Erziehungsprobleme: Stecken Konflikte in der Beziehung dahinter?

Wie wirken sich Beziehungsprobleme auf die Erziehung aus? Unser Experte Oskar Holzberg klärt auf, wie man Beziehungskrisen ohne Leiden des Kindes übersteht.

Kurz gesagt: Nicht immer. Aber oft wird über Probleme bei der Erziehung der Kinder deutlich, welche Probleme ein Paar hat.
Jetzt mal ausführlich: Eines Tages fragte mich unsere kleine Tochter, ob sie Süßigkeiten essen dürfe. Weil ich es nicht erlaubte, ging sie zu meiner Frau und fragte sie das Gleiche. Meine Frau sagte aber ebenfalls Nein. Worauf meine Tochter empört krähte: „Ihr seid doof! Ich will zu Oma!“
Kinder finden schnell heraus, dass Mama andere Dinge erlaubt als Papa, und wen man am besten fragt, wenn man länger Nintendo spielen möchte. Wenn Papa und Mama ähnliche Vorstellungen über Erziehung haben, kann sich ein Paar natürlich ohne große Auseinandersetzungen einigen. Aber häufig sind sich Eltern eben nicht so einig und werfen sich gegenseitig vor, dass der andere die Kinder leichtfertig Gefahren aussetze, viel zu ruppig sei, zu streng, zu widersprüchlich, zu nachgiebig, zu autoritär oder zu verwöhnend.

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Kritik am eigenen Erziehungsstil fühlt sich an wie persönliche Kritik

Der Erziehungsstil, den wir dabei vertreten, ist teilweise bewusst gewählt, weil wir es besser machen wollen als unsere eigenen Eltern. Doch in vielem verhalten wir uns unbewusst genau wie sie. Denn was sie uns anerzogen haben, ist für uns selbstverständlich, das hinterfragen wir nicht. Selbstverständlich gehorcht man den Eltern und diskutiert nicht lange. Selbstverständlich ist man mutig und klettert auf Bäume.

Oskar Holzberg ist seit über 30 Jahren verheiratet, seit mehr als 20 Jahren berät der Psychologe Paare. Dabei stellte er fest, dass einige Sätze für alle Beziehungen gelten. In jeder BRIGITTE stellt er einen davon vor.


Wenn unser Partner infrage stellt, was für uns selbstverständlich ist, dann erleben wir das nicht als Kritik an unserem Erziehungsverhalten, sondern als direkte Kritik an uns. Wir fühlen uns als Person infrage gestellt und wehren uns vehement, daraus kann ein erbitterter Streit entstehen. Um das zu vermeiden, leben manche lieber eine vorgetäuschte Elternloyalität: Sie lassen den Partner machen, obwohl sie sein Verhalten nicht angemessen finden. Doch dadurch bauen sich Spannungen und eine Unzufriedenheit auf, die die Beziehung belasten. Und möglicherweise wird diese Unzufriedenheit letztendlich wieder an den Kindern ausgelassen. Denn trotz aller Mühe, die wir uns geben: Unsere Kinder werden dann doch häufig Opfer unseres Ärgers und unserer Enttäuschung, die wir an ihnen abreagieren. 

Zu oft drücken sich Beziehungsprobleme durch den Umgang mit dem Kind aus

Erziehungsprobleme können also bedeuten, dass die Kinder unter Konflikten leiden, die die Eltern nicht miteinander lösen. Dass Gefühle gegenüber den Kindern ausgelebt werden, die die Eltern nicht miteinander klären. Oder dass das Paar keine ausreichende gemeinsame Erziehungskultur geschaffen hat, in der sich beide - und damit auch die Kinder - wohlfühlen. Aber, das muss man auch sagen: Viele Erziehungsprobleme entstehen trotz bester Betreuung. Durch äußere Einflüsse, überhöhte Erwartungen an die Kinder, durch Überforderung. So wichtig und richtig es ist, dass wir uns fragen, was wir, was unsere Beziehung mit den Problemen unserer Kinder zu tun hat, so wenig sollten wir uns für alles verantwortlich machen. Denn dann unterliegen wir der Illusion, dass wir nur alles richtig machen müssten, und schon hätten wir die perfekten Kinder. So berechenbar ist das Leben aber nicht.

Brigitte 14/2018

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