Soll man sich einmischen, wenn Paare streiten?

Es gibt diese Paare, die null Hemmungen haben, ihre kleinen Beziehungsfehden öffentlich auszutragen. Für die Freunde eine echte Zumutung. Was also tun, fragt sich BRIGITTE-Mitarbeiter Jan Jepsen.

Och, Leute, bitte nicht schon wieder. Könnt ihr eure Pärchen-Probleme nicht privat austragen? Denn Freizeit mit guten und besten Freunden zeichnet sich dadurch aus, dass Stress woanders bleibt. Abwesend. Weit weg. Jedenfalls nicht am Lagerfeuer. Beim Grillen. Oder am gedeckten Tisch. Eigentlich wollen doch alle dasselbe: sich wohlfühlen. Entspannen. Zusammen kochen, Boule spielen, Prost oder „Stößchen“ sagen und Anekdoten abwechselnd hören und erzählen. Kurzum: gepflegte Quality Time verbringen.

Was man auf keinen Fall will, ist meinen Freund George. Nur so als Paradebeispiel für alle anderen besten Freunde oder Freundinnen dieser Welt, die nicht wissen, wo Privatsphäre endet und Öffentlich- und Peinlichkeit beginnt. Neulich am Lagerfeuer im Garten war es mal wieder so weit. Erst diese demonstrative Stille. Dann plötzlich erhebt sich seine Stimme, sie klingt energisch, nach geplatztem Kragen. Mitten in eine bis dahin gemütliche Runde raunzt er seine Freundin an: „Kannst du mich vielleicht auch mal ausreden lassen, ständig reißt du die Gespräche an dich. Ich komme überhaupt nicht zu Wort.“ Vielleicht hat er auch „nie“ gesagt. Weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich schwer schlucken muss. Mal wieder. Die Stimmung – auch mal wieder – schlagartig im Souterrain. Innerlich schrumpelt man, der Wein in der Hand schmeckt schal, das Feuer brennt umsonst. Sattdessen lodert es plötzlich pärchenmäßig lichterloh. Und ob man will oder nicht, wird man unfreiwillig zur Jury einer Beziehung und möglicherweise zum Hobbypsychologen und/oder Mediator.

Beziehung: Wieso Du mit Deinem besten Freund zusammenkommen solltest

Die Konflikte der anderen Leute versteht man nicht

Und dann? Wie verhalten? Darf, soll, muss man sich einmischen und Partei ergreifen? Die Kampfzone womöglich ausweiten und Öl ins Feuer gießen? Ist das gewünscht? Oder behalte ich meinen Senf besser für mich? Selbst wenn man denkt: Schweigen ist Silber, Scheiden in eurem Falle Gold?

Aus leiderprobter Erfahrung weiß ich, dass man als unfreiwilliger Kronzeuge natürlich schwer parteiisch ist. Es gleicht einem Naturgesetz, dass man fast immer auf Seiten des Freundes oder der Freundin steht, dessen oder deren Partner man ganz oft nur als dessen Gefolgschaft duldet (wenn man mal ganz ehrlich ist). Trotzdem kann ich ja schlecht sagen: „Weißt du was, Nadja. Ich finde George hat übrigens total recht. Du quasselst wirklich in einer Tour. Vor allem, wenn du angetütert bist. Und überhaupt muss ich mal ganz objektiv sagen, dass du in allen Bereichen eurer Beziehung auffallend dominant bist und immer alles kontrollieren willst. Sorry, aber das nervt. Total. Mich auch.“ Kann man schlecht bringen. Oder? Oder doch!?

Fragt man den Paarberater Christian Thiel aus Berlin, fällt die Meinung eindeutig aus: „Finger weg. Auf keinen Fall intervenieren.“ Das sei ungefähr so heikel, als würde man sich in den Konflikt Russland gegen die Ukraine einmischen und die eine Partei gegen die andere aufbringen. Da könne man nur verlieren, letztlich sogar die Freundschaft riskieren. Warum das? „In der Regel fehlt uns die schlüssige Sicht der Dinge, und damit auf den wahren Kern des Konflikts“, so Thiel.

