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So kann man in der Beziehung ohne Sex glücklich sein

So kann man in der Beziehung ohne Sex glücklich sein: Frau hat ihren Kopf auf der Schulter ihres Freundes liegen
© Stock-Asso / Shutterstock
Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Ja, aber beide müssen sich wirklich einig sein. Und sich mutig vertreten. Ben und Jenny haben fast täglich Sex. Gunda und Martin haben gelegentlich Sex. Olaf und Edmund haben sehr gelegentlich Sex. Und Anne und Toni? Die haben gar keinen Sex. "Gelegentlicher Sex" fällt in die Kategorie "problematisch, aber hinnehmbar". Doch "gar kein Sex"? Wenn Paare erzählen, dass sie keinen Sex haben, tun sie es meist schamvoll, so als würden sie etwas falsch machen. Wenn ein Paar gar keinen Sex mehr hat, will auch ich als Therapeut herausfinden, woran es liegt und wie es zu verändern ist. Denn es stimmt schon: Sexlosigkeit entsteht in vielen Fällen durch fehlendes Vertrauen, Enttäuschungen, fehlende Nähe oder ungeklärte Konflikte.

Manchmal fehlt mehr als nur Sex

Und dennoch muss hinter fehlendem Sex nicht immer ein Problem lauern. Es kann für ein Liebespaar auch völlig in Ordnung sein, keinen Sex zu haben. Ein Paar kann eine intensive körperliche Beziehung haben, die aber nicht sexuell ist. Verbindende Nähe und Intimität beruhen auf Offenheit und sind nicht von der Sexualität abhängig. Paaren kann ja vieles fehlen: Humor, Nähe, Verständnis, gemeinsame Interessen, Geld, Arbeit, Zeit. All das ist schwierig. Aber nichts verunsichert Paare so, wie keinen Sex zu haben. Genauer: keinen Sex MEHR zu haben.

Es steckt als feste Regel in unseren Köpfen: Es ist zwar möglich, Sex miteinander zu haben, ohne ein Liebespaar zu sein oder zu werden. Aber es nicht möglich, ein Liebespaar zu werden, ohne Sex miteinander zu haben. Als spukten Hochzeit und Hochzeitsnacht immer noch fest verbunden durch unsere Gehirne. Außerdem ist Sex die schützende Abgrenzung unserer Liebesbeziehungen. Kein Sex mit anderen! Eine durchaus nachvollziehbare Grenzlinie. Weil Sex unmittelbar erlebte Intimität sein kann, unsere Bindungshormone sprudeln lässt und Babys entstehen können.

Porträt Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 66, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).
© Ilona Habben

Wie sicher kann eine Grenze sein, die darin besteht, alle anderen aus unserem Sexleben auszuschließen, wenn wir gar kein Sexleben haben? Sucht mein Partner wirklich keinen Sex - oder nur mit mir nicht, und ihm fehlt doch etwas? Ist Sex nicht doch ein angeborenes Bedürfnis? Machen wir uns wirklich nichts vor, wenn wir einander versichern, keinen Sex zu brauchen? Darüber muss man reden. Doch Paare, die sich diese Fragen ehrlich und übereinstimmend beantworten, können auch ohne Sex glücklich sein. In Umfragen gibt es stets zwischen 10 Prozent und 30 Prozent, Frauen wie Männer, die erklären, dass ihnen Sex nicht wichtig ist. Aber wir sind eine sexualisierte Gesellschaft. Sexyness hat einen hohen Stellenwert und ist eine wichtige Säule unseres Selbstbewusstseins. Weshalb manchmal schon der erste Schritt schwierig ist: Die Angst, sich dem Partner mit dem eigenen sexuellen Desinteresse zu offenbaren. Ein Paar, das keinen Sex hat, muss lernen, selbstbewusst für seine Sexlosigkeit einzutreten und den skeptischen Blicken der Umwelt standzuhalten. Denn es ist für ein Paar leichter, auch ohne Sex glücklich zu sein, als sich damit richtig zu fühlen.

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