Stress im Gymnasium: Eine Familie berichtet

Alle diskutieren derzeit über ein Thema: Die Vor- und Nachteile des achtjährigen Gymnasiums (G8). Die Kultusminister der Länder haben reagiert und beschlossen, die Reform nachzubessern. Warum das nötig ist, zeigen die Erfahrungen dieser Familie aus dem Südschwarzwald.

Denn Juliane Brauer (53) aus Denzlingen hat den direkten Vergleich: Ihr Sohn David (14) gehört zum letzten Jahrgang, der in Baden-Württemberg nach dreizehn Jahren Abitur macht. Ihre Tochter Clara (10) dagegen stöhnt bereits in der fünften Klasse über die hohe Belastung durch die verkürzte Schulzeit: Seit sie das Gymnasium besucht, ist alles anders. BRIGITTE.de hat Mutter, Sohn und Tochter zu ihren Erfahrungen mit G8 befragt.

Juliane Brauer (53), Mutter

"Meine Tochter hat sich verändert. Seit Carla auf dem G8-Gymnasium ist, ist sie viel angespannter und hat Probleme mit dem Einschlafen. Sie war immer fröhlich und impulsiv, aber mittlerweile zieht sie sich vermehrt zurück. In die Schule geht sie nicht mehr gern - obwohl sie einen großen Freundeskreis hat und die Lehrer nett sind. Sie war immer eine gute Schülerin, aber in den letzten Mathearbeiten ist Carla ziemlich abgerutscht - sie hat sich einfach nicht ausreichend darauf vorbereitet. Vielleicht gar nicht mal, weil sie zu wenig Zeit hatte, sondern weil sie nicht mehr konnte.

Die Anforderungen an meine Tochter sind sehr viel höher, als sie es vor vier Jahren bei meinem Sohn waren. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht mindestens eine Stunde Hausaufgaben macht, oft steigert sich das auf zwei Stunden. Auch der Samstag ist fest als Hausaufgabentag eingeplant. Das gab es bei meinem Sohn noch nie, weder jetzt noch früher.

Es ist schwer für meine Tochter, ihre Freundschaften zu pflegen. Bis 16 Uhr sind Carla und ihre Freundinnen meistens mit Lernen beschäftigt. Sie können sich am frühen Abend noch für eine Stunde treffen, aber das war es dann auch schon. Mein Sohn hatte in dem Alter jeden Nachmittag frei und hat sich mit Freunden zum Bolzen verabredet. Wenn der Spieltrieb nicht ausgelebt werden kann, ist der Frust groß. Manchmal entlädt er sich, dann tanzt meine Kleine wie Rumpelstilzchen durch ihr Zimmer und ist schlecht gelaunt.

Das Problem mit G8 ist, dass es einfach eingeführt wurde, ohne den Lehrstoff zu entrümpeln. Jede Schule muss selbst sehen, wie sie es umsetzt. Aber solange es kein einheitliches Konzept gibt, wird alles auf dem Rücken der Kinder und der Eltern ausgetragen. Natürlich ist es zu schaffen, aber wie? Das ist auch eine Frage der Qualität: Die Kinder werden doch nur noch mit Fakten voll gestopft. Mein Kind dazu zu motivieren, ist schwer."

Carla Brauer (10) besucht die 5. Klasse des achtjährigen Gymnasiums

"Ich finde es doof, dass ich jetzt auf dem G8 bin, ich wäre lieber G9. Es ist zwar gut, dass wir ein Jahr weniger Schule haben, aber man muss umso mehr lernen. Ich finde, das bringt nichts, es macht alles nur hektischer. Die Schule macht mir schon noch Spaß, aber in der Grundschule war es netter. Meine Noten waren auch besser, weil es nicht so stressig war.

Insgesamt habe ich 31 Stunden Unterricht in der Woche, daran musste ich mich erst gewöhnen. Wir bekommen viele Hausaufgaben, auch übers Wochenende. Unsere Lehrer sagen dann immer: "Am Wochenende habt ihr ja Zeit". Aber das ist es ja gerade: Da kann ich einmal ausschlafen, und dann muss ich doch wieder lernen. Meistens setze ich mich samstags gleich nach dem Frühstück an die Arbeit, dann habe ich es hinter mir.

Mein Bruder hat viel weniger Hausaufgaben, deswegen hat er auch mehr Freizeit - das ist wirklich gemein. Dabei ist David viel älter und vier Klassen über mir! Neidisch bin ich nicht auf ihn, aber ich ärgere mich darüber.

Manchmal haben die Lehrer aber auch Verständnis für uns: Neulich wollte uns ein Lehrer noch mehr Aufgaben geben, aber die ganze Klasse hat gestöhnt und da hat er es gelassen. Oft ist mein Kopf richtig voll gestopft, dann habe ich noch nicht mal Lust, etwas mit meinen Freundinnen zu unternehmen. Aber wenn wir uns treffen und ein bisschen reden oder nach draußen gehen, ist das für mich doch Entspannung. Zusammen mit meiner Freundin gehe ich auch zum Volleyball und in den Klarinettenunterricht, das macht Spaß. Aber wir haben für all so was viel weniger Zeit als früher. Wir können nachmittags auch nicht mehr spontan losziehen. Wenn ich könnte, würde ich die Nachmittagsschule abschaffen und morgens auch mal später anfangen. Dann wäre es nicht so anstrengend."

David Brauer (14), besucht die 9. Klasse im G9

"Ich bin im letzten Jahrgang, der in Baden-Württemberg noch das Abitur nach 13 Jahren macht. In der Woche habe ich dreißig Unterrichtsstunden und einmal Nachmittagsunterricht. Für die Hausaufgaben brauche ich im Schnitt höchstens eine Dreiviertelstunde täglich, da bleibt genug Zeit für meine Hobbys: Volleyball, Leichtathletik und Schlagzeug.

Meine kleine Schwester Carla hat mehr Unterricht als ich. Der Wechsel von der Grundschule ins G8 für sie eine heftige Umstellung gewesen, ihre Noten sind auch ganz schön abgesackt. Ich kenne aber auch Schüler aus der achten Klasse, dem ersten G8-Jahrgang, und die haben nicht mehr so große Schwierigkeiten. Man gewöhnt sich wohl an den Druck und die Stoffmenge. Und Carla ist ein kluges Mädchen, die packt das schon.

Ich helfe ihr auch bei den Hausaufgaben, oft lerne ich am Wochenende mit ihr. Unser Familienleben hat sich schon verändert, seit Carla auf dem Gymnasium ist: Wir haben zum Beispiel schon lange keine Ausflüge mehr gemacht. Auf jeden Fall bin ich ganz froh, dass ich neun Jahre Zeit fürs Gymnasium habe. Im Moment ist der Unterricht zwar ein bisschen langweilig, und etwas mehr Druck dahinter wäre gut - aber bitte nicht ganz soviel wie bei G8. Ich möchte auch keine Ganztagesschule, dann hätte ich ja keine Gelegenheit mehr, die Freunde zu treffen, die nicht mit mir in die Schule gehen. Eine Art "G8-einhalb" - das wäre prima."

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Protokolle: Karen Bofinger Fotos: Maja Metz, Corbis, privat
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