Streit ums Geld

Streit ums Geld ruiniert die Liebe und jeden romantischen Abend zu zweit.

"Kannst du mal eben zahlen, Liebling?", fragt er beiläufig, als würde er fragen: "Wann fängt der Film endlich an?" Ein Satz wie ein Schlangenbiss. Nachts um halb drei im Taxi vor der Haustür, wir beschwipst, aber keineswegs zu müde zu verhandeln, wer was bezahlen soll. Schon gut, er hat mich dreistellig zum Essen eingeladen, ich erledige dann mal die 20 Euro Taxi. Und rechne. Gleich noch 40 Euro für den Babysitter, das Geschenk für das Geburtstagskind hatte ich auch besorgt. Macht schon mal 80 Euro. Für lauter Kleinigkeiten. Für einen langweiligen Abend mit seinen Freunden in einem überteuerten Restaurant am Hafen. Wir steigen aus, ich sage: "80 Euro! Mit deinen 100 fürs Essen wären wir bei 180. Macht 360 Mark für einen Scheißabend." Das lächerliche D-Mark-Argument, sonst eigentlich seines, zieht immer. Ich meine, von 360 Mark essen manche Familien einen ganzen Monat lang. "Undankbar", sagt er. "Ich lade dich schick zum Essen ein, und du nörgelst wegen des bisschens Taxigeldes?" Der Abend ist futsch. Kein romantischer Absacker, stattdessen liebestötender Streit, Thema: Wer gibt mehr Geld für Unsinn aus, und wie teilt man vernünftig. Gar nicht so einfach, wenn einer voll und viel verdient und die andere nur die wenigen Stunden arbeiten kann, in denen das Kind betreut wird.

Für mich logisch: Wer netto das Doppelte vom anderen zur Verfügung hat, zahlt im Alltag deutlich mehr. Oder? Gegen Streit ums Geld sind Auseinandersetzungen über geschmacklose Einrichtungsgegenstände, Ex-Freundinnen oder die richtige Kindererziehung übrigens harmlos. Geldstreit ist existenziell, weil er den Mangel sämtlicher Beziehungsgrundlagen offenbart: Vertrauen, Großzügigkeit, Freundschaft und ein weitgehend ähnliches Verständnis von Gerechtigkeit. Dabei könnte alles so einfach sein. Man bräuchte nur ein bisschen Toleranz und primitivste mathematische Grundkenntnisse: plus, minus, multiplizieren und - teilen!

Teilen ist schwer. Schon als Kind fand ich es ungerecht, dass meine Großeltern 80 Mark im Monat für einen Carlito nach Ecuador überwiesen, anstatt das Geld zwischen ihren Enkeln aufzuteilen. Gäste meiner Eltern, die für mich und meine Schwester eine Tafel Schokolade "zum Teilen" mitbrachten, fand ich indiskutabel. Bis heute bin ich für streng geheime, getrennte Konten, seit ich einmal meine Kontoauszüge auf dem Küchentisch vergaß. Er fragte: "Trinkst du eigentlich zehn Latti macchiati täglich? Und was ist das eigentlich für eine Beauty-Company, der du 200 Euro überwiesen hast?" Ich sagte: "Und du trägst handgenähte Schuhe, blechst 500 Euro für eine WM-Karte, obwohl wir eine neue Waschmaschine brauchen!" Am schlimmsten sind die Kleinigkeiten, ja an bestimmten Tagen kann sogar eine reduzierte Fünferpackung Milchschnitten für 99 Cent zu Streit führen. Aber sollen zwei erwachsene Menschen jetzt Listen erstellen, Motto: ich Taxi, du Brot, ich Fleisch, du Wein, ich Windeln, du Brei? Würde das Streiten dann ein Ende haben? Neulich beim Abendessen sagte mein Mann: "Genau genommen habe ich sogar das Geburtstagsgeschenk, das du mir gekauft hast, selbst bezahlt. Denn wenn dein Konto später mal wieder überzogen ist, muss ich es ja irgendwann ausgleichen." Jetzt noch mal ganz langsam: Ich gebe ausschließlich mein selbst verdientes Geld aus, vergleiche seelenruhig Butterpreise am Kühlregal im Supermarkt, während der Kleine sich vor den Kinder-Pinguis brüllend auf den Rücken wirft. Dann vermisse ich die Zeit, als ich noch kein Kind hatte, mein Einkommen war mehr als doppelt so hoch wie jetzt, ich hatte Geld und Zeit für Schlussverkäufe in sämtlichen Boutiquen der Stadt. Vielleicht sollten wir einfach mal Rollen tauschen: Mein Mann würde nachts aufstehen, wenn der Kleine weint, ihn wickeln, Brei machen, anziehen, ihn morgens zur Tagesmutter bringen, mit ihm einkaufen und nachmittags stundenlang Duplo-Bauernhöfe bauen. Das bisschen Wäsche? Kein Problem. Mit Ohropax hätte er auch easy Zeit fürs Zeitunglesen, meint er (während der Kleine Regale abräumen und sämtliche Batterien und Legosteine auf Schluckresistenz überprüfen würde). Er müsste nur seine Arbeitszeit halbieren. Und, ach ja, sein Gehalt wäre dann wohl auch nur noch halb. Finanziell gesehen leider total unrentabel. Aber eines wäre klar. In jedem Taxi, in jedem Supermarkt, an jeder Imbissbude und bei jedem Spielwarenladen würde ich sagen: "Kannst du mal eben zahlen, Liebling?"

Text: Andrea Müller BRIGITTE Heft 06/2006
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