VG-Wort Pixel

Single-Kolumne "Von jetzt auf gleich wurde ich eine andere Frau"

Single Kolumne: Nachdenkliche Frau sitzt am Fenster
© Tunatura / Adobe Stock
Unsere Autorin Susanne Kaloff war immer gern Single. Frei, unabhängig, unbesiegbar. Doch seit Putin in die Ukraine einmarschierte, hat sich etwas verändert: Sie denkt anders über Nudelvorräte und Nähe.

Mein Leben lang war ich lieber allein als zu zweit. Mit mir an meiner Seite fühlte ich mich unbesiegbar. Ich flog allein nach New York, ging allein ins Kino, ins Restaurant, ich schlief, aß und entschied allein. Single-Phasen empfand ich nie als Bedrohung oder Mangel. Ich hatte ja stets die Wahl, wann ich Gesellschaft, Unterhaltung und Sex wollte. Bis zu dem Tag, an dem ich meine vereinzelte Daseinsform nicht mehr so richtig genießen konnte.

Allein oder doch einsam?

Es war im vergangenen Februar, seitdem ging es rapide den Bach runter mit meiner großmauligen Freiheit. Früher tönte ich gern, dass ich niemanden brauche, dass ich eine unabhängige Frau bin, die machen kann, was, mit wem und wann sie will. Die ihre Wasserkisten selbst schleppt (oder jemanden dafür bezahlt), die niemanden braucht, der von seiner "besseren Hälfte" spricht, der schnarcht, fragt, was man mal kochen oder wohin man verreisen könne. Und um Himmels willen niemanden, der mit seiner Vinylsammlung mein Wohnzimmer besetzt.

Dann marschierte Putin in der Ukraine ein, und von jetzt auf gleich wurde ich eine andere Frau. Eine einsame, die anfing anders zu denken über Nudelvorräte und Nähe. Alles, was mir vorher gefiel oder auch wurscht war (Sonntage als Single), fühlte sich schlagartig bedrohlich an. In Wahrheit trat dieses Gefühl nicht über Nacht auf, es war die Folge einer zähen Zeit: das weltweite Virus, Lockdowns, der Klimawandel, die Angst vor einem Atomkrieg, die Wirtschaftskrise, die unsichere Zukunft, Inflation. Mehr Krise war nie, und sie braute sich über mir zusammen wie ein Orkan.

Nachts lag ich wach und versuchte, mir einen Freund vorzustellen. Vielleicht wäre es schön, wenn ich ein Team wäre mit jemandem, einen Mann an meiner Seite hätte, der die Vampire der Welt von meiner Tür fernhalten oder mir wenigstens ab und zu einen Tee ans Bett bringen und mit mir "Bachelor" gucken würde. Der, sollten wir fliehen müssen, wohin auch immer, meine Hand festhalten, meinen Koffer und mich über den Fluss tragen würde. Häh, welcher Fluss denn?, schnauzte ich mich selbst an.

Sogar auf den Dating-Portalen sucht plötzlich jeder die große Liebe

Was war aus mir geworden, ich, die Unberührbare, die immer predigte, dass der größte Irrtum einer Beziehung ist, zu glauben, man brauche einen Beschützer oder Retter, hatte plötzlich Schiss, allein zu schlafen. Ich fing an, die Tür abends dreimal abzuschließen, Lebensmittel zu horten, und meldete mich bei der Dating-App Bumble an. Auch hier herrschte Endzeitstimmung: Plötzlich suchte beinah jeder Typ "Eine Beziehung". Die Rubrik "Etwas Lockeres" oder "Weiß ich noch nicht" wurde weitaus weniger häufig angeklickt als früher.

Vielleicht ist das Antidot zu Angst gar nicht Mut, vielleicht ist es Liebe, überlegte ich, während ich ein bisschen Bargeld in einem Gefrierbeutel zwischen meinen Unterhosen versteckte.

In Krisenzeiten steigt die Sehnsucht nach einer festen Partnerschaft

Am nächsten Tag traf eine Mail von einem Psychologen in meinem Postfach ein. Der Betreff lautete: Die Liebe in unsicheren Zeiten. Dr. Wolfgang Kröger, Psychotherapeut und Buchautor aus Berlin, schrieb, dass in Krisenzeiten die Sehnsucht nach einer festen Partnerschaft steige. "Deshalb suchen momentan 30 Prozent mehr Singles als noch vor einem Jahr eine Liebesbeziehung." Auch Partnerschaftsportale berichten, dass der Markt boomt und die Nutzer aktiver suchen.

Es war in der Geschichte schon immer so: Wenn eine Krise vorbei ist, wird gefeiert. Nach der Spanischen Grippe folgten die goldenen Zwanziger Jahre, rauschende Feste und Orgien. Die Lebenslust nachholen. "Aber heute haben wir eine ganz andere Situation: Die letzten 50 Jahre verliefen zumindest in Deutschland vergleichsweise ruhig, und wir erleben jetzt mit fünf Krisenmustern (Corona, Ukraine, Inflation, Rückgang der Wirtschaft durch Beschädigung der Weltwirtschaft, Klima) fünf Bedrohungsszenarien. Dadurch entsteht eher der Wunsch nach Beständigkeit", so Kröger. Trennungen gingen zurück, die Partnerschaftsdauer steige. "In Zeiten von Sicherheit neigen wir zu emotionalen Experimenten, während wir jetzt Sicherheit suchen."