Es kommt, wie es kommen muss

Einige Wochen später, anderes Paar, ähnliches Problem. Ich bin live dabei, wie meinem Freund Max von seiner Frau eine Szene gemacht wird. Der Streit ist so absolut hanebüchen, dass man ihn kaum erwähnen mag. Irrational. Möglicherweise wirklich von irgendwelchen Altlasten kontaminiert. Vordergründig geht es um Kartoffeln im Kofferraum, auf die die Frau meines Freundes wartet, obwohl beide (mit mir zusammen) auf ein Fest mit feinstem Buffet eingeladen waren. Die Frau, nennen wir sie Linda, hat keine Lust auf das Fest. Aber Hunger. Irgendwann.

Als mein Freund und ich satt und selig vom Sommerfest zurückkommen und von den Hechtklößchen schwärmen, kommt es, wie es kommen muss. Frau sauer, Freund um Schadensbegrenzung bemüht. Ich leide mit. Da ich solche und ähnliche Szenen nicht zum ersten Mal erlebe, mische ich mich unaufgefordert ein. Ich nehme den Freund beiseite. Und halte das für diplomatisch. Weil ich mir absolut sicher bin, was für ein Unding das von Linda ist. Erst nicht mit aufs Sommerfest zu wollen und dann Stress wie ein Kleinkind machen. „Stimmt, du hast recht“, sagt der Freund und sitzt plötzlich zwischen zwei Stühlen, weil ich auch Druck ausübe. Ich habe ein schlechtes Gewissen.

Kritik ist nie gut

„Kritik ist nie gut“, sagt der Paarberater Thiel. Da helfe auch Diplomatie nicht. „Freundschaften zeichnen sich im Allgemeinen durch Bestätigung aus. Außerdem gerät man sonst schnell in einen Loyalitätskonflikt. In der Regel würden die meisten doch immer zu ihrem Partner halten, egal, wie biestig der nach außen oft wirkt.“ Selbst wenn man um Rat gefragt werde, solle man sich bedeckt mit seinem Urteil halten. Nicht jedem will geholfen werden. „Man muss sich bewusst machen, es ist nicht mein Partner. Ich muss nicht mit ihm oder ihr auskommen.“

Wenn man sich einmischt, ob gebeten oder ungebeten, macht man zwangsläufig einen Nebenkriegsschauplatz auf und der kritisierte Partner wird seinerseits gegen die Freundschaft arbeiten. Das sei riskant. Manche Beziehungsdynamiken seien eben schwer zu durchschauen, so Thiel.

Nächstes Mal raushalten

Das kann ich nur bestätigen. Als ich nach ein paar Wochen bei meinem Freund etwas schuldbewusst nachfrage, wie der Hunger versus Hechtklößchenstreit eigentlich ausgegangen sei, winkt Max nur gelangweilt ab. Ach das, meint er, alles easy, längst geklärt. Linda sei nie nachtragend. Und außerdem sei das doch nur so eine Art Balztanz gewesen. Der etwas andere Pas de deux. Fast schon eine gute Tradition. Letztlich sei er seiner Frau sogar ganz dankbar dafür, dass sie Konflikte immer gleich frisch und sozusagen heiß serviere. Dadurch würde nichts verdrängt.

Außerdem helfe ihm das, nie etwas in sich hineinzufressen. So wie Männer das sonst so gerne machen... Aha! Der Liebende staunt, der Unverheiratete wundert sich. Viel Rauch und emotionale Umweltverschmutzung um nichts also. Mein Vorschlag zur Güte: Nächstes Mal nehme ich zwecks Psychohygiene einfach meine Ohropax oder den iPod mit zu gemeinsamen Unternehmungen. Mal sehen. Je nachdem, was ansteht und wie laut es wird.

Text: Jan Jepsen Aus BRIGITTE 23/2015
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