Streitkultur: Haben wir verlernt zu streiten?

Heute lernt man schon in der Kita, Konflikte nett zu lösen, aber als Erwachsene schaffen wir es nicht mehr, uns mal so richtig gesund zu streiten. Wie konnte das passieren – und wo führt es hin?

Konstruktiver Streit - gar nicht so einfach!

Es ist wieder so weit. Ich liege auf dem Bett und tippe energisch in mein Telefon. Mein Mann und ich haben bis eben gestritten. Nach meiner total logischen Argumentation, warum ich mich an seinen auf dem Kaffeetisch liegenden Socken irgendwann erhängen werde, bin ich aus dem Zimmer gestürmt. Und während der Streit für ihn zu Ende ist, läute ich längst Runde zwei ein. Über WhatsApp. Ich tippe einen Monolog, der zugegebenermaßen so lang ist, dass man scrollen muss. Wo es nicht mehr um Klamotten geht, sondern (ganz pathetisch) um das, was sie symbolisieren. Ich hasse seine Unordnung. Schon lange. Und dass er sich da keine Mühe gibt. Nicht mal mir zuliebe! Warum ich nicht einfach rübergehe und ihn konstruktiv anbrülle wie früher? Eben, ich weiß es nicht. 

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Anschreien per Chat: Die Streitkultur ist heutzutage anders

"Weil wir uns heute anders streiten", sagt der Psychologe Philipp Yorck Herzberg von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Dass wir unseren Partner heute lieber über einen Chatverlauf "anschreien", statt ihm in die Augen zu schauen, ist zum Symptom einer neuen Streitverdrossenheit geworden. Durch die grenzenlose digitale Kommunikation hat der Streit keinen begrenzten Raum mehr. Er kann immer und überall stattfinden, aber eben auch nie so richtig. Und er bietet Raum für unzählige Missverständnisse, die wiederum neue Wut schüren. Wir können den anderen ignorieren ("Hab deine Nachricht nicht gelesen"), einen Streit einfach unterbrechen ("Bin im Meeting") oder das Gegenüber mit endlosen Monologen zuballern. Wir fühlen uns gekränkt, weil wir Geschriebenes falsch verstehen oder weil in WhatsApp beide Häkchen zwar blau leuchten, aber keine Antwort kommt. 

Die Königsdisziplin der "digitalen Streitkultur" ist das Ghosting. Statt zum Beispiel ein zermürbendes Trennungsgespräch zu führen, streichen wir die Person einfach von heute auf morgen aus unserem Leben, indem wir jegliche Kontaktaufnahme ignorieren. Eine der passiv-aggressivsten Streitformen überhaupt und ein weiteres Zeichen unserer Konfliktunfähigkeit. Auf der anderen Seite lernen wir im Zeitalter der Achtsamkeit mehr denn je, sorgsam miteinander umzugehen. Das Gegenüber nie nur als Feind zu sehen, sondern mit wohlwollendem Auge. Wie geht das zusammen? 

Harmoniebedürftig - den Umgang mit Konflikten sind wir nicht mehr gewöhnt

Sosan Azad ist Vorsitzende des Bundesverbands Mediation und seit mehr als 15 Jahren Streitschlichterin: "Heute wird Streiten schon in der Kita vermittelt. Weiter geht es in der Schule, in der Uni, im Job. Dadurch haben sich unsere Konfliktlösungsstile und Verhandlungskompetenzen verbessert." Das führe zwar zu einer nie dagewesenen Harmonie - grundsätzlich eine gute Sache -, das Problem sei aber, dass handfeste Konflikte so auch immer mehr im Keim erstickt werden. "Wir sind den Umgang mit ihnen nicht mehr gewöhnt", sagt Azad. Das fängt schon auf dem Spielplatz an: Wenn zwei Kinder sich um Sandförmchen kabbeln, rasen sofort die Schlichtungsmütter heran. "Du musst fragen, ihr könnt teilen, nicht hauen, mach mal ei ...!"

Durch Harmonie steigt die Aggressivität

Im Erwachsenenalter geht es weiter: Tagsüber im Büro gelten Diskutierer als anstrengend. Abends ballert uns der Newsfeed mit Achtsamkeitstipps und "Keep Calm"-Posts zu. Das Ergebnis: Die Harmonie wird zum Druck - der sich aber auch irgendwo entladen muss. Dass daher parallel auch die Aggressivität zunimmt, ist kein Paradox mehr. Berufliche und politische Unsicherheit stressen uns mehr denn je. Und Stress macht dünnhäutig. Die Denke: Wir sind viele, ich will weiterkommen, zur Not auch mit ausgefahrenen Ellenbogen. Bestes Beispiel: Wartezimmer. Laut einer Umfrage von 2017 hat jeder zweite Arzt es wöchentlich mit aggressiven Patienten zu tun. Körperverletzungen gegen Mitarbeiter der Deutschen Bahn nahmen von 966 Fällen 2012 auf 2374 im Jahr 2016 zu. Weil die Gerichte unter der Last der Harken schwingenden und sich mit dem Gartenschlauch erdrosselnden Nachbarn zusammenbrechen, hat die "FAZ" den Nachbarschaftsstreit zum Volkssport erklärt.

Die Streitbalance wiederfinden

Harmoniesucht auf der einen und Aggressivität auf der anderen Seite. Die einen sind Konflikte nicht mehr gewöhnt, die anderen können nur noch ausrasten. Konstruktiver Streit wird zur Mangelware. Dabei ist er essenziell. Streiten ist Antrieb für unsere Fehlersuche, für neue Sichtweisen, für gesellschaftliches und individuelles Weiterkommen. Oder ganz simpel: Reibung erzeugt Spannung. Wie finden wir also unsere Streitbalance wieder? "Indem wir uns von der Vorstellung lösen, Streit sei etwas grundlegend Negatives, was man umgehen sollte", sagt Herzberg. Allein dieses Umdenken erzeugt eine ganz andere Einstellung. Und dass man auch mal ausrasten darf, statt mit verklemmten "Ich" - Botschaften einen auf beziehungskorrekt zu machen. "Nie räumst du deine Socken weg, du Arsch!" ist dann wohl auch wieder erlaubt. Klar, Streiten ist anstrengend und passt nicht gut in unser durchgetaktetes Leben, aber es erzeugt Lebendigkeit. Und nichts ist besser als das.

Brigitte 14/2018

Wer hier schreibt:

Alexandra Zykunov Alexandra Zykunov
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