Statt Liebes- nun Wohnungssuche?

Ich fand keinen Mann und verlagerte meine Suche nach Sicherheit auf den Wohnungsmarkt. Vor Sorge über eine bevorstehende Schockverarmung durch Inflation suchte ich eine kleinere Wohnung. Statt einer günstigeren Bude fand ich auf tauschwohnung.com unzählige Anzeigen von jungen, glücklichen Pärchen, die dringend zusammenziehen wollten – und das am liebsten direkt in meine Bude. Die meisten untermalten ihre Suche mit Privatfotos aus dem Urlaub, sie auf seinem Rücken, huckepack am Strand oder auf einem Tandem.

Ich zoomte in die Aufnahmen ihrer Wohnungen, betrachtete neugierig ihre gemeinsame Bettdecke, ihre zwei Zahnbürsten im Becher. Am Kühlschrank des einen Paares hingen Marathon-Startnummern, zwei nebeneinander. Eine andere Anzeige lautete: "In unserer Freizeit gehen mein Partner und ich gern gemeinsam in die Natur, und wir toben uns gern kreativ aus in Bereichen wie Fotografie und Malerei." Es klang wie aus einem Heimatfilm aus den Fünfzigern. Sie waren 27. Früher nannte doch auch niemand seinen Kerl Partner.

Diese Lücke, die nur ein Partner schließen kann

Auf der Straße traf ich eine Bekannte, sie erzählte, sie würde nun aufs Land ziehen, da fühle sie sich sicherer ohne Partner. Ich vereinbarte eine Besichtigung mit einem Makler für eine Eigentumswohnung am Arsch der Heide, dabei hatte ich gar kein Geld. Am nächsten Morgen ging mir ein Licht auf: Ich suche keine neue Wohnung, ich suche einen Partner, mit dem ich selbst ans Ende der Welt ziehen würde. Einen, mit dem ich ein Grundstück kaufe im Nirgendwo, mit dem ich Radtouren, Business und Rührei mache, mit dem ich abends in unserer gemeinsamen Eigentumswohnung/Bruchbude/Tiny-House-Idylle zusammen baden und wer weiß was treiben würde. Einen, mit dem ich zu "Emotional Rescue" von den Rolling Stones tanzen würde. Ein cooler, lustiger, lieber, schlauer Typ eben, der mein Team wäre, mein Partner in Crime and Crisis, wenn das Klopapier ausgehen oder eine Bombe einschlagen sollte, mein Clyde, der da ist, wenn die Flut kommt oder Ebbe in der Kasse ist.

Ich bekam das Wort Partner nicht mehr aus meinem Schädel. Vielleicht hätte ich doch damals mit diesem Architekten, den ich nur ein einziges Mal auf ein Bier getroffen hatte, in ein Rotklinkerhaus ins Alte Land ziehen sollen. Oder mich auf Josef, 46, einlassen sollen. Er inserierte auch auf einer Dating App, das Foto zeigte ihn in einem Unterhemd, in seinem Bad stehend. Die Bildunterschrift: "Bin allein mit Haus und Garten, wer will mit mir darin die Zukunft starten?" Die Zukunft, als gäbe es nur eine einzige für uns alle. Ein anderer saß auf einem Campingstuhl und gab seine Beziehungswünsche an: "Ein Gefühl von Komplizenschaft. Humor, Hilfsbereitschaft und Vertrauen." Äußerlich machte ich mich drüber lustig, innerlich zerriss es mir das Herz.

Ich will nicht einsam sterben!

Das Pärchen im Nachbarhaus rief über den Balkon hinweg, ob sie mir einen Sack Blumenerde mitbringen sollen, sie würden eh zum Gartencenter fahren. Ich lehnte dankend ab, fühlte mich wie eine einsame Tante. Auf den Straßen hingen Plakate, auf einem von ihnen eine der älteren GNTM-Kandidatinnen mit grauen Haaren und traurigem Blick: eine Initiative gegen Einsamkeit im Alter. Ruf Omi an, stand drauf. Was, wenn ich von nun an immer eine alleinstehende Frau (noch so ein bitterer Begriff) bleibe, wenn ich alt werde und einsam sterbe? Ich sah auf Netflix "Love On A Spectrum", eine fantastische Doku über Menschen mit Autismus, die auf der Suche nach der großen Liebe sind. Abby sagt darin in einer Folge: "I don’t wanna be alone, I wanna find someone, so I feel safe." So I feel safe. Der Satz hallte lange nach.

Vielleicht ist alles besser, als wir jetzt noch annehmen, vielleicht hat diese allumfassende, große, furchteinflößende Krise, von der wir nicht wissen, wie, wann und ob sie endet, etwas Gutes. Vielleicht macht sie uns am Ende doch ein wenig menschlicher und bewusster für das, was uns alle, egal wie abgebrüht wir tun, eint: der Durst nach Liebe. Selbst so einen Vollprofi-Single mit sechs Kisten Wasser im Keller wie mich.

Brigitte

Mehr zum Thema