebe auch mal zum Sex aufraffen sollte

Kurz gesagt:

Sich darauf einlassen schon, aufraffen besser nicht!

Jetzt mal ausführlich:

Manchmal ist es keine schlechte Idee, auf eine Party zu gehen, obwohl man gerade keine große Lust zum Feiern verspürt. Vielleicht ist die Stimmung gut, die Musik mitreißend und wir verbrin­gen letztendlich doch einen großartigen Abend. Und falls es nicht so werden sollte, können wir ja jederzeit gehen.

Frauen unterwerfen sich und Männer ziehen sich mit Pornos zurück

Wir können an Stelle von "Party" jetzt "Sex" setzen, und damit wäre die Frage beantwortet. Nur dass wir, wenn es um Sex geht, emotional viel verstrickter sind. Wir fürchten, einen frus­trierten Partner zurückzulassen, wenn wir den Sex abbrechen, und machen dann lieber bis zum Ende mit, selbst wenn wir uns dabei schlecht fühlen. Und alles, weil wir uns dabei wieder einmal in unseren erlernten Geschlech­terrollen verheddern. Denn Männern, die lustlos Sex über sich ergehen lassen, begegne ich so gut wie nie. Schon allein, weil es lustlosen Herren der Erschöp­fung schwerfällt, eine vernünftige Erek­tion zur Verfügung zu stellen. Männer, die keine Lust auf ihre Partnerin verspüren, ziehen sich schlicht zurück. Gerne in die jeden Wunsch erfüllende Unendlichkeit der Pornowüste.

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Frauen dagegen unterwerfen sich immer noch häufig den männlichen Wünschen. Sie haben Sex, obwohl sie keine Lust haben. Oder lassen sich auf sexuelle Spielarten ein, die ihnen eigentlich unangenehm sind. Sie haben Sex ihrem Partner und der Beziehung zuliebe, weil sie verhindern möchten, dass schlechte Stimmung aufkommt. Unbewusst leitet sie der gesellschaft­liche Mythos, wonach Männer viel mehr Sex brauchen als Frauen. Sie glauben, etwas für die Festigung der Beziehung zu tun, wenn sie ihren Liebsten vor dem ihn angeblich bedrohenden Samenstau bewahren. Und dabei rutschen sie unver­sehens wieder dorthin, wo niemand mehr sein möchte: in die Zeit, in der Sex zu den nicht verhandelbaren ehe­lichen Pflichten gehörte. Oder, wie es die Psychologin Sandra Konrad formu­liert: Es wirkt sich hier aus, dass "die lange wirkende männliche Herrschaft in weibliche Selbstbeherrschung überge­gangen ist". Spätestens wenn die Bezie­hung trotz der sexuellen Opfer in die Krise gerät, bereuen die Partnerinnen ihre falsche Hingabe. Und hassen ent­weder sich selbst oder den Partner. Und im Zweifelsfall beide.

Der Appetit kommt oft erst beim Essen

Das bedeutet nicht, dass sich Frau (oder auch Mann) auf keinen Fall auf die sexuellen Avancen des Partners einlas­sen sollte, wenn sie (oder er) selbst gerade unmittelbar keine Lust verspürt. Gerade in langjährigen Beziehungen kommt der Appetit erst beim Essen. Die Lust entsteht erst, nachdem man sich auf die stimulierenden Zärtlichkeiten des Partners eingelassen hat. Sex ist manchmal eben auch Liebe, die man einfach machen muss, und wenn sich dabei Lust einstellt, ist alles gut.

Doch wer sexuell weiter mitturnt, obwohl der erotische Funke nicht gezündet hat, überschreitet leicht die Grenze zum selbstschädigenden Verhal­ten. Und macht die gemeinsame Sexua­lität damit nur schwieriger. Denn nur, wenn ein inneres Nein auch gegenüber einem schon heftiger erregten Partner vertreten wird, tut man dem gemeinsa­men Sex einen Gefallen. Denn im Sex - wie auch sonst im Leben - kann es kein beherztes Ja geben, ohne dass ein ebenso beherztes Nein möglich ist.

Brigitte 26/2018

